Bipolare Störung oder schwere depressive Episode?
Zu den wichtigen Differenzialdiagnosen einer bipolaren Störung gehört auch die Diagnose einer schweren depressiven Episode. Es ist von entscheidender Bedeutung, die richtige Diagnose zu stellen, um eine angemessene Therapie zu ermöglichen. Die Behandlung von depressiven Phasen einer bipolaren Störung umfasst typischerweise Antipsychotika der 2. Generation und Stimmungsstabilisatoren, während der Einsatz von Antidepressiva aufgrund des Risikos eines Übergangs in eine manische Phase oder eines Rapid Cycling nur in Ausnahmefällen erfolgt. Eine reine schwere depressive Episode hingegen, wird in der Regel medikamentös mit Antidepressiva behandelt.
Klinische Symptome und Risiko für Fehldiagnosen
Die Ähnlichkeit der klinischen Symptome während depressiver Phasen erschwert die Diagnosestellung. Bei etwa 40% der Patienten mit einer bipolaren Störung wird zunächst sogar die falsche Diagnose gestellt. Es besteht eine vermehrte Bereitschaft der Patienten, sich eher mit depressiver Symptomatik als mit manischen Beschwerden ärztliche Hilfe zu suchen. Dies kann zu einer Fehldiagnose einer depressiven Episode anstatt einer bipolaren Störung führen.
Das Metabolom
Das Metabolom spiegelt den Stoffwechselzustand eines Organismus wider und umfasst die Gesamtheit aller Stoffwechselwege. Analog zu den Genen, die das Genom, sowie den Proteinen, welche das Proteom bilden, verhält es sich mit den Metaboliten, welche das Metabolom bilden. Metaboliten sind kleinste Moleküle, die während des Stoffwechsels von Aminosäuren, Kohlenhydraten, Lipiden, Nukleosiden, Steroiden, Alkoholen usw. sowie von exogenen Stoffen, wie sie über die Nahrung und die Umwelt aufgenommen werden, entstehen oder auch abgebaut werden. Die Analyse dieser Metaboliten durch meist massenspektrometrische Methoden in biologischen Proben (z. B. Blut, Urin, Gewebe) ermöglicht die Erstellung eines individuellen Profils und gibt Aufschluss über den Gesundheitszustand des Individuums, was gezielte Therapien unterstützen kann.
Höhere Sicherheit in der Diagnosestellung durch Biomarker-Profil
Forscher der Universität Cambridge in Großbritannien untersuchten, ob es möglich wäre, mithilfe der Untersuchung des Metaboloms in Trockenblutproben von Patienten eine bessere Unterscheidung zwischen einer depressiven Episode einer bipolaren Störung und einer reinen schweren depressiven Episode zu treffen.
Ihre Ergebnisse zeigen, dass etwa 30% der Patienten, die zuvor fälschlicherweise die Diagnose einer schweren depressiven Episode erhielten, tatsächlich an einer bipolaren Störung litten. Diese Patienten wiesen ein bestimmtes Biomarker-Profil auf, das mit manischen Symptomen und der psychiatrischen Vorgeschichte der Patienten korrelierte, wobei Ceramide dabei die größte Rolle spielten [1].
Kleine Studie mit großer Wirkung?
Obwohl die Studie mit 241 Teilnehmern klein war und hauptsächlich eine weiße Population umfasste, deuten die Daten darauf hin, dass eine reproduzierbare metabolomische Analyse dazu beitragen kann, Fehldiagnosen zu minimieren oder zu vermeiden. Die Erkenntnis, dass Ceramide eine wichtige Rolle bei bipolaren Störungen spielen könnten, weist darauf hin, dass sie auch in den Pathomechanismus involviert sein könnten. Die Metabolomik könnte somit dazu beitragen, das Verständnis der biologischen Vorgänge bei psychiatrischen Erkrankungen zu verbessern, was weitere Forschung notwendig macht.





