Multiple Sklerose: Therapie an NfL-Werten orientieren

Eine frühzeitige Therapie bei MS-Patienten ist wichtig. Doch welche Therapie ist für den individuellen Patienten geeignet? Zukünftig könnte bei dieser Fragestellung der Biomarker NfL unterstützen, der im Serum gemessen werden kann.

NfL

Multiple Sklerose (MS) zählt zu den Autoimmunerkrankungen. In Deutschland leben laut Zahlen des Bundesversicherungsamtes mehr als 280.000 MS-Patienten. Pro Jahr werden 15.000 Menschen neu mit MS diagnostiziert, wobei Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer betroffen sind. Um Betroffene optimal zu therapieren, ist eine frühzeitige Prognosestellung über den weiteren Krankheitsverlauf wichtig.

Biomarker NfL und GFAP unterstützen Prognosestellung

Biomarker unterstützen bei der Identifizierung von MS-Patienten mit einem Risiko für eine zukünftige Krankheitsaktivität. Neben der Prognosestellung können Biomarker auch zum Therapiemonitoring und im Rahmen von Studien eingesetzt werden.

Bei MS werden die Biomarker Leichtkettenneurofilament (neurofilament light chain, NfL) und GFAP (glial fibrillary acidic protein) intensiv untersucht. NfL ist ein Biomarker, der neuronale Schäden anzeigt und zunächst in den Liquor und dann auch ins Blut abgeben wird. Die Bestimmung der Serum-NfL-Spiegel (sNfL) erlaubt Aussagen über die zukünftige Krankheitsaktivität. GFAP deutet auf chronische Krankheitsprozesse hin. „GFAP und NfL ergänzen sich somit gegenseitig“, sagt Prof. Dr. Jens Kuhle von der Universität Basel in einer Pressemeldung anlässlich einer Studienpublikation seiner Forschungsgruppe [1, 2]. „Sie können uns darin unterstützen, die Behandlung bei MS individueller und vorausschauender zu gestalten“, so Kuhle.

Kohortenstudie unterstützt prognostischen Wert von sNfL

Eine aktuell im Fachjournal „JAMA Neurology“ publizierte Kohortenstudie unterstützt die Ergebnisse der schweizerischen Forschungsgruppe. Ein Team um Dr. Enric Monreal von der Universidad de Alcalá, Madrid, Spanien, untersuchte die Assoziation zwischen sNfL zu Krankheitsbeginn und der Prognose der zukünftigen Krankheitsaktivität in einer multizentrischen Kohorte [3].

sNfL und EDSS in zwei MS-Kohorten untersucht

Monreal und sein Team untersuchten zwei Kohorten. Eine Kohorte bestand aus 327 MS-Patienten, die zwischen 1994 und 2021 mit einem ersten demyelinisierenden Ereignis am Hospital Universitario Ramón y Cajal in Madrid vorstellig wurden. Der Follow-up-Zeitraum dauerte hier bis ins Jahr 2022. Die 251 Patienten der zweiten Kohorte stammen aus acht anderen spanischen Kliniken (Validierungskohorte; Zeitraum 1995-2020, Follow-up bis 2022).

Bei der sNfL-Bestimmung wurden alters- und BMI-korrigierte Werte über 10 pg/ml als hoch eingestuft. Die Forscher prüften, welche Studienteilnehmer anschließend eine über sechs Monate anhaltende Behinderungsprogression zeigten oder einen EDSS-Wert von ≥ 3 aufwiesen. Die Expanded Disability Status Scale (EDSS) gibt Auskunft über den Grad der Behinderung bei MS-Patienten und kann Werte zwischen 0 (keine Behinderung) und 10 (Tod) annehmen.

Hohes sNfL mit Krankheitsprogression assoziiert

In beiden Kohorten zeigte sich während des medianen Follow-up-Zeitraumes von 7,10 Jahren eine Assoziation zwischen sNfL > 10 pg/ml und einem EDSS von 3:

  • Madrid-Kohorte: Hazard Ratio [HR] 4,12; 95%-Konfidenzintervall [KI] 2,18 bis 7,77; p < 0,001
  • Validierungskohorte: HR 2,03; 95%-KI 1,23 bis 3,33; p = 0,005.

Patienten, die hohe sNfL-Basalwerte zeigten und anschließend eine hochwirksame krankheitsmodifizierende Therapie erhielten, hatten ein geringeres Risiko der Progression zu EDSS-Werten von 3 und höher. Als hochwirksame Therapeutika wurden in der Studie alle monoklonalen Antikörper zur MS-Therapie und Mitoxantron gezählt.

Hohes sNfL identifiziert Patienten für hochwirksame Therapeutika

Die Studienergebnisse zeigen, dass hohe sNfL-Level bei Krankheitsbeginn Patienten mit einem hohen Progressionsrisiko identifizieren können. „Die Messung der sNfL-Spiegel könnte helfen, optimale Kandidaten für eine hochwirksame krankheitsmodifizierende Therapie zu identifizieren“, so das Fazit von Monreal und Kollegen.

Eine Limitation der Studie war das retrospektive Studiendesign. Dennoch scheint die Bestimmung von NfL im Serum zu Krankheitsbeginn bei Prognosestellung und Therapieentscheidung unterstützen zu können.

Quelle:
  1. Meier et al. (2023): Serum Glial Fibrillary Acidic Protein Compared With Neurofilament Light Chain as a Biomarker for Disease Progression in Multiple Sclerosis. JAMA Neurology, DOI: 10.1001/jamaneurol.2022.5250
  2. Universität Basel, Pressemeldung, 06.02.2023; abgerufen am 15.03.2023
  3. Monreal et al. (2023): Association of Serum Neurofilament Light Chain Levels at Disease Onset With Disability Worsening in Patients With a First Demyelinating Multiple Sclerosis Event Not Treated With High-Efficacy Drugs. JAMA Neurology, DOI: 10.1001/jamaneurol.2023.0010
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