Zwei neurokognitive Muster bei ME/CFS und Long-COVID identifiziert

Patienten mit ME/CFS und Long-COVID berichten häufig über Konzentrationsstörungen und Reizüberempfindlichkeit. Eine aktuelle Analyse identifiziert zwei unabhängige neurokognitive Domänen, die diese Beschwerden wissenschaftlich differenzieren und Hinweise auf gemeinsame neuronale Mechanismen liefern.

Gehirn

Neurokognitive Störungen als zentrales Merkmal postviraler Erkrankungen

Kognitive Beeinträchtigungen wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sind zentrale Symptome von Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischen Fatigue-Syndroms (ME/CFS) und Post-Akut-Syndrom nach COVID-19 (PASC, Long-COVID). Frühere Studien zeigten Defizite in Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Wahrnehmung, häufig begleitet von Veränderungen der zerebralen Durchblutung und neuronaler Netzwerke.

Eine aktuelle US- und Europa-Studie identifizierte zwei Muster: klassische Gedächtnis- und Konzentrationsdefizite sowie sensorische Überempfindlichkeiten gegenüber Licht, Geräuschen und anderen Reizen.

Studienaufbau und Teilnehmer

In einer groß angelegten Analyse untersuchten Forscher die neurokognitiven Symptome von 2.313 ME/CFS- und 299 PASC-Patienten aus internationalen Kohorten. 

Alle Teilnehmer erhoben ihre Symptome über den DePaul Symptom Questionnaire (DSQ-1), der 54 Items erfasst, darunter 13 neurokognitive. Die Teilnehmer bewerteten Häufigkeit und Schwere der Symptome auf einer fünfstufigen Likert-Skala (0 = nicht vorhanden bis 4 = ständig/sehr stark). Aus diesen Angaben wurde ein 100-Punkte-Kompositscore pro Symptom erstellt. Unvollständige Datensätze (> 10 % fehlend) wurden ausgeschlossen; einzelne fehlende Werte wurden nach etablierten statistischen Verfahren imputiert.

Identifikation neurokognitiver Domänen

Mittels explorativer Faktorenanalyse wurden die neurokognitiven Symptome in zwei stabile Domänen zusammengefasst:

  • Faktor 1: klassische kognitive Defizite (Gedächtnis, Konzentration, exekutive Funktionen)
  • Faktor 2: sensorische und perzeptive Störungen (Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen, Gerüchen, gestörte Tiefenwahrnehmung)

Patienten mit stärkerer körperlicher Beeinträchtigung erzielten in beiden Faktoren signifikant höhere Werte (p < 0,01). Dies verdeutlicht den Zusammenhang zwischen funktioneller Einschränkung und neurokognitiver Belastung.

Neuronale Mechanismen: Dysregulation des Salienznetzwerks

Zur Erklärung der Befunde verweisen die Autoren auf das sogenannte Triple Network Model nach Menon. Dieses Modell beschreibt das Zusammenspiel von drei miteinander verbundenen neuronalen Netzwerken: das Central Executive Network, das Salience Network und das Default Mode Network.

Dysfunktionen im Central Executive Network könnten die Konzentrations- und Gedächtnisstörungen erklären. Eine Überaktivierung der anterioren Insula im Salience Network dürfte den sensorischen Überempfindlichkeiten zugrunde liegen. Diese Strukturen sind für die Bewertung und Filterung von Reizen verantwortlich; ihre Fehlregulation könnte zu einer Überflutung mit Reizen führen.

Eine verminderte zerebrale Durchblutung, wie sie bei ME/CFS und Long-COVID häufig beobachtet wird, könnte diesen Mechanismus zusätzlich verstärken.

Funktionelle Einschränkungen spiegeln neurokognitive Belastung wider

In beiden Patientengruppen bestand ein klarer Zusammenhang zwischen körperlicher Einschränkung und neurokognitiver Symptomlast. Patienten mit schwerer Beeinträchtigung schnitten in den Tests zu Konzentration, Gedächtnis und sensorischer Verarbeitung signifikant schlechter ab als weniger stark Betroffene.

Diese Ergebnisse untermauern, dass neurokognitive Symptome bei ME/CFS und Long-COVID nicht isoliert auftreten, sondern eng mit dem allgemeinen Funktionsstatus verknüpft sind.

Limitationen und Ausblick

Die Autoren betonen, dass die Diagnosen auf Selbstauskünften basieren und nicht klinisch bestätigt wurden. Ebenso basierte die Erhebung der neurokognitiven Symptome ausschließlich auf Fragebogendaten, nicht auf objektiven neurobiologischen Messungen.

Künftige Studien sollen die identifizierten Domänen mit bildgebenden Verfahren und physiologischen Parametern validieren. Darüber hinaus ist zu untersuchen, inwieweit Begleiterkrankungen die neuronalen Netzwerkveränderungen bei ME/CFS und Long-COVID beeinflussen.

Fazit

Die Studie liefert neue Evidenz für zwei klar unterscheidbare neurokognitive Muster bei postviralen Syndromen. Die Ergebnisse unterstreichen, dass neben klassischen Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsdefiziten auch sensorische Überempfindlichkeiten in Diagnostik und Therapie stärker berücksichtigt werden sollten.

Autor:
Stand:
17.11.2025
Quelle:

Sandoval A. et al. (2025): Two neurocognitive domains identified for patients with myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome and post-acute sequelae of COVID-19. Frontiers in Neurology, DOI: 10.3389/fneur.2025.1612548.

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