Kognitive Defizite bei Long-Covid – Verlust von 6 bis 9 IQ-Punkten

In einer großen englischen Bevölkerungsstudie wiesen Long-Covid-Betroffene größere Defizite in der globalen kognitiven Leistung auf als diejenigen, die nie infiziert waren (–0,42 SD). Dies entspricht einem Verlust von 6 IQ-Punkten.

IQ

Eine Covid-19-Erkrankung kann zu kognitiven Beeinträchtigungen führen, die das Gedächtnis, abstraktes Denken und Exekutivfunktionen betreffen können. Dies ergab eine prospektive Bevölkerungsstudie aus England [1]. Die größten Defizite zeigten Personen, die sich mit dem Wildtyp- oder der Alpha-Variante von SARS-CoV-2 infiziert hatten oder die aufgrund eines schweren Covid-Verlaufs intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Eine Studie aus Norwegen ergab, dass die kognitiven Störungen bis zu drei Jahre anhalten können [2]. Die Ergebnisse beider Studien wurden im 'New England Journal of Medicine' veröffentlicht.

Daten von fast 130.000 Personen ausgewertet

Eine Arbeitsgruppe um Professor Dr. Adam Hampshire vom Department of Brain Sciences am Imperial College in London analysierte Daten von 112.964 Personen, die bereits an der britischen REACT-Studie (Real-Time Assessment of Community Transmission) mit mehr als 3 Millionen Erwachsenen teilgenommen hatten. Die Probanden absolvierten Tests auf der Online-Plattform "Cognitron", die Aussagen über acht kognitive Fähigkeiten zuließen. Ungefähr die Hälfte der Teilnehmenden hatte sich zuvor mit SARS-CoV-2 infiziert.

Signifikante kognitive Verluste bei Long-Covid und Intensivpatienten

Patienten mit anamnestischer SARS-CoV-2-Infektion, deren Symptome in weniger als vier Wochen oder zumindest in zwölf Wochen abgeklungen sind, zeigten im Anschluss an die Erkrankung verringerte kognitive Fähigkeiten. Das globale kognitive Defizit wurde mit -0,23 SD bzw. -0,24 SD beziffert. Da 1 SD etwa 15 Punkten in einem Intelligenz (IQ)-Test entspricht, ergibt sich ein Verlust von drei IQ-Punkten, so die Forschenden.

Personen mit Covid-Symptomen, die zwölf Wochen oder länger anhielten (d. h. Long-Covid-Betroffene), wiesen größere Einschränkungen in der globalen kognitiven Leistung auf als diejenigen, die nie infiziert waren (-0,42 SD bzw. 6 IQ-Punkte). Bei Personen, die sich mit dem Wildtyp oder der Alpha-Variante von SARS-CoV-2 infiziert hatten, wurde ein zusätzliches Defizit von 0,17 SD beobachtet.

Menschen, die auf einer Intensivstation behandelt werden mussten, verloren 0,35 SD mehr als nicht hospitalisierte Personen. Insgesamt ergibt sich ein Verlust von etwa 9 IQ-Punkten. Die Störungen betrafen vor allem das Gedächtnis, das abstrakte Denken und die Exekutivfunktionen (Verlust von 0,22–0,33 SD).

Neben den genannten Durchschnittswerten zeigten einige Teilnehmende erhebliche kognitive Verluste (–2 SD bzw. 6 IQ-Punkte): Bei Long-Covid-Betroffenen wurden derartige Defizite 2,4-fach häufiger und bei den Intensivpatienten 3,6-fach häufiger beobachtet als bei Personen, die nie an einer SARS-CoV-2-Infektion erkrankt waren.

Einschränkungen nur vorübergehend

Es gibt jedoch gute Nachrichten. Die kognitiven Fähigkeiten verbesserten sich nach der Genesung von Long-Covid.

Außerdem zeigten Impfungen geringfügig positive Effekte. Eine Covid-19-Impfung bot je nach Anzahl der Dosen einen marginalen kognitiven Vorteil von 0,08 bis 0,15 SD.

Potenzielle negative Folgen von Long-Covid auf Gesellschaftsebene

Die kognitiven Einschränkungen hatten wahrscheinlich kaum Auswirkungen auf das tägliche Leben der Betroffenen. Auf Bevölkerungsebene sind jedoch aufgrund der hohen Prävalenz von Long-Covid negative Auswirkungen auf das Bildungsniveau, die Arbeitsleistung, Unfallverletzungen und andere Aktivitäten, die intakte kognitive Fähigkeiten erfordern, nicht auszuschließen, kommentierten Ziyad Al-Aly und Clifford J. Rosen von der Washington University School of Medicine in St. Louis [3].

Ob die kognitiven Defizite anhalten oder sich nach der Genesung auflösen, sollte weiter untersucht werden. Ferner könnte das Demenzrisiko langfristig erhöht sein, was in folgenden epidemiologischen Studien geprüft werden müsse, so Al-Aly und Rosen.

Norwegische Studie: Gedächtnisprobleme nach SARS-CoV-2-Infektion über drei Jahre

Die "Norwegian Covid-19 Cohort Study" untersuchte ebenfalls die Auswirkungen von Long-Covid auf die kognitiven Fähigkeiten. Dazu beantworteten 134.373 Probanden wiederholt einen validierten Fragebogen zum Alltagsgedächtnis (Everyday Memory Questionnaire, EMQ), der aus 13 Items besteht und Punktzahlen von 0 bis 52 vergibt. Von diesen Teilnehmern hatten 111.992 dokumentierte Covid-Tests; etwa die Hälfte (57.319) wurde positiv und die andere Hälfte (54.673) negativ getestet.

Die EMQ-Werte waren bei Personen nach einem positiven Covid-Test zu allen Zeitpunkten der Studie (bis zu 36 Monaten) numerisch schlechter als bei denjenigen mit negativem Testergebnis, was auf Gedächtnisprobleme hinweist, so die Forschenden.

Autor:
Stand:
15.03.2024
Quelle:
  1. Hampshire, A. et al. (2024): Cognition and Memory after Covid-19 in a Large Community Sample. New England Journal of Medicine, DOI: 10.1056/NEJMoa2311330.
  2. Ellingjord-Dale, M. et al. (2024): Prospective Memory Assessment before and after Covid-19. New England Journal of Medicine, DOI: 10.1056/NEJMc2311200.
  3. Al-Aly, Z., Rosen, C. J. (2024): Long COVID and impaired cognition – more evidence and more work to do. New England Journal of Medicine, DOI: 10.1056/NEJMe2400189.
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