Orale Entzündungen und Schlaganfallrisiko: Einfluss von Parodontitis und Karies

Parodontitis und Karies treten häufig gemeinsam auf und stehen zunehmend im Fokus kardiovaskulärer Prävention. Eine aktuelle Kohortenanalyse liefert neue Erkenntnisse zum Einfluss beider Erkrankungen auf das Schlaganfallrisiko.

Karies

Bedeutung oraler Entzündungen für die vaskuläre Gesundheit

Chronische orale Erkrankungen gehören weltweit zu den häufigsten entzündlichen Gesundheitsproblemen. Parodontitis und Karies betreffen Millionen von Menschen und sind eng mit systemischen Entzündungen verknüpft – einem zentralen Treiber atherosklerotischer Prozesse. Parallel dazu bleibt der ischämische Schlaganfall eine der führenden Ursachen für Morbidität und Mortalität. 

Vor diesem Hintergrund rückt die orale Gesundheit zunehmend in den Fokus kardiovaskulärer Prävention. Frühere Studien zeigen, dass sowohl Parodontitis als auch Zahnverlust mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko assoziiert sind. Die Datenlage zur Rolle von Karies ist jedoch weniger konsistent; die kombinierte Wirkung beider Erkrankungen blieb bislang nur unzureichend untersucht.

Relevanz der kombinierten Betrachtung von Parodontitis und Karies

Obwohl Parodontitis und Karies pathologisch verschieden sind, teilen sie zentrale Merkmale: chronische bakterielle Belastung, lokale und systemische Entzündungsreaktionen sowie eine hohe Wahrscheinlichkeit des gemeinsamen Auftretens. Dies wirft die Frage auf, ob die Kombination beider Erkrankungen einen additiven oder sogar synergistischen Einfluss auf vaskuläre Endpunkte haben könnte.

Analyse der ARIC-Studie zur Kombination von Parodontitis und Karies 

Die nun analysierten ARIC (Atherosclerosis Risk in Communities)-Daten adressieren genau diese Forschungslücke und gehen damit über frühere Arbeiten hinaus, die meist nur eine der beiden Erkrankungen betrachteten. Die Studie untersucht zudem, ob eine regelmäßige zahnärztliche Vorsorge einen modifizierenden Einfluss auf orale Gesundheit und vaskuläre Risiken besitzt.

Methodische Grundlagen der ARIC-Analyse

Die Auswertung basiert auf 5.986 Teilnehmende der ARIC-Studie, die zwischen 1996 und 1998 umfassend zahnmedizinisch untersucht wurden. Die Kohorte wurde in drei Kategorien eingeteilt:

  • Gute orale Gesundheit (n=1.640),
  • Parodontitis ohne Karies (n=3.151),
  • Parodontitis mit Karies (n=1.195).

Teilnehmende mit vorausgegangener koronarer Herzkrankheit (KHK) oder ischämischem Schlaganfall wurden ausgeschlossen. Über einen medianen Zeitraum von 21 Jahren wurden ischämische Schlaganfälle, Subtypen sowie MACE (major adverse cardiovascular events) mittels adjudizierter Daten erfasst. Zur Risikoberechnung kamen Cox-Modelle mit mehrstufiger Adjustierung zum Einsatz.

Risikosteigerung für ischämische Schlaganfälle und MACE durch Parodontitis und Karies

Die Analysen zeigen, dass die Teilnehmer während des Follow-ups mit folgender Verteilung einen ischämischen Schlaganfall hatten:

  • 4,1 % der Personen mit guter Mundgesundheit,
  • 6,9 % mit Parodontitis,
  • 10,0 % mit Parodontitis + Karies.

Auch die MACE-Häufigkeit war entsprechend gestaffelt. Nach umfassender Adjustierung zeigte sich:

  • Parodontitis + Karies: Hazard Ratio [HR] 1,86 für ischämischen Schlaganfall
  • Parodontitis allein: HR 1,44.

Die Kombination beider Erkrankungen war ebenfalls mit einem erhöhten Risiko für MACE assoziiert (HR 1,36). Besonders ausgeprägt waren die Zusammenhänge für thrombotische und kardioembolische Schlaganfälle. Lakunäre Schlaganfälle zeigten keine signifikante Assoziation.

Positiver Einfluss regelmäßiger zahnärztlicher Betreuung

Eine regelmäßige Zahnvorsorge zeigte sich in der Studie deutlich protektiv:

  • Reduzierte Wahrscheinlichkeit für Parodontitis (Odds Ratio [OR] 0,71),
  • Markante Risikoreduktion für Parodontitis + Karies (OR 0,19).

Dies unterstreicht die zentrale Bedeutung präventiver zahnmedizinischer Maßnahmen für die orale und vaskuläre Gesundheit.

Kombination von Karies und Parodontitis als unabhängiger vaskulärer Risikofaktor 

Die Studie belegt, dass kombinierte orale Entzündungen ein unabhängiger Risikofaktor für ischämische Schlaganfälle und MACE sind. Die Daten unterstützen die Forderung, die Mundgesundheit stärker in die kardiovaskuläre Prävention zu integrieren.

Förderung der Mundgesundheit kann Schlaganfallrisiko senken

Für die klinische Praxis bedeuten die Ergebnisse:

  • Orale Entzündungen sollten bei Risikoeinschätzungen berücksichtigt werden.
  • Die Förderung regelmäßiger zahnärztlicher Vorsorge ist ein potenziell wirksamer Ansatz zur Reduktion vaskulärer Ereignisse.
  • Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zahnmedizin, Allgemeinmedizin, Kardiologie und Neurologie wird wichtiger.

Weitere Untersuchungen sollten als randomisierte Interventionsstudien konzipiert werden, um den kausalen Effekt parodontaler Therapie auf die Inzidenz von Schlaganfällen und MACE zu klären. Die vorliegenden Ergebnisse stellen einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer umfassenden Präventionsstrategie dar.

Autor:
Stand:
08.12.2025
Quelle:

Wood et al. (2025): Combined Influence of Dental Caries and Periodontal Disease on Ischemic Stroke Risk. Neurology Open Access, DOI:10.1212/WN9.0000000000000036.

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