Hypertonie im Kindes- und Jugendalter ist ein bedeutender Risikofaktor für spätere kardiovaskuläre und renale Komplikationen. Sie geht häufig in eine manifeste Hypertonie im Erwachsenenalter über. Dennoch bleibt das weltweite Ausmaß der Erkrankung unklar. Die komplexen diagnostischen Anforderungen sowie unterschiedliche Messmethoden im Kindesalter erschweren eine verlässliche Einschätzung der tatsächlichen Prävalenz.
Besonderheiten der pädiatrischen Blutdruckdiagnostik
Die Blutdruckbewertung bei Kindern basiert auf alters-, geschlechts- und größenbezogenen Perzentilen und unterscheidet sich damit grundlegend von der Diagnostik bei Erwachsenen. Da Blutdruckwerte zwischen einzelnen Messzeitpunkten variieren können, empfehlen Leitlinien, erhöhte Werte erst nach mindestens drei Untersuchungsterminen zu bestätigen. Messungen in der Praxis erfassen jedoch weder die Weißkittel-Hypertonie noch die maskierte Hypertonie. Daher empfehlen Leitlinien der AAP und der ESH ergänzend eine ambulante Blutdruckmessung (Langzeit-Blutdruckmessung), um zwischen persistierender, Weißkittel- und maskierter Hypertonie unterscheiden zu können.
Globale Prävalenz und Bewertung diagnostischer Verfahren
Das Ziel einer umfassenden systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse war es, die weltweite Prävalenz der Hypertonie im Kindes- und Jugendalter belastbar zu ermitteln und Ergebnisse unterschiedlicher diagnostischer Ansätze vergleichbar darzustellen. Dazu wurden internationale Studien aus drei medizinischen Datenbanken identifiziert, die zwischen 2000 und 2025 veröffentlicht wurden. In die Auswertung wurden ausschließlich populationsbasierte Arbeiten mit klar definierten Diagnosekriterien eingeschlossen.
Charakteristika der eingeschlossenen Studien
Von den mehr als 11.000 identifizierten Arbeiten erfüllten 96 Studien aus 21 Ländern die Einschlusskriterien. Der Großteil basierte auf Praxisblutdruckmessungen. Langzeit-Blutdruckmessungen wurden vor allem in Ländern mit hohem Einkommen eingesetzt und dienten überwiegend der ambulanten Diagnostik. Am häufigsten kamen oszillometrische und Quecksilbergeräte zum Einsatz, während häusliche Blutdruckmessungen nur selten berichtet wurden. Die heterogene Studienlandschaft verdeutlicht den Einfluss der verfügbaren diagnostischen Verfahren auf die Prävalenzschätzungen.
Prävalenzschätzungen und Einfluss des Körpergewichts
Die globale Prävalenz der Hypertonie lag bei rund 4 %. Der Body-Mass-Index (BMI) hatte den stärksten Einfluss: Die höchsten Prävalenzen wurden bei adipösen Kindern beobachtet, gefolgt von Kindern mit Übergewicht. Normal- und untergewichtige Kinder waren deutlich seltener betroffen. Zudem nahm die Prävalenz mit dem Alter zu und erreichte im frühen Jugendalter ihren Höhepunkt; über alle Altersgruppen hinweg waren Jungen etwas häufiger betroffen als Mädchen.
Prävalenz der Hypertoniestadien und methodische Einflüsse
Prähypertonie trat deutlich häufiger auf als eine manifeste Hypertonie und war vor allem bei Kindern und Jugendlichen mit einem erhöhten BMI verbreitet. In Ländern mit hohem Einkommen waren die Prävalenzen höher als in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Hypertonie Stadium 1 war häufiger als Hypertonie Stadium 2. Dieses wurde allerdings häufiger bei Jugendlichen sowie in neueren Studien beobachtet. Studien, die mit Quecksilbergeräten durchgeführt wurden, berichteten höhere Werte als Studien, die mit oszillometrischen Geräten durchgeführt wurden.
Unterschiede in den Hypertonie-Phänotypen
Am häufigsten wurde eine isolierte systolische Hypertonie identifiziert, gefolgt von systolisch-diastolischer und isolierter diastolischer Hypertonie. Deutliche regionale Unterschiede wurden beobachtet: Die systolisch-diastolische Hypertonie wurde häufiger in Europa dokumentiert, die isolierte diastolische Hypertonie dagegen in Südostasien. Neuere Studien zeigten eine höhere Prävalenz der isolierten systolischen Hypertonie als ältere Arbeiten.
Altersabhängige und zeitliche Trends der Hypertonieprävalenz
Die Prävalenz stieg bis zum frühen Jugendalter an und nahm anschließend wieder ab. Über alle Altersgruppen hinweg waren Jungen häufiger betroffen als Mädchen. Zwischen 2000 und 2020 nahm die Prävalenz deutlich zu. Dieser Anstieg wird vermutlich durch Veränderungen des Lebensstils, geringere körperliche Aktivität und eine zunehmende Häufigkeit von Adipositas im Kindesalter begünstigt.
Ergebnisse der kombinierten Diagnostik
Die kombinierten diagnostischen Verfahren ergaben höhere Prävalenzwerte als die reinen Praxisblutdruckmessungen. Am häufigsten wurde eine maskierte Hypertonie diagnostiziert, gefolgt von einer Weißkittel-Hypertonie. Für die Weißkittel-Hypertonie wurden die höchsten Prävalenzen in der Region der Amerikas und insgesamt in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen berichtet. Die persistierende Hypertonie zeigte trotz variierender Studienlagen konsistente Prävalenzschätzungen. Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass rein praxisbasierte Messstrategien relevante Phänotypen unterschätzen können.
Präzise Diagnostik zur frühzeitigen Risikoidentifikation
Hypertonie ist weltweit auch bei Kindern und Jugendlichen verbreitet, wird jedoch je nach diagnostischem Ansatz unterschiedlich häufig erkannt. Besonders gefährdet sind Jugendliche und Kinder mit einem erhöhten BMI. Die Analyse zeigt den erheblichen Einfluss methodischer Unterschiede und unterstreicht die Notwendigkeit harmonisierter diagnostischer Strategien. Eine verlässliche Diagnostik ist entscheidend, um Risikokinder frühzeitig zu identifizieren und langfristige kardiovaskuläre Schäden zu vermeiden.









