Polio-Nachweis in Deutschland: Bedeutung von Impfung und Abwasser-Surveillance

Aktuelle Nachweise von Polioviren im Abwasser mehrerer deutscher Städte unterstreichen die Bedeutung eines vollständigen Impfschutzes und einer verlässlichen Enterovirus-Surveillance. Vulnerable Gruppen wie Kinder und immundefiziente Erwachsene könnten sich sonst infizieren, warnen Experten.

Poliomyelitis Impfung

Anhaltende Bedrohung durch Poliomyelitis trotz globaler Impfprogramme

Poliomyelitis, im Volksmund als Kinderlähmung bezeichnet, ist dank weltweiter Impfkampagnen stark zurückgegangen. Dennoch stellen sogenannte zirkulierende impfstoffabgeleitete Polioviren (cVDPV) weiterhin eine Herausforderung dar – insbesondere in Regionen mit unzureichender Impfabdeckung. Die von oralen Lebendimpfstoffen (OPV) abgeleiteten Virusvarianten können bei nicht oder unvollständig geimpften Personen zu einer Poliomyelitis führen. Weltweit wurden in den letzten Jahren vermehrt cVDPV-Fälle dokumentiert, was das Risiko von Rückschlägen bei der Polioeradikation erhöht.

Umfassender Polio-Impfschutz in der Bevölkerung und Surveillance weiter notwendig

In Ländern mit hohen Hygienestandards tritt die klassische fäkal-orale Übertragung seltener auf. Dennoch bleibt eine Infektion möglich – über respiratorische Wege oder Reiserückkehrer aus Endemiegebieten. Ein umfassender Impfschutz in der Bevölkerung sowie gezielte Überwachungssysteme sind daher essenziell, um neue Ausbrüche frühzeitig zu erkennen und einzudämmen.

Aktuelle Nachweise von cVDPV2 in deutschen Abwässern

Seit Anfang 2025 wurden an mehreren Standorten in Deutschland zirkulierende impfstoffabgeleitete Polioviren Typ 2 (cVDPV2) in Abwasserproben identifiziert. Betroffen sind u. a. Dresden, Mainz, München und Stuttgart. Die Nachweise stammen aus verschiedenen Kalenderwochen, was auf eine länger andauernde Viruszirkulation hindeutet.

Genomsequenzierungen durch das Nationale Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren (NRZ PE) belegen, dass die Virusvarianten zu einem gemeinsamen europäischen Cluster gehören, der bereits in Spanien, Polen, Finnland und im Vereinigten Königreich nachgewiesen wurde. 

Übertragung von cVDPV2, jedoch keine klinischen Polio-Fälle

Die Virusnachweise im Abwasser zeigen eine virale Ausscheidung über den Stuhl infizierter Personen. Vollständig Geimpfte sind in der Regel gut vor einer Erkrankung geschützt, können das Virus aber dennoch übertragen. Die exakte Zahl infizierter Personen bleibt unklar, da die Abwasseranalytik keine direkte Quantifizierung erlaubt.

Zudem lässt sich bisher nicht mit Sicherheit bestimmen, ob es sich um neue, importierte Fälle handelt oder um lokale Übertragungsketten. Klinische Fälle von Poliomyelitis wurden laut Robert Koch-Institut (RKI) bislang in Deutschland nicht gemeldet. Dennoch wird aufgrund der regionalen Häufung der Virusnachweise und der Dauer des Geschehens eine begrenzte Mensch-zu-Mensch-Übertragung vermutet.

Für vollständigen Impfschutz sensibilisieren

Die wichtigste präventive Maßnahme gegen Poliomyelitis bleibt der vollständige Impfschutz gemäß den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). Insbesondere Kinder und immundefiziente Erwachsene sollten einen vollständigen Impfschutz erhalten und ihn bei Bedarf auffrischen lassen. Medizinisches Fachpersonal ist aufgerufen, den Impfstatus konsequent zu überprüfen und entsprechend zu beraten.

Nationale Enterovirus-Surveillance bietet Diagnostik bei Verdachtsfällen

Zur Früherkennung von Erkrankungsfällen bietet die Nationale Enterovirus-Surveillance eine kostenfreie Diagnostik bei Verdacht auf virale Meningitiden, Enzephalitiden oder akute schlaffe Paresen an. Hierzu stehen zentrale Laborstandorte zur Verfügung, ergänzend bietet das NRZ PE einen kostenfreien Poliovirus-Ausschluss bei Enterovirus-positiven Patientenproben an.

Polio-Surveillance als Frühwarnsystem

Die aktuelle Situation zeigt, dass auch in Ländern mit hoher Gesundheitsversorgung Risiken durch impfstoffabgeleitete Polioviren bestehen bleiben. Die kontinuierliche Surveillance – sowohl klinisch als auch im Abwasser – ist ein unverzichtbares Frühwarnsystem.

Für die klinische Praxis bedeutet dies: Erhöhte Aufmerksamkeit bei neurologischen Symptomen unklarer Genese, konsequente Impfberatung und Nutzung der diagnostischen Angebote.

Autor:
Stand:
04.08.2025
Quelle:

Robert Koch-Institut: Weitere Polioviren-Nachweise in Abwasserproben. Epid Bull 2025; 27:13-14 | 10.25646/13271

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