Ätiologie der ADHS noch unklar
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung und wird etwa dreimal häufiger bei Jungen als bei Mädchen diagnostiziert. Die Hauptmerkmale der ADHS sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Das Krankheitsbild präsentiert sich dabei heterogen. Die Identifikation der ADHS-Symptome erfolgt in der Regel über spezifische psychologische Tests.
Die Ätiologie der Erkrankung ist noch nicht geklärt. Man nimmt an, dass an der Entwicklung einer ADHS sowohl genetische Faktoren als auch prä- und postnatale Umweltfaktoren beteiligt sind. Seit kurzem wird auch die potenzielle Beteiligung endokrinologischer Faktoren an der Pathogenese der ADHS diskutiert.
Hinweise auf eine endokrinologische Beteiligung
In einer Studie wurden bei Kindern mit ADHS höhere HbA1c-Werte als bei Kindern ohne die Erkrankung gemessen. Die Glucosenüchternwerte unterschieden sich bei den beiden Gruppen jedoch nicht. Die Autoren dieser Studie sahen in diesen Ergebnissen Hinweise darauf, dass es Assoziationen zwischen ADHS und einer veränderten Homöostase der Blutglucose gibt. In einer weiteren Studie wurde bei Kindern mit ADHS gegenüber anderen Kindern eine erhöhte Prävalenz von Diabetes mellitus Typ 1 festgestellt.
Schilddrüsenhormone spielen eine zentrale Rolle bei der neuronalen Entwicklung und für die Glucosehomöostase. Sie haben auch Einfluss auf das Verhalten. Viele Symptome der Hyperthyreose wie Ängstlichkeit, Übererregbarkeit, Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität sind jenen einer ADHS ähnlich. Dennoch sind die Ergebnisse von Studien, die diese potenziellen Zusammenhänge untersuchten, häufig widersprüchlich.
Vergleich von Blutglucose, TSH und FT4
Ein Team serbischer Forscher unter der Leitung von Tanja Lukovac vom Zentrum für Sprach- und Pathologieforschung in Belgrad f untersuchte in einer Querschnittsstudie die Zusammenhänge zwischen Blutzuckerwerten, Schilddrüsenhormonen und ADHS. Die Ergebnisse ihrer Arbeit veröffentlichten sie im Fachjournal BMC Neurology.
Das Ziel der Studie wardie Festlegung eines endokrinologischen Ausgangsprofils bezüglich Blutglucose, TSH und fT4 bei einer Kohorte von männlichen Grundschülern mit der Diagnose ADHS Ziel war es herauszufinden, ob es Zusammenhänge zwischen diesen biologischen Markern und der klinischen Ausprägung von ADHS gibt. Die Forschungsgruppe vermutete, dass die ADHS-betroffenen Kinder im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern ohne ADHS-Diagnose höhere Werte an Glucose und TSH sowie niedrigere fT4-Werte aufzeigen würden.
Psychologische Tests für ADHS-Patienten und Kontrollen
Die Querschnittsstudie wurde vom Institut für mentale Gesundheit in Belgrad, Serbien, mit 133 Jungen im Alter von 6,5-12,5 Jahren durchgeführt. Von den Teilnehmern hatten 67 eine ADHS-Diagnose entsprechend der DSM-5 Kriterien. Mit ihnen wurden 66 Jungen ohne ADHS-Diagnose gematcht.
Zur Diagnose von ADHS kam der Attention Deficit/Hyperactivity Disorder Test (ADHDT) zum Einsatz. Um Teilnehmer mit kognitiven Beeinträchtigungen auszuschließen, wurde die revidierte Wechsler Intelligence Scale for Children (WISC-RV) verwendet. Die Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, unterzogen sich zusätzlich der Iowa Conners’ Teacher Rating Scale. Die Durchführung der Bluttests erfolgte mittels standardisierter Testkits.
Signifikante Unterschiede bei TSH
Die Studie ergab, dass die Teilnehmer mit ADHS im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant niedrigere Werte von fT4 aufwiesen. Ihre Glucosespiegel waren tendenziell niedriger und die TSH-Werte leicht erhöht.
Eine detaillierte Analyse mittels multipler logistischer Regression zeigte, dass höhere TSH-Werte mit einer um 2,7% höheren Wahrscheinlichkeit in der ADHS-Gruppe auftraten. Zwischen TSH-Spiegel und den Symptomen Hyperaktivität und Impulsivität bestanden ebenso Korrelationen wie zwischen dem Glucosespiegel und Hyperaktivität.
Korrelation zwischen TSH und ADHS-Symptomen
Die Studie zeigte eine signifikante positive Korrelation zwischen den Serum-TSH-Spiegeln und den Symptomen von Hyperaktivität und Impulsivität bei Jungen mit ADHS im Vergleich zu neurotypischen, altersentsprechenden Kontrollpersonen. Ebenso wurde eine positive Korrelation zwischen den Serumglucosewerten und Hyperaktivität festgestellt. Interessanterweise war die Wahrscheinlichkeit, ADHS zu entwickeln, bei erhöhten fT4-Werten geringer. Die Serum-TSH-Werte waren signifikant unabhängig mit der Diagnose ADHS assoziiert.
Die Studie liefert einen Einblick in die komplizierten Zusammenhänge zwischen der Schilddrüsenfunktion und ADHS bei Kindern. Ohne spezifische Biomarker bleibt die Diagnose ADHS eine Herausforderung. Daher empfehlen die Autoren weitere Studien, um mehr potenzielle Biomarker zu identifizieren und mögliche Wechselwirkungen mit genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen zu erforschen.










