Künstliche Süßstoffe und ihr Krebsrisiko

Eine groß angelegte Kohortenstudie zeigt, dass Süßstoffe keine sichere Alternative zu Zucker in Lebensmitteln und Getränken sind, da insbesondere Aspartam und Acesulfam-K das Krebsrisiko der Konsumenten signifikant erhöhen.

Frau nimmt Süssstoff

Hintergrund

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt den Zuckerkonsum auf 10% der täglichen Energiezufuhr zu beschränken, da ein übermäßiger Zuckerkonsum gesundheitsschädliche Auswirkungen mit sich bringen kann. Um nicht auf den süßen Geschmack zu verzichten, hat die Lebensmittelindustrie damit begonnen, Zucker durch künstliche Süßstoffe zu ersetzen. Dies ermöglicht die Kalorienzufuhr zu reduzieren, aber die Süße der Produkte zu erhalten. Zu den am häufigsten verwendeten künstlichen Süßstoffen zählen Aspartam (E951), Acesulfam-K (E950) und Sucralose (E955).

Nach den ersten Bewertungen durch Gesundheitsbehörden, die keine ausreichenden Belege für Risiken beim Verzehr von künstlichen Süßstoffen sahen, und jüngsten epidemiologischen und experimentellen Studie, die hierzu widersprüchliche Ergebnisse lieferten, haben die Gesundheitsbehörden beschlossen, die künstlichen Süßstoffe neu zu bewerten.

Unumstritten ist, dass für die Bewertung des Krebsrisikos von künstlichen Süßstoffen, insbesondere für die Rolle von Aspartam bei der Krebsentstehung, weitere Studien notwendig sind. Bislang existieren nur in-vitro und in-vivo Studien, die eine potenzielle Rolle der künstlichen Süßstoffe bei der Krebsentstehung sehen. Bislang wurden aber keine prospektiven Kohortenstudien durchgeführt, die einen Zusammenhang zwischen dem Krebsrisiko und der quantitativen Aufnahme von künstlichen Süßstoffen aus der Nahrung untersuchen und dabei die verschiedenen Arten von Süßstoffen unterscheiden. Bereits durchgeführte Studien untersuchten zumeist die Aufnahme von Süßstoffen anhand des Gesamtkonsums von künstlich gesüßten Getränken.

Zielsetzung

Die Studie untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der Aufnahme von künstlichen Süßstoffen mit der Nahrung und dem Risiko an Krebs zu erkranken gibt [1]. Dabei sollte die Aufnahme von künstlichen Süßungsmitteln aus einer breiten Palette von Produkten berücksichtigt werden. Hierzu zählen, neben aromatisierten Joghurts und zuckerarmen Snacks, auch Fertiggerichte. Weiterhin sollten die spezifischen Arten der Süßungsmittel berücksichtigt werden.

Methodik

Die NutriNet-Santé-Studie basiert auf einer webbasierten Kohorte aus der französischen Bevölkerung. Teilnehmen an der Studie konnten Erwachsene mit einem Internetzugang, die mit Hilfe von Fragebögen beobachtet wurden. Der Gesundheitszustand wurde zu Beginn der Studie und danach jährlich erhoben. Erhoben wurden außerdem anthropometrische Daten, körperliche Aktivität, Lebensstil, soziodemografische Merkmale und die Ernährung. Die Studie wurde entwickelt, um Zusammenhänge zwischen einer Vielzahl von ernährungsbedingten Belastungen und dem Auftreten von chronischen Krankheiten und Krebs zu untersuchen.

Die Aufnahme und der Verzehr von künstlichen Süßungsmitteln wurde durch wiederholte 24-Stunden-Ernährungsaufzeichnungen ermittelt. Der Zusammenhang zwischen Süßstoffen und der Krebsinzidenz wurde anhand von Cox-Proportional-Hazard-Modellen bewertet, die für Alter, Geschlecht, Bildung, körperliche Aktivität, Rauchen, Body-Mass-Index, Körpergröße, Gewichtszunahme während der Nachbeobachtung, Diabetes, Krebs-Erkrankungen in der Familie, Anzahl der 24-Stunden-Ernährungsaufzeichnungen und entsprechend der Aufnahme von Kalorien, Alkohol, Natrium, gesättigten Fettsäuren, Ballaststoffen, Zucker, Obst und Gemüse, Vollkornprodukten korrigiert wurden.

Ergebnisse

In die NutriNet-Santé-Studie wurden 128.343 Probanden zwischen 2009 und 2021 eingeschlossen. Von diesen konnten 102.865 Probanden in der Analyse berücksichtigt werden.

Patientencharakteristika

Die Probanden hatten eine mediane Nachbeobachtungsdauer von 7,8 Jahren. Es wurde zwischen Süßstoffkonsumenten und Nicht-Konsumenten unterschieden. Die Konsumenten wurden weiter unterschieden in Konsumenten mit niedriger Süßstoffaufnahme und solche mit einer hohen Süßstoff-Aufnahme. Das mittlere Alter lag bei Studienbeginn bei 42,2 ± 14,5 Jahren und 36,9% der Probanden konsumierten Süßstoffe.

Assoziation zwischen Süßstoff-Aufnahme und Krebsrisiko

Es zeigte sich, dass die Konsumenten von vielen Süßstoffen gegenüber den Nicht-Konsumenten ein erhöhtes Krebsrisiko aufwiesen (Hazard Ratio [HR]: 1,13; 95%-Konfidenzintervall [KI]: 1,03-1,25; ptrend=0,002). Insgesamt erkrankten 3.358 Probanden an Krebs. Bei 403 Probanden wurde Prostatakrebs diagnostiziert, bei 2.023 Probanden Adipositas-bedingte Krebserkrankungen, und bei 982 Probanden Brustkrebs.

Insbesondere der Konsum von Aspartam (HR: 1,15; 95%-KI: 1,03-1,28; p=0,002) und Acesulfam-K (HR: 1,13; 95%-KI: 1,01-1,26; p=0,007) war mit einem erhöhten Krebsrisiko verbunden. Ein erhöhtes Brustkrebsrisiko wurde für Aspartam beobachtet (HR: 1,22; 95%-KI: 1,01-1,48; p=0,036) und für Adpositas-bedingte Krebserkrankungen für Süßstoffe im Allgemeinen (HR: 1,13; 95%-KI: 1,00-1,28; p=0,036) sowie für Aspartam (HR: 1,15; 95%-KI: 1,01-1,32; p=0,026).

Keine Assoziation hingegen zeigte sich bei der Aufnahme von Süßstoff und dem BMI oder zwischen den drei wichtigsten Süßstoffen Aspartam, Acesulfam-K und Sucralose.

Fazit

Diese groß angelegte Kohortenstudie konnte zeigen, dass künstliche Süßstoffe, insbesondere Aspartam und Acesulfam-K, die weltweit in vielen Lebensmitteln und Getränken verwendet werden, mit einem erhöhten Krebsrisiko assoziiert sind. Nachgewiesen werden konnte dies für Brustkrebs und Adipositas-bedingte Krebserkrankungen. Die Ergebnisse müssen in weiteren Kohortenstudien bestätigt werden und die zugrunde liegenden Mechanismen durch experimentelle Studien aufgezeigt werden.

Die bisherigen Erkenntnisse sind neu und wichtig für die laufenden Neubewertungen von Süßungsmitteln durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Die Daten sprechen nicht dafür, dass Süßstoffe als sichere Alternative zu Zucker in Lebensmitteln oder Getränken eingesetzt werden können. Dies gilt auch unter der Berücksichtigung, dass die Probanden in freiwilligen Kohorten wie dieser häufiger Frauen sind, ein höheres Bildungsniveau und einen höheren sozio-professionellen Status haben und sich gesundheitsbewusst ernähren.

Autor:
Stand:
18.04.2022
Quelle:

Debras C. et al. (2022): Artificial sweeteners and cancer risk: Results from the NutriNet-Sante ́ population-based cohort study. PLOS Medicine. DOI: https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1003950

 

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