Ehe als Risikofaktor für Demenz?

Eine Langzeitstudie mit über 24.000 Teilnehmenden stellt infrage, ob die Ehe wirklich vor Demenz schützt. Neue Erkenntnisse zeigen: Unverheiratete sind seltener von Demenz betroffen. Wie erklären Forscher diese überraschenden Ergebnisse?

Aelteres Paar beim Fernsehen

Ehe als Schutzfaktor? Aktueller Forschungsstand zur Demenzprävention

Der Familienstand wird seit langem als möglicher Einflussfaktor auf die Gesundheit älterer Menschen diskutiert. Insbesondere die Ehe galt traditionell als schützender Rahmen, der durch soziale Unterstützung, psychische Stabilität und gemeinsame Lebensführung das Risiko chronischer Erkrankungen senken könnte. Auch im Kontext der Demenz wurde angenommen, dass verheiratete Personen durch frühzeitigere Erkennung und Unterstützung durch Partner Vorteile genießen. Frühere Studien zeigten jedoch widersprüchliche Ergebnisse: Während einige Arbeiten eine protektive Wirkung der Ehe beschrieben, identifizierten andere kein oder sogar ein erhöhtes Risiko.

Aktuelle Studie beleuchtet Zusammenhang zwischen Familienstand und Demenzrisiko

Angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen – wie dem Anstieg der Zahl älterer, alleinstehender Menschen – gewinnt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Familienstand und Demenzrisiko weiter an Bedeutung. Die vorliegende Studie liefert dazu neue, teils unerwartete Erkenntnisse.

Langzeitbeobachtung mit über 24.000 älteren Erwachsenen

Die Untersuchung basiert auf Daten des US-amerikanischen National Alzheimer’s Coordinating Center (NACC) und umfasste 24.107 Personen ohne Demenz zu Studienbeginn. Über einen Zeitraum von bis zu 18 Jahren wurden diese regelmäßig klinisch untersucht. Ziel war es, den Zusammenhang zwischen dem Familienstand zum Basiszeitpunkt und dem Auftreten von Demenz – inklusive Subtypen wie Alzheimer-Krankheit (AD), Lewy-Körper-Demenz (LBD), vaskulärer Demenz (VD) und frontotemporaler Demenz (FTLD) – zu analysieren.

Neben dem Familienstand wurden demografische, gesundheitliche und genetische Einflussfaktoren berücksichtigt, darunter APOE-ε4-Status, Depressionen, vaskuläre Risikofaktoren sowie Lebenssituation und Art der Studienrekrutierung (z. B. Selbstvorstellung versus ärztliche Zuweisung).

Überraschende Ergebnisse: Geringeres Demenzrisiko bei Unverheirateten

Die Ergebnisse widerlegen die verbreitete Annahme eines Ehevorteils:

Unverheiratete – also verwitwete, geschiedene und nie verheiratete Personen – zeigten im Vergleich zu Verheirateten ein signifikant geringeres Risiko für Demenz. Dies betraf insbesondere die Alzheimer-Krankheit und LBD. Unter Berücksichtigung von Alter und Geschlecht, zeigten alle Nichtverheirateten ein signifikant vermindertes Demenzrisiko: Verwitwete minus 27 %, Geschiedene minus 34 % und Ledige minus 40 %. 

Im voll adjustierten Modell verblieb ein signifikant reduziertes Risiko für Geschiedene (Hazard Ratio [HR] = 0,83) und Nie-Verheiratete (HR = 0,76). Auch die Progression von leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) zu Demenz verlief bei Unverheirateten langsamer. Keine signifikanten Unterschiede wurden hingegen für VD und MCI-Inzidenz festgestellt.

Diese Ergebnisse blieben auch nach Berücksichtigung potenzieller Störfaktoren wie genetischer Prädisposition, Depressionen oder der Dauer des Beobachtungszeitraums stabil.

Diagnostikverzögerung oder neue Schutzfaktoren bei Unverheirateten?

Die Autoren diskutieren verschiedene Hypothesen für diese Ergebnisse: Einerseits könnten die geringeren Diagnoseraten bei Unverheirateten auf eine verzögerte Erkennung kognitiver Symptome zurückzuführen sein – etwa durch das Fehlen eines aufmerksamen Partners. Andererseits könnten psychosoziale Ressourcen wie Freundschaften, soziale Aktivität oder höhere Lebenszufriedenheit nach Trennung oder Verwitwung schützend wirken. Frühere Studien zeigten, dass insbesondere schlecht funktionierende Ehen mit erhöhtem Gesundheitsrisiko assoziiert sind – womit sich die Qualität der Partnerschaft als zentraler Faktor herauskristallisiert.

Neue Perspektiven auf Familienstand und Demenzrisiken

Diese Ergebnisse eröffnen neue Perspektiven für Prävention und Diagnostik:

  • Die Ehe sollte nicht pauschal als Schutzfaktor gewertet werden.
  • Diagnostische Verzögerungen bei Alleinlebenden müssen berücksichtigt werden.
  • Die soziale Vernetzung – unabhängig vom Familienstand – könnte ein entscheidender Prädiktor sein.

Zukünftige Forschung sollte genauer untersuchen, welche psychosozialen und biologischen Mechanismen dem beobachteten Zusammenhang zugrunde liegen. Dabei könnten Aspekte wie Beziehungsqualität, Dauer des Alleinlebens, soziale Integration und finanzielle Ressourcen berücksichtigt werden. Die geplanten Erweiterungen des NACC-Datensatzes um soziale Determinanten bieten hierfür eine vielversprechende Grundlage.

Autor:
Stand:
26.05.2025
Quelle:

Karakose et al. (2025): Marital status and risk of dementia over 18 years: Surprising findings from the National Alzheimer’s Coordinating Center. Alzheimer's & Dementia, DOI: 10.1002/alz.70072.

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