Eine französische Studie weist auf einen potenziell krankheitsmodifizierenden Effekt von hochdosiertem Vitamin D bei Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom (CIS) hin, also der Erstmanifestation einer Multiplen Sklerose (MS). Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hebt die Relevanz dieser Ergebnisse hervor, warnt jedoch nachdrücklich vor der eigenmächtigen Einnahme hoher Dosen ohne ärztliche Überwachung.
Hochdosiertes Cholecalciferol reduziert Krankheitsaktivität
Die randomisierte, multizentrische und Placebo-kontrollierte D-Lay-MS-Studie untersuchte die Wirkung von Cholecalciferol in einer Dosierung von 100.000 internationalen Einheiten (IU) alle zwei Wochen. Eingeschlossen wurden 316 therapienaive Patienten mit CIS und einem Vitamin-D-Spiegel unter 100 nmol/l. Die Ergänzungstherapie erfolgte über zwei Jahre und 288 Teilnehmende schlossen die Studie ab. Das primäre Ziel war die Reduktion der Krankheitsaktivität, definiert als klinische Schübe oder neue bzw. kontrastmittelaufnehmende MRT-Läsionen.
Geringere Krankheitsaktivität unter Vitamin D
In der Vitamin-D-Gruppe wurde eine signifikant geringere Krankheitsaktivität dokumentiert als unter Placebo (60,3 % vs. 74,1 %; Hazard Ratio: 0,66). Die mediane Zeit bis zum Auftreten einer Manifestation war in der Verumgruppe im Vergleich zum Placebo deutlich verlängert (432 vs. 224 Tage).
Auch in der Bildgebung bestätigte sich der protektive Effekt. Neue Läsionen wurden bei 72 Teilnehmern der Vitamin-D-Gruppe beobachtet, gegenüber 87 unter Placebo. Kontrastmittelaufnehmende Läsionen traten bei 29 vs. 50 Personen auf. Eine Subgruppenanalyse an 247 Patienten, die die McDonald-Kriterien für eine schubförmige MS erfüllten, jedoch noch keine Immuntherapie erhalten hatten, zeigte mit Blick auf Krankheitsaktivität und Bildgebung vergleichbare Ergebnisse.
Vitamin D als ergänzender Therapieansatz?
Die Studienautoren sehen in der Gabe von hochdosiertem Vitamin D einen potenziellen Ansatz zur Modulation der Krankheitsaktivität in der frühen MS-Phase. Auch aus Sicht der DGN unterstreichen die Ergebnisse die mögliche Bedeutung der Vitamin-D-Versorgung zu Beginn der Erkrankung. Eine Substitution könne insbesondere bei bestehendem Mangel sinnvoll sein. Zugleich wird jedoch betont, dass Vitamin D derzeit kein Ersatz für zugelassene Immuntherapien sei. Der Stellenwert als ergänzende Maßnahme müsse in weiteren Studien geklärt werden.
Leitlinienempfehlung und Sicherheit der Anwendung
Nach aktueller S3-Leitlinie zur MS-Therapie ist eine Vitamin-D-Gabe bei nachgewiesenem Mangel indiziert. Eine Anhebung des Spiegels bis in den oberen Normbereich (50 bis 125 nmol/l) kann in Einzelfällen erwogen werden, wobei die Tagesdosis von 4.000 IU nicht überschritten werden sollte. In der D-Lay-Studie entsprach die verabreichte Menge rechnerisch etwa 7.000 IU täglich, die Anwendung erfolgte jedoch kontrolliert und unter Ausschluss potenziell gefährdeter Personen mit Hyperkalzämie oder sehr hohen Ausgangswerten.
Die DGN warnt vor der eigenmächtigen Anwendung von Ultra-Hochdosis-Therapien, wie sie teilweise im Internet propagiert werden. Eine unkontrollierte Einnahme hoher Mengen kann mit schweren Nebenwirkungen wie Nierenschäden oder Herzrhythmusstörungen einhergehen.
Potenzial in klinischen Studien weiter erforschen
Trotz der positiven Ergebnisse bleibt die Studienlage insgesamt uneinheitlich. So hatte eine randomisierte Studie aus Australien und Neuseeland im Jahr 2023 bei täglicher Gabe von bis zu 10.000 IU Vitamin D keinen signifikanten Effekt auf die Konversion von CIS zu einer manifesten MS gezeigt. Die DGN betont daher, dass angesichts dieser widersprüchlichen Befunde weiterer Forschungsbedarf besteht, insbesondere hinsichtlich der potenziellen Wirkung von Vitamin D in der frühen oder sogar präsymptomatischen Krankheitsphase.
Nichtsdestotrotz liefern die Ergebnisse der D-Lay-MS-Studie neue Impulse für die Diskussion um Vitamin D in der MS-Frühtherapie. Die aktuelle Evidenzlage rechtfertigt derzeit keine grundlegende Änderung etablierter Behandlungsstrategien. Allerdings sollte bei CIS und früher MS der Vitamin-D-Status erhoben und ein Mangel gezielt behandelt werden. Eine eigenständige Hochdosis-Therapie ohne ärztliche Kontrolle ist abzulehnen. Weitere Studien sind erforderlich, um den möglichen Nutzen von Vitamin D neben immunmodulatorischen Therapien zu evaluieren.





