Antibiotika in der Schwangerschaft bergen langfristig Risiken fürs Kind

Eine Metaanalyse mit über 21 Millionen Kindern zeigt: Pränatale Antibiotikagabe ist mit Asthma, Adipositas und weiteren Spätfolgen assoziiert.

Schwangere nimmt Tablette

Antibiotika gehören weltweit zu den am häufigsten verordneten Medikamenten in der Schwangerschaft. Studien zeigen, dass mehr als 25 % aller Föten vorgeburtlich mit Antibiotika in Kontakt kommen. Zusätzlich sind etwa 40 % der Neugeborenen während der Geburt antibiotisch exponiert – sei es als perioperative Prophylaxe bei Kaiserschnitten oder um neonatale Infektionen zu vermeiden. So wichtig der Schutz von Mutter und Kind vor Infektionen ist, so könnten Antibiotika vor der Geburt dennoch die Gesundheit des Kindes langfristig beeinträchtigen.

Die Herausforderung besteht darin, den Nutzen einer Infektionskontrolle für Mutter und Kind mit den potenziellen Langzeitschäden für die kindliche Entwicklung in Einklang zu bringen. Bislang fehlte eine umfassende, systematische Analyse der verfügbaren Daten zu den Spätfolgen.

Metaanalyse mit Daten von mehr als 21 Mio. Kindern

Um diese Wissenslücke zu füllen, untersuchte eine schweizer-australische Arbeitsgruppe in einer Metaanalyse potenzielle Zusammenhänge zwischen der pränatalen Antibiotikaexposition und langfristigen gesundheitlichen Folgen im Kindesalter. Die Forschenden unter der Leitung der Universität Fribourg (Schweiz) wollten herausfinden, ob und in welchem Umfang eine vorgeburtliche Antibiotikatherapie mit immunologischen, metabolischen oder neurologischen Störungen assoziiert ist.

In die Auswertung flossen 158 Originalstudien mit Daten von mehr als 21 Millionen Kindern ein. Studien wurden ausgeschlossen, wenn die Antibiotikagabe lediglich während der Geburt erfolgte.

Signifikant erhöhtes Risiko vor allem für Asthma und Adipositas

Insgesamt wurden 23 mögliche Gesundheitsbeeinträchtigungen erfasst, acht davon wiesen in mindestens zwei Studien einen signifikanten Zusammenhang mit pränataler Antibiotikatherapie auf. Vor allem das Risiko für Asthma und Übergewicht war um mehr als ein Drittel erhöht. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Asthma: OR 1,36 (95 %-KI 1,24–1,50)  
  • Adipositas: OR 1,36 (95 %-KI 1,12–1,64)  
  • Atopische Dermatitis: OR 1,27 (95 %-KI 1,06–1,52)  
  • Nahrungsmittelallergien: OR 1,25 (95 %-KI 1,09–1,44)  
  • Zerebralparese: OR 1,25 (95 %-KI 1,10–1,43)  
  • Allergische Rhinokonjunktivitis: OR 1,16 (95 %-KI 1,15–1,17)  
  • Epilepsie/Fieberkrämpfe: OR 1,16 (95 %-KI 1,08–1,24)  
  • Krebs: OR 1,13 (95 %-KI 1,01–1,26)

Diese Assoziationen wurden über verschiedene Studiendesigns hinweg konsistent beobachtet, wenngleich die Heterogenität der Daten teilweise hoch war.

Pathophysiologische Hypothese: Mikrobiom-Schaden?

Das Forscherteam ging auch der Frage nach, warum Antibiotika diese Langzeitfolgen bedingen. Eine plausible Erklärung wäre, dass sich die Antibiotikatherapie in der Schwangerschaft schon früh auf das fetale Mikrobiom auswirkt. Dies könnte langfristig die Immunreifung, die metabolische Programmierung und die neurokognitive Entwicklung beeinflussen. Frühere Studien zeigen, dass bereits kurzzeitige Antibiotikagaben das bakterielle Gleichgewicht nachhaltig verändern können.

Darüber hinaus könnten epigenetische Veränderungen und eine veränderte Barrierefunktion des Darms eine Rolle spielen. Besonders kritisch scheint die Exposition während sensibler Entwicklungsfenster im ersten und zweiten Trimester zu sein.

Pränatale Antibiotika – gezielt einsetzen, Langzeitfolgen bedenken

Die Ergebnisse der Studie erfordern einen reflektierten Umgang mit der Indikationsstellung für Antibiotika in der Schwangerschaft. Wo immer möglich, sollte eine gezielte Diagnostik (z. B. PCR-basierte Erregernachweise) und ein engmaschiges therapeutisches Monitoring erfolgen, so die Autoren.

Zudem sollte die Nutzen-Risiko-Abwägung nicht nur kurzfristige infektiologische Aspekte, sondern auch potenzielle Langzeitfolgen für das Kind berücksichtigen. Besonders bei milden oder unklaren Infektionen sei eine strenge Indikationsprüfung angezeigt.

Zugleich, so die Autoren, sollten diese Erkenntnisse nicht zu einer unbegründeten Zurückhaltung bei medizinisch indizierten Antibiotikatherapien führen. Vielmehr geht es um die Entwicklung präziserer Therapiealgorithmen und evidenzbasierter Leitlinien für den Antibiotikaeinsatz in der Schwangerschaft.

Die Metaanalyse zeigt: Pränatale Antibiotikagabe ist mit einem erhöhten Risiko für multiple Erkrankungen im Kindesalter assoziiert. Auch wenn sich aus den Ergebnissen keine Kausalität ableiten lässt, liefert die Studie wichtige Impulse für einen verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatz. Zukünftige Studien sollten prospektive Daten generieren, um Kausalzusammenhänge und dosisabhängige Effekte besser zu verstehen. Langfristig könnten Biomarker oder mikrobiomgestützte Screening-Strategien helfen, Risiken frühzeitig zu identifizieren und präventive Maßnahmen gezielt einzuleiten.

Autor:
Stand:
05.06.2025
Quelle:

Duong QA et al. (2025): The association between prenatal antibiotic exposure and adverse long-term health outcomes in children: A systematic review and meta-analysis. J Infect. 2025;90(1):106377. doi: 10.1016/j.jinf.2024.106377.

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