Mobile Stroke Unit: weniger Folgeschäden bei Schlaganfall

Zeit ist ein entscheidender Faktor beim Schlaganfall. Die Thrombolyse bei geeigneten Patienten muss früh beginnen. Durch Schlaganfall-Einsatz-Mobile ist die Therapieeinleitung schon vor Ort möglich. Das lohnt sich – nicht nur für die Betroffenen, sondern auch ökonomisch.

Mobile Stroke Unit

Kommt es zu einem Schlaganfall, zählt jede Sekunde. Je schneller die Therapie eingeleitet wird, desto besser ist die Prognose. Vor der Therapieentscheidung steht die Diagnose. Die Therapie ist unterschiedlich, je nachdem, ob es sich um einen ischämischen Schlaganfall handelt oder um einen hämorrhagischen Schlaganfall. Letztere sind mit bis zu 20% der Fälle deutlich seltener als ischämische Schlaganfälle.

Kopf-CT zur Therapieentscheidung nötig

Bei einem ischämischen Schlaganfall wird der Gefäßverschluss durch eine medikamentöse Thrombolyse behoben, genau das ist bei hämorrhagischen Schlaganfällen kontraindiziert. Unterscheiden lassen sich die beiden Schlaganfall-Formen mittels CT. Speziell ausgestattete Rettungswagen – als Mobile Stroke Unit (MSU), Schlaganfall-Einsatz-Mobil oder Stroke-Einsatz-Mobil (STEMO) bezeichnet – sind mit einem CT ausgestattet, so dass die zerebrale Bildgebung noch vor Ort durchgeführt werden kann und die Lyse-Therapie bei geeigneten Patienten noch vor Eintreffen in die Klinik möglich ist. Neben dem CT ist ein kleines Labor dabei und ein Neurologe, der zusätzlich in der notärztlichen Versorgung ausgebildet ist.

Einsatz von MSU bei Schlaganfall-Patienten

Zwei Studien unter Beteiligung der Charité-Universitätsmedizin Berlin haben nun die medizinischen und ökonomischen Aspekte von MSUs untersucht. Beide Studien wurden im Journal der American Neurological Association „Annals of Neurology“ veröffentlicht.

Die Studie zu den medizinischen Fragestellungen wurde von einem Team um Erstautorin Dr. Jessica Rohmann durchgeführt [1]. Die Studie hatte das Ziel, den Einfluss der MSUs auf den funktionellen Outcome der Schlaganfall-Patienten zu beurteilen, im Vergleich zum Einsatz eines konventionellen Rettungswagens (kRTW). Das gesamte Spektrum von Schlaganfällen inklusive transitorischer ischämischer Attacken (TIA) wurde dabei abgedeckt. Dazu nutzen die Forscher Daten der Berliner Studie B_PROUD (NCT03027453, Studienzeitraum Februar 2017 bis Mai 2019) und dem angeschlossenen B-SPATIAL-Schlaganfall-Register. In Berlin sind MSUs seit 2017 im Einsatz und bereits erste Zahlen zum Outcome von Patienten, deren Schlaganfalltherapie in der MSU begann, waren vielversprechend.

Vorteile des MSU-Einsatzes

Die Verteilung von Alter und Geschlecht zwischen MSU- und kRTW-Gruppe in der aktuellen Studie war annähernd vergleichbar (MSU: 1.125 Patienten, mittleres Alter 74 Jahre, 46,5% weiblich; kRTW: 1.141 Patienten, mittleres Alter 75 Jahre, 49,9% weiblich). Der primäre Endpunkt war der Behinderungsgrad nach drei Monaten, gemessen mittels modifizierter Rankin-Skala (mRS-Score: 0 = keine Behinderung, 6 = Tod). Dabei schnitten Patienten, deren Erstversorgung unter Einsatz einer MSU stattgefunden hatte, deutlich besser ab. Ihr mRS-Score nach drei Monaten war deutlich besser (Odds Ratio [OR] 0,82; 95%-Konfidenzintervall [KI] 0,71 bis 0,94). Beim co-primären Outcome, dem Behinderungsgrad auf einer dreistufigen Skala, oder der 7-Tages-Mortalität zeigten sich keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen MSU und kRTW (co-primärer Outcome: OR 0,86; 95% KI 0,72 bis 1,01; 7-Tages-Mortalität OR 0,94; 95%-KI 0,59 bis 1,48).

MSU kann Lebensqualität der Patienten verbessern

„Die Ergebnisse sind von großer Bedeutung für die Betroffenen – es ist durchaus relevant für die Lebensqualität, ob man nach einem Schlaganfall eine Behinderung des dritten oder vierten Grades auf der modifizierten Rankin-Skala hat. Auch im Hinblick auf die Folgekosten macht das einen Unterschied, kurz gesagt: Je höher der Behinderungsgrad, desto mehr und längere Therapie ist notwendig“, erklärt Prof. Matthias Endres, Direktor der Klinik für Neurologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin und einer der Studienleiter [2].

Ökonomische Gesichtspunkte von MSU

Im Fazit zu dieser Studie in einer Pressemeldung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) nimmt Endres schon Bezug auf ökonomische Aspekte. Diese hat sich eine Studie unter Erstautorin Dr. Ana Sofia Oliveira Gonçalves im Rahmen der MSU-Einsätze angeschaut [3]. Denn das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist ein wichtiger Faktor im Rahmen politischer Entscheidungen. So gut die Effekte auf den funktionellen Outcome der Patienten in der Studie von Rohmann auch waren, Auswirkungen auf die Sterblichkeit der Patienten gab es nicht. Dies kann verschiedene Ursachen haben, beispielsweise, dass ein Schlaganfall nicht immer gleich von den Betroffenen oder deren Angehörigen erkannt wird.

Die Studienergebnisse zeigen, dass der Einsatz von MSU zu mehr qualitätskorrigierten Lebensjahren (quality-adjusted life year, QALY) führt. Bei QALY handelt es sich um eine Kennzahl der gesundheitsökonomischen Evaluation, welche Gesundheit als subjektives Gut in eine messbare Kennzahl überführen möchte. In der Studie lagen die Mehrkosten pro QALY bei etwa 41.000 Euro, was im international akzeptierten Rahmen liegt.

Mehr MSUs für Deutschland

„In Deutschland gibt es keine offizielle Festlegung, wie viel ein QALY kosten darf, die ‚WHO Commission on Macroeconomics and Health‘ schlägt einen Schwellenwert des Ein- bis Dreifachen des pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts vor, das wären zwischen 58.000 und 175.000 US Dollar, also etwa zwischen 53.000 und 162.000 Euro. Die Mehrkosten für den Einsatz von MSU sind somit auch gesamtgesellschaftlich vertretbar“, so die Einordnung von DGN-Generalsekretär Prof. Peter Berlit [2].

Die aktuelle Leitlinie der European Stroke Organisation (ESO) empfiehlt den Einsatz von Schlaganfall-Einsatz-Mobilen in der prähospitalen Versorgung. Aufgrund der Ergebnisse beider Studien und dem Benefit, der für einzelne Patienten enorm sein kann, sollte die Versorgung mit MSUs in Deutschland weiter ausgebaut werden.

Quelle:
  1. Rohmann et al. (2022): Effect of Mobile Stroke Unit Dispatch in all Patients with Acute Stroke or TIA. Annals of Neurology, DOI: https://doi.org/10.1002/ana.26541
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Pressemeldung, 14.02.2023; abgerufen am 01.03.2023
  3. Gonçalves et al. (2023): Economic Evaluation of a Mobile Stroke Unit Service in Germany. Annals of Neurology, DOI: https://doi.org/10.1002/ana.26602
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