Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind ein zunehmend besorgniserregendes Thema. Die Klimakrise und soziale Einschränkungen der Corona-Pandemie sind nur zwei Aspekte, die diese Bevölkerungsgruppe belasten. Eine neue Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), die im Versorgungsatlas veröffentlicht wurde, hat die Diagnoseinzidenzen psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen in einem Zeitraum von acht Jahren untersucht und kommt zu alarmierenden Ergebnissen.
Auswertung von Abrechnungsdaten
Die Studie basierte auf der Auswertung von Abrechnungsdaten vertragsärztlicher und -psychotherapeutischer Leistungen im Zeitraum Q1/2012 bis Q3/2022. Die Studienpopulation umfasste GKV-versicherte Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 17 Jahren, die mindestens zwei Jahre vorbeobachtbar waren. Personen ohne dokumentierte Diagnose aus den untersuchten ICD-10-Subkapiteln während des Vorbeobachtungszeitraums bildeten die Risikopopulationen für die Inzidenzberechnungen in jedem Berichtsjahr. Es wurde die jährliche rohe kumulative Inzidenz pro 10.000 Kinder und Jugendliche insgesamt sowie für weibliche und männliche Personen getrennt berechnet.
Auswirkungen der Corona-Pandemie
Zusätzlich zu den beobachteten Inzidenzwerten wurden für die Jahre 2020 und 2021 die erwarteten Inzidenzwerte auf der Grundlage des Zeitraums vor der COVID-19-Pandemie ermittelt. Durch diesen Vergleich konnten mögliche Veränderungen in den Inzidenzen im Zusammenhang mit der Pandemie identifiziert werden.
Fokus auf Erkrankungen mit Trendänderungen
Für insgesamt 45 Diagnosen bzw. Diagnosegruppen wurden Inzidenztrends bestimmt. Der Fokus des Berichts lag auf häufigen psychischen und Verhaltensstörungen bzw. Entwicklungsstörungen, bei denen insbesondere durch das Pandemiegeschehen Trendänderungen zu erwarten waren.
Pandemie beeinflusst Inzidenzen wesentlich
Insgesamt umfasste die Studie knapp 12 Millionen junge Versicherte und damit 84% der jungen Bevölkerung. Die Ergebnisse zeigen zum Teil einen wesentlichen Anstieg psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in den Pandemiejahren.
Massiver Anstieg depressiver und Angststörungen in der Pandemie
Die Diagnoseinzidenzen depressiver Störungen waren bis zum Jahr 2019 relativ konstant, die der Angststörungen zwischen 2016 und 2018 sogar rückläufig (-16%). Die Inzidenz beider Erkrankungsgruppen stieg während der ersten beiden Pandemiejahre jedoch enorm an. Bei depressiven Störungen betrug der Anstieg von 2020 bis 2021 24%. Die Inzidenz der Angststörungen erhöhte sich in 2021 wieder nahezu auf den Ausgangswert (+19%).
Anorexie-Inzidenz erreicht Höchstwert
Auch die Diagnoseinzidenz der Anorexie änderte sich in den Pandemiejahren wesentlich. Während diese bis einschließlich 2019 eine rückläufige Entwicklung zeigte, kehrte sich dieser Trend in den Jahren 2020 und 2021 um und stieg auf den Höchstwert des gesamten Untersuchungszeitraums (7,1/10.000 Fälle). Das entspricht einer relativen Zunahme von 74% im Jahr 2021 gegenüber 2019.
Abnorme Gewohnheiten, Impulskontrollstörungen, emotionale und Verhaltensstörungen
Diagnosen abnormer Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle stiegen im Studienzeitraum schrittweise um absolut 54%. Die Inzidenz von emotionalen und Verhaltensstörungen lag im gesamten Untersuchungszeitraum zwar auf hohem Niveau, war insgesamt jedoch rückläufig (2014 vs. 2021: −8%, mittlere jährliche Reduktion: −1,2%).
Geschlechterspezifische Unterschiede
Die Ergebnisse der Studie veranschaulichen weiterhin, dass Mädchen bei den meisten untersuchten Störungen häufiger betroffen sind. Ausnahmen davon zeigten sich in den Bereichen der Entwicklungs- und Verhaltensstörungen. Hier sind eher Jungen betroffen.
Depressionen und Essstörungen bei Mädchen stark gestiegen
Über den Studienzeitraum erhöhte sich der Geschlechterunterschied bei depressiven Störungen weiter, inklusive eines überproportionalen Anstiegs im Jahr 2020. Zuletzt war die Inzidenz depressiver Störungen bei Mädchen dreimal höher als bei Jungen. Ebenso war bei anorektischen Essstörungen ein deutlicher Unterschied festzustellen. Die Diagnoseinzidenz lag bereits im Jahr 2014 bei Mädchen etwa 11-fach höher als bei Jungen, 2021 erhöhte sich dieser Unterschied auf den Faktor 14,2. Sowohl von depressiven Störungen als auch Anorexie waren insbesondere 15- bis 17-Jährige betroffen.
Daten als Grundlage für verbesserte Gesundheitsversorgung
Die Studie zeigt systematisch berechnete Inzidenztrends psychischer Erkrankungen, Verhaltens- und Entwicklungsstörungen für einen Großteil der pädiatrischen Bevölkerung in Deutschland auf. Die Ergebnisse verdeutlichen einen wesentlichen Einfluss der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Sie zeigen zudem alters- und geschlechtsspezifische Verteilungen auf, die aufschlussreich für die Gesundheitsversorgung sein können.
Zu beachten ist jedoch, dass nur Versicherte, die ärztliche oder psychotherapeutische Leistungen in Anspruch genommen haben, berücksichtigt werden konnten. Dadurch und aufgrund eines erschwerten Zugangs in die psychotherapeutische Versorgung könnte eine Untererfassung auftreten. Es fehlten auch Daten aus psychiatrischen Institutsambulanzen, sozialpädiatrischen Zentren und von privat versicherten Kindern und Jugendlichen. Der verwendete Datensatz enthielt zudem nur Diagnosen nach ICD-10-GM und keiner weiteren Klassifikation.
Handlungsrahmen für Präventions- und Versorgungsmaßnahmen
Der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik von Stillfried erklärt in einer Pressemeldung: „2022 kam mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine eine weitere globale Krise hinzu, die neben der an Schärfe gewinnenden gesellschaftlichen Debatte um die internationalen Klimaziele potenziell negativen Einfluss auf die mentale Befindlichkeit der jüngeren Bevölkerung in Deutschland haben kann. (…) Auch und gerade vor diesem Hintergrund kann unsere aktuelle Studie den Blick dafür schärfen, die Entwicklung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sehr sorgfältig zu beobachten und frühzeitig geeignete Präventions- und Versorgungsmaßnahmen zu ergreifen“. Denn ein höherer Versorgungsbedarf bereits prävalenter und eine steigende Zahl inzidenter Patienten bedeuten auch eine zunehmende Beanspruchung der Behandlungskapazitäten.