Grundsätzlich ist es wichtig, unnötige oder unangemessene Antibiotikaverschreibungen in frühen Lebensabschnitten zu vermeiden. Der bewusste Einsatz von Antibiotika soll möglichen Nebenwirkungen, wie beispielsweise negativen Auswirkungen auf das Darmmikrobiom oder der Entwicklung von Antibiotikaresistenten, entgegenwirken. Gerade das Darmmikrobiom von Säuglingen ist anfällig für Störungen durch Antibiotikabelastungen. Allerdings treten bei jungen Kindern häufig Infektionen auf, die in manchen Fällen die Verordnung von Antibiotika erfordern [1].
Vorkommen unnötiger Antibiotikaverordnungen
Hierbei, so deutet die Forschung an, kommt es jedoch bei kleinen Kindern regelmäßig zu einem großen Anteil an unangemessenen ambulanten Antibiotikaverschreibungen, gerade weil zahlreiche Infekte durch Viren und nicht durch Bakterien verursacht werden. Trotzdem zählen Antibiotika zu den häufigsten verschriebenen Medikamenten bei Kindern. Aus diesem Grund gibt es in Deutschland Bestrebungen, den Einsatz von Antibiotika und vor allem den von Breitbandantibiotika zu verringern.
Länderübergreifende Studien, die die Verwendung bestimmter Medikamente vergleichen, sind sinnvoll, da sich so wichtige Schlüsse zur Verbesserung des Verordnungsverhaltens ziehen lassen [1].
Vergleichende Studie des BIPS zwischen Dänemark und Deutschland
Eine beobachtende Kohortenstudie des Leipniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen und der Süddänischen Universität in Odense verglich die Verschreibung von Antibiotika bei Kleinkindern im ambulanten Bereich zwischen den Ländern Dänemark und Deutschland. Zusätzlich wurden Veränderungen im Zeitverlauf betrachtet.
Die beobachteten Kinder wurden dabei zwischen 2004 und 2016 in Dänemark und Deutschland geboren. Die Gesundheitsdaten stammten aus den Jahren 2004 bis 2018. Insgesamt umfasste die Studienpopulation 798.883 dänische und 1.610.575 deutsche Kinder.
In Dänemark wurde das dänische Gesundheitsregister als Datenquelle bezüglich der Verordnung von Antibiotika für Kleinkinder herangezogen. In Deutschland verwendete man die Deutsche Pharmakoepidemiologische Forschungsdatenbank (GePaRD). Um die Qualität der Antibiotikaverschreibungen zu beurteilen, wurden Antibiotika gemäß WHO so klassifiziert, dass das Resistenzpotenzial und die Nebenwirkungen berücksichtigt werden konnten [1].
Ergebnisse liefern interessante Einblicke
Die Studie, die die erste war, welche die ambulanten Antibiotikaverordnungen im frühen Leben in verschiedenen Ländern verglich, kam zu folgenden Ergebnissen.
Die Rate der untersuchten Antibiotikabehandlungen pro 1.000 Patientenjahre belief sich in Dänemark auf 537 und in Deutschland auf 433, was zunächst auf zurückhaltende Antibiotikaverordnungen in Deutschland hindeutet [2].
Zudem erhielten dänische Kinder in den ersten beiden Lebensjahren früher und häufiger ambulante Antibiotikatherapien. So lag in Dänemark beim Geburtsjahrgang 2016 die Zeit bis zur ersten Antibiotikaverschreibung bei etwa 21 Monaten. Im Vergleich dazu erhielten deutsche Kinder des Geburtsjahrgangs 2016 die erste Antibiotikaverschreibung nach etwa 28 Monaten [2].
Allerdings waren die Qualitätsindikatoren für die erste ambulante Antibiotikaverschreibung nach Definitionen der WHO in Deutschland deutlich schlechter als in Dänemark. Dies lag hauptsächlich an der häufigen Verordnung von Cephalosporinen der zweiten und dritten Generation. In Dänemark befanden sich diese Breitbandantibiotika im Gegensatz zu Deutschland nicht unter den zehn häufigsten als erstes verschriebenen Antibiotika [1]. So zeigte sich, dass etwa 40% der deutschen Kleinkinder als erstes Antibiotikum im Leben ein Breitbandantibiotikum erhielten. In Dänemark hingegen waren es nur 6% [2].
Diskrepanz zwischen Empfehlung und Praxis
Trotz ihrer ungünstigen Eigenschaften, wie einem erhöhten Resistenzrisiko oder einer geringen oralen Bioverfügbarkeit, wurden Breitbandantibiotika in Deutschland oftmals als Mittel der ersten Wahl eingesetzt. Dies steht im Widerspruch zu Empfehlungen internationaler Leitlinien. Offenbar besteht hierbei in Deutschland eine Abweichung zwischen gängigen Empfehlungen und der Realität in der Praxis [1].
Positive Veränderungen im Zeitverlauf zeigten sich jedoch in beiden Ländern, vor allem beginnend mit den Geburtsjahrgängen 2010/2011 und zunehmend auch in späteren Jahrgängen. In beiden Ländern kam es zu vernünftigeren Verschreibungen, was eine positive Veränderung anzeigt. Dies umfasste insbesondere ein gestiegenes Alter bei der erstmaligen ambulanten Antibiotikaverschreibung, einen Rückgang an Antibiotikaverordnungen sowie eine verbesserte Qualität der Verordnungen. Trotzdem zeigten sich die Qualitätsindikatoren in Deutschland weiterhin als nicht optimal, verglichen mit Dänemark [1].
Es besteht Verbesserungsbedarf
Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass es sowohl in Deutschland als auch in Dänemark Verbesserungsbedarf hinsichtlich eines verantwortungsvollen Umgangs mit Antibiotikaverschreibung bei Säuglingen und Kleinkindern gibt. Beide Länder würden diesbezüglich von einer kritischen Reflexion profitieren, um das Risiko für Nebenwirkungen und Resistenzen zu minimieren. Dies betrifft in Deutschland vor allem eine Qualitätsverbesserung, also die Verordnung von Antibiotika mit geringeren Nebenwirkungen sowie geringerem Resistenzpotenzial, kurz: Schmalspektrum-Antibiotika anstelle von Breitband-Antibiotika. In Dänemark könnten die Verordnungen von Antibiotika für Kleinkinder insgesamt reduziert werden [1].










