Das Pankreaskarzinom zählt zu den aggressivsten malignen Erkrankungen mit einer 5-Jahres-Überlebensrate von nur rund 13 %. Bekannte Risikofaktoren wie Nikotinabusus, Adipositas, chronische Pankreatitis oder genetische Prädisposition erklären lediglich etwa 30 % der Krankheitsfälle. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, weitere Einflussgrößen zu identifizieren, die sowohl für die Prävention als auch für eine frühzeitige Erkennung von Relevanz sein können.
Vor diesem Hintergrund rückte das orale Mikrobiom als potenzieller Faktor in den Fokus. Frühere kleinere Studien hatten bereits Hinweise geliefert, dass bestimmte orale Bakterien und Pilze bei der Entstehung von Tumoren im oberen Gastrointestinaltrakt eine Rolle spielen könnten.
Prospektive Analyse von 122.000 Teilnehmenden mit Langzeit-Follow-up
Eine im 'JAMA Onkology' veröffentlichte Studie der New York University nutzte Daten aus zwei großen US-amerikanischen Kohorten, um den Zusammenhang zwischen oralen mikrobiellen Profilen und dem Risiko für Pankreaskarzinom zu untersuchen.
Eingeschlossen wurden über 122.000 Probanden, die orale Spülproben bereitgestellt hatten. Bei einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 8,8 Jahren entwickelten 445 Personen ein Pankreaskarzinom. Diese wurden in einer 1:1-Matchanalyse 445 Kontrollpersonen gegenübergestellt, wobei Alter, Geschlecht, Ethnie, Kohortenzugehörigkeit und Zeitpunkt der Probenentnahme berücksichtigt wurden.
Zur Charakterisierung der Mikroben kamen Whole-Genome Shotgun Sequencing (Bakterien) und ITS-Sequenzierung (Pilze) zum Einsatz. Statistische Analysen erfolgten mittels logistischer Regression und ANCOM-BC2.
Identifizierte Risikofaktoren im oralen Mikrobiom
Die Auswertung zeigte drei periodontale Pathogene mit signifikanter Assoziation zum erhöhten Pankreaskarzinomrisiko:
- Porphyromonas gingivalis
- Eubacterium nodatum
- Parvimonas micra
Darüber hinaus wurden 13 weitere Bakterienspezies mit gesteigertem Risiko und acht Bakterienspezies mit vermindertem Risiko identifiziert.
Das Genus Candida, das häufigste orale Pilzgenus, war signifikant mit einem gesteigerten Risiko für Pankreaskarzinome assoziiert (Odds Ratio [OR] 1,58; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,05–2,38). Besonders relevant waren Candida tropicalis (OR 1,43; 95 %-KI 1,00–2,03) sowie nicht näher spezifizierte Candida-Arten (OR 1,34; 95 %-KI 1,05–1,70). Die Assoziation war bei Personen mit Nikotinkonsum ausgeprägter, während Body-Mass-Index (BMI), Alkoholkonsum und Diabetes keinen zusätzlichen Einfluss zeigten.
Entwicklung eines mikrobiellen Risikoscores
Basierend auf 27 identifizierten Mikroben entwickelten die Forschenden einen mikrobiellen Risikoscore (MRS). Jeder Anstieg um eine Standardabweichung im MRS war mit einer mehr als dreifachen Erhöhung des Pankreaskarzinomrisikos verbunden (OR 3,44; 95 %-KI 2,63–4,51).
„Durch die Analyse bakterieller und fungaler Populationen im Mund könnten Onkologen diejenigen identifizieren, die am dringendsten ein Screening auf Pankreaskarzinom benötigen“, erläuterte Ko-Seniorautorin Jiyoung Ahn, Professorin am Department of Population Health and Medicine der NYU Grossman School of Medicine.
Fazit: Orales Mikrobiom als möglicher Schlüssel zur Risikostratifizierung beim Pankreaskarzinom
Die Daten untermauern die Hypothese, dass das orale Mikrobiom ein relevanter Faktor in der Tumorentstehung sein kann. Besonders die Assoziation mit pathogenen Spezies, die auch bei der Parodontitis eine Rolle spielen, illustriert die enge Verbindung zwischen oraler Gesundheit und systemischen Erkrankungen.
„Es ist deutlicher denn je, dass Zähneputzen und Zahnseide nicht nur vor Parodontalerkrankungen schützen können, sondern auch vor Krebs“, resümierte Ko-Seniorautor Richard Hayes vom Department of Population Health der NYU Grossman School of Medicine.
Weitere Forschung ist erforderlich, um die diagnostische Verwertbarkeit und Integration in Screening-Programme zu prüfen.









