Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa haben ein höheres Risiko für Depressionen und Angststörungen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung. Dabei gehen Depressionen mit einer schlechteren Prognose der CED einher. Bei chronischen Erkrankungen ist generell ein erhöhtes Depressionsrisiko bekannt, bedingt durch die Einschränkungen und die reduzierte Lebensqualität, die mit der jeweiligen Erkrankung einhergehen. Bei CED könnte aber auch die Verbindung über die Darm-Hirn-Achse eine Rolle spielen.
Bidirektionale Beeinflussung auf der Darm-Hirn-Achse
Die Darm-Hirn-Achse rückt im Zusammenhang mit den aktuellen Forschungsfortschritten auf dem Gebiet des intestinalen Mikrobioms zunehmend auch in den öffentlichen Fokus. Der Begriff Darm-Hirn-Achse bezeichnet das komplexe Zusammenspiel von Darm und Gehirn, basierend auf verschiedenen Metaboliten, dem autonomen Nervensystem, dem neuroendokrinen System, dem Immunsystem und der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse. Über diese Systeme beeinflussen sich Darm und Gehirn gegenseitig, in beide Richtungen, und nicht nur vom Darm zum Gehirn, wie der Begriff Darm-Hirn-Achse möglicherweise impliziert.
Erhöhen Depressionen das Risiko für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa?
Daher ist die Fragestellung naheliegend, ob nicht nur – wie bereits bekannt – eine CED Depressionen auslösen kann, sondern auch, ob Depressionen für eine CED prädisponieren? Bislang gibt es zu dieser Fragestellung keine sichere Evidenz. Während Frolkis et al. ein zweifach erhöhtes Risiko für CED bei Depressionen zeigen konnten, konnte dies eine Arbeitsgruppe um Blackwell nicht bestätigen [1,2]. Daher gingen Dr. Daniele Piovani von der Humanitas University in Pieve Emanuele, Italien, und sein Team dieser Fragestellung nun erneut nach [3].
Daten von 9 Millionen Menschen analysiert
Für ihre systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse durchsuchten Piovani und Kollegen die Datenbanken MEDLINE/PubMed, Embase und Scopus nach longitudinalen Studien, welche die Assoziation zwischen Depressionen in der Krankengeschichte und neu aufgetretenen CED analysiert hatten. Die Diagnose Depression wurde in den Studien mithilfe einer validierten Skala gemessen, beispielsweise Beck Depression Inventory oder Mental Health Index, oder anhand einer registrierten Diagnose nach ICD (International Classification of Diseases) oder einem entsprechenden Äquivalent. So erhielten die Forscher 9 Millionen Datensätze zur Analyse aus acht Kohortenstudien und fünf verschachtelten Fall-Kontroll-Studien.
Depressionen erhöhen das Risiko für Colitis ulcerosa und Morbus Crohn
Die Auswertung der Daten ergab ein erhöhtes Risiko für Colitis ulcerosa und Morbus Crohn bei Menschen mit Depressionen in der Krankengeschichte. Im Detail stellten sich die Ergebnisse wie folgt dar:
- Morbus Crohn: Relatives Risiko (RR): 1,17; 95% Konfidenzintervall (KI): 1,02 bis 1,34; 7 Studien, 17.676 Fälle
- Colitis ulcerosa: RR: 1,21; 95% KI: 1,10 bis 1,33; 6 Studien, 28 165 Fälle.
Der Zeitraum zwischen dem Auftreten der Depressionen und der folgenden CED-Diagnose betrug im Durchschnitt mehrere Jahre. Es gab keine Anzeichen für eine bedeutende Heterogenität der Studien oder Publikationsbias. Die Ergebnisse bestätigten sich in mehreren Sensitivitätsanalysen.
Fazit für die Praxis
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen ein gering bis moderat erhöhtes CED-Risiko bei Menschen mit Depressionen. Dabei kann die Depression der neu auftretenden CED um mehrere Jahre vorausgehen. Die Ergebnisse können als Hinweise auf einen ätiologischen Zusammenhang interpretiert werden, was aber in folgenden Studien belegt werden muss.
Die Autoren sehen die Resultate der Studie als Wegbereiter für weitere Studien zur Darm-Hirn-Achse und als wichtige Information für Mediziner und Patienten im Hinblick auf geeignete Präventionsstrategien.