Lebensstil als modifizierbarer Risikofaktor bei Demenz
Demenzerkrankungen zählen zu den größten medizinischen und gesundheitsökonomischen Herausforderungen weltweit. Mit dem demografischen Wandel steigt ihre Prävalenz kontinuierlich. Trotz neuer krankheitsmodifizierender Therapien bei der Alzheimer-Demenz bleiben Prävention und Verzögerung des Erkrankungsbeginns zentrale Ziele.
Lebensstilfaktoren rücken dabei zunehmend in den Fokus. Die Lancet-Kommission schätzt, dass bis zu 45 % der Demenzfälle potenziell vermeidbar sind, unter anderem durch ausreichende körperliche Aktivität im Erwachsenenalter.
Körperliche Aktivität als präventiver Ansatz gegen Alzheimer & Co.
Zahlreiche Studien belegen, dass regelmäßige Bewegung mit besserer kognitiver Leistungsfähigkeit, günstigen Veränderungen der Hirnstruktur und einem reduzierten Demenzrisiko assoziiert ist. Unklar blieb jedoch bislang, ob bestimmte Lebensphasen – frühes Erwachsenenalter, Lebensmitte oder höheres Lebensalter – besonders relevant für diesen präventiven Effekt sind. Das Timing der Aktivität ist entscheidend für wirksame Präventionsstrategien.
Auswertungen der Framingham-Heart-Studie
Die aktuelle prospektive Kohortenstudie nutzte Daten der „Framingham Heart Study Offspring“-Kohorte, um den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Demenzrisiko zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Erwachsenenlebens zu untersuchen.
Die Analyse umfasste drei Altersgruppen: 26–44 Jahre, 45–64 Jahre und 65–88 Jahre. Die körperliche Aktivität wurde jeweils einmalig mittels eines validierten Physical Activity Index (PAI) erhoben und über bis zu vier Jahrzehnte nachverfolgt.
Körperliche Aktivität ab der Lebensmitte senkt Demenzrisiko deutlich
Die Analyse zeigt ein differenziertes Bild: Eine höhere körperliche Aktivität in der Lebensmitte und im höheren Lebensalter war mit einer signifikanten Reduktion des Risikos für eine Demenz insgesamt sowie für Alzheimer-Demenz verbunden. Personen im höchsten Aktivitätsquintil hatten in der Lebensmitte ein um rund 40 % und im höheren Lebensalter ein um etwa 45 % reduziertes Demenzrisiko im Vergleich zu den inaktivsten Teilnehmenden. Für körperliche Aktivität im frühen Erwachsenenalter ließ sich hingegen kein signifikanter Zusammenhang nachweisen.
Einfluss der Bewegungsintensität je nach Lebensalter
Besonders relevant ist, dass in der Lebensmitte vor allem moderate bis intensive körperliche Aktivität mit einem geringeren Demenzrisiko assoziiert war. Im höheren Lebensalter zeigte sich der protektive Effekt unabhängig von der Intensität, was darauf hindeutet, dass auch niedrigschwellige Bewegung bei älteren Menschen wirksam sein kann.
Genetische Faktoren: APOE-ε4-Status und körperliche Aktivität
Ein weiterer Befund betrifft den APOE-ε4-Status. Der schützende Effekt körperlicher Aktivität in der Lebensmitte war vor allem bei Nicht-Trägern des ε4-Allels ausgeprägt, während im höheren Lebensalter auch Träger von einer hohen Aktivität profitierten. Die Ergebnisse verdeutlichen die komplexe Wechselwirkung zwischen Genetik und Lebensstil.
Demenzprävention: Bewegung zahlt sich aus
Die Studie liefert wichtige Hinweise für die zeitliche Zielrichtung präventiver Maßnahmen. Sie stärkt die Evidenz, dass insbesondere die Lebensmitte ein kritisches Zeitfenster für die interventionsbasierte Demenzprävention darstellt. Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass Ärzte und Apotheker körperliche Aktivität gezielt in dieser Lebensphase adressieren sollten. Gleichzeitig verdeutlichen die Daten, dass es auch im höheren Lebensalter nicht zu spät ist, von Bewegung zu profitieren.
Weitere Studien zu differenziertem Verständnis für Präventionsstrategien nötig
Offene Fragen bleiben, insbesondere zur Rolle der Aktivität in früheren Lebensphasen und zu biologischen Mechanismen, die altersabhängig wirken könnten. Zukünftige Studien mit wiederholten, objektiven Aktivitätsmessungen und diverseren Populationen sind erforderlich. Insgesamt stellt die Arbeit einen wichtigen Schritt dar, um Präventionsstrategien evidenzbasiert zu präzisieren und langfristig die Demenzlast zu reduzieren.



