Gemeinsame und krankheitsspezifische Proteinsignaturen bei neurodegenerativen Erkrankungen

Eine internationale Proteomstudie mit über 10.000 Plasmaproben deckt sowohl gemeinsame als auch krankheitsspezifische molekulare Veränderungen bei Alzheimer, Parkinson und frontotemporaler Demenz auf und liefert neue Ansätze für die Diagnostik.

Forschung Genetik

Neurodegenerative Erkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit (AD), die Parkinson-Krankheit (PD) und die frontotemporale Demenz (FTD) zählen weltweit zu den Hauptursachen kognitiver und motorischer Einschränkungen im Alter. Die Häufigkeit nimmt aufgrund der alternden Bevölkerung stetig zu. Trotz Fortschritten in Bildgebung und Liquordiagnostik sind die molekularen Mechanismen dieser Erkrankungen erst teilweise verstanden, was eine präzise Früherkennung erschwert.

Internationale Proteomanalyse mit über 10.000 Plasmaproben

Ein internationales Forscherteam der Washington University School of Medicine in St. Louis hat im Rahmen des Global Neurodegeneration Proteomics Consortium (GNPC) eine der bisher größten Plasmaproteom-Analysen durchgeführt.

Die in 'Nature Medicine' veröffentlichte Studie umfasste 10.527 Proben: 1.936 von Alzheimer-Patienten, 525 von Parkinson-Patienten, 163 von FTD-Patienten, 1.638 weitere Demenzfälle und 6.265 gesunde Kontrollen. Ziel war es, sowohl gemeinsame als auch krankheitsspezifische Proteinmuster zu identifizieren. Die Ergebnisse wurden durch verschiedene statistische Methoden und unabhängige Validierungen abgesichert.

Deutliche Unterschiede, aber auch überraschend viele Gemeinsamkeiten

Die Analyse zeigte bei Alzheimer 5.187, bei Parkinson 3.748 und bei FTD 2.380 signifikant veränderte Proteine. Über 1.000 dieser Veränderungen traten bei allen drei Erkrankungen auf. Die stärkste molekulare Ähnlichkeit fand sich zwischen Parkinson und FTD (r² = 0,44), während Alzheimer und Parkinson nur minimale Überschneidungen aufwiesen (r² = 0,04).

Gemeinsame molekulare Grundmuster

Über alle Erkrankungen hinweg waren Signalwege des Immunsystems, der Glykolyse und der extrazellulären Matrixorganisation verändert. Auffällig war die durchgängig erhöhte Konzentration von SMOC1, einem Protein, das mit Amyloid- und Tau-Pathologien in Verbindung steht. Das synaptische Protein NPTXR war dagegen in allen Gruppen vermindert.

Trotz dieser gemeinsamen Veränderungen traten bei genauerer Analyse deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Erkrankungen hervor.

Krankheitsspezifische Proteinsignaturen

Die detaillierte Auswertung der Proteomdaten ergab folgende charakteristische molekulare Muster:

  • Alzheimer: Dominanz apoptotischer Prozesse mit erhöhter Expression von CASP3, CASP7 und CASP8. In den regulatorischen Netzwerken nahmen RPS27A und CASP10 zentrale Positionen ein.
  • Parkinson: Im Vordergrund stand eine Störung des Ubiquitin-Systems, erkennbar an Veränderungen bei HGS, ARRDC3, UBE2L6 und UBE2C. Zentrale Regulatoren wie IRAK4 und FOXO3 steuerten Prozesse des oxidativen Stresses und den Abbau von α-Synuclein.
  • Frontotemporale Demenz: Das Muster war durch Veränderungen in Interleukin-Signalwegen und Thrombozytenprozessen geprägt, wobei Schlüsselproteine wie IL-20RA, IL-2, IL-1F10 sowie die lysosomalen Proteasen CTSC, CTSH und CTSV eine zentrale Rolle spielten. MAPK1 fungierte als zentraler Netzwerkknoten und beeinflusste direkt tauopathierelevante Proteine.

Präzise Vorhersagemodelle für jede Erkrankung

Aus den jeweiligen Proteinsignaturen wurden spezifische Vorhersagemodelle entwickelt, die eine hohe diagnostische Treffsicherheit innerhalb der einzelnen Erkrankungen erreichten. Die Alzheimer-Signatur zeigte aufgrund ihrer einzigartigen molekularen Muster eine geringe Übertragbarkeit auf andere Erkrankungen, während die FTD-Signatur teilweise auch auf Parkinson anwendbar war.

Fazit: ein Meilenstein für die molekulare Charakterisierung neurodegenerativer Erkrankungen

Diese umfangreiche Plasmaproteom-Studie liefert ein differenziertes Bild der molekularen Veränderungen bei Alzheimer, Parkinson und FTD. Die klare Trennung krankheitsspezifischer und gemeinsamer Signalwege bietet eine robuste Basis für die Weiterentwicklung präziser, nicht-invasiver Diagnostikmethoden und vertieft das Verständnis der biologischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser Erkrankungen.

Autor:
Stand:
11.09.2025
Quelle:

Ali, M. et al. (2025): Shared and disease-specific pathways in frontotemporal dementia and Alzheimer’s and Parkinson’s diseases. Nature Medicine, DOI: 10.1038/s41591-025-03833-1.

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