Neue Studie zu Long-Covid: Cortisol und Zytokine enttäuschen als Biomarker

Nach aktuellen Forschungsergebnissen sind Cortisol und bestimmte Zytokine als Biomarker für die Diagnose von Long-Covid unzuverlässig. Sinnvoller könnte es sein, sich auf nicht organische Ursachen zu konzentrieren.

Biomarker

Etwa 0,5% der Menschen, die eine SARS-CoV-2-Infektion hatten, leiden über Monate hinweg unter anhaltenden Beschwerden, so eine Meldung der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen [1]. Dieses Phänomen ist als Long-Covid bzw. postakute Folgen von Covid-19 (PASC) bekannt. Die Identifizierung solcher Patienten stellt in der Praxis eine Herausforderung dar, da die Symptome vielfältig sind und oft von psychischen Faktoren beeinflusst werden. Daher konzentriert sich die Wissenschaft intensiv auf die Suche nach Biomarkern, die die Diagnose von Long-Covid zweifelsfrei bestätigen können.

Bisher galten Cortisol und bestimmte Zytokine als vielversprechende Biomarker für Long-Covid. Diese haben sich nun als unzureichend für die Diagnose erwiesen. Forschende des Universitätsklinikums Essen und der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen fanden heraus, dass niedrige Cortisolspiegel im Blut – entgegen früheren Annahmen – keine zuverlässigen Indikatoren für PASC oder Long-Covid sind. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden im Fachjournal 'Therapeutic Advances in Neurological Disorders' veröffentlicht [2].

Prospektive Kohortenstudie: Cortisol und Zytokine als Biomarker bei Long-Covid

Bislang galten erhöhte Werte für die Zytokine Tumornekrosefaktor alpha (TNFα), Interleukin-1-beta (IL-1β) und Interleukin-6 (IL-6) sowie eine niedrige Serumcortisol-Konzentration als vielversprechende Indikatoren für die Diagnose von Long-Covid. Eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Professor Dr. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie an der Universitätsmedizin in Essen und federführender Autor der Studie, hat die Gültigkeit dieser Parameter in einer prospektiven Kohortenstudie untersucht.

Die Studie analysierte die Blutwerte von Cortisol sowie der genannten Zytokine bei insgesamt 130 Teilnehmenden, die in vier verschiedenen Gruppen aufgeteilt waren:

  • Gruppe 1 (n=13) war SARS-CoV-2-naiv.
  • Gruppe 2 (n=34) bestand aus Personen, die eine SARS-CoV-2-Infektion hatten, aber kein Long-Covid entwickelten.
  • Gruppe 3 (n=40) zeigte nach der Infektion Symptome von PASC, erholte sich jedoch vollständig.
  • Gruppe 4 (n=91) umfasste Patienten mit anhaltenden Long-Covid-Beschwerden.

Psychosomatische Ursachen für Long-Covid?

In dieser Studie zeigten die Zytokin-Level von IL-1β, IL-6 und TNFα sowie die Cortisol-Spiegel keine Eignung als Biomarker zur Identifizierung oder Objektivierung von PASC bzw. Long-Covid. Möglicherweise seien die Beschwerden auch auf nicht organische oder psychosomatische Ursachen zurückzuführen, so die Meinung der Autoren.

Die relativ kleine Stichprobengröße und die ungleiche Verteilung der vier analysierten Gruppen müssen als Einschränkungen der Studie betrachtet werden. Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um die Pathophysiologie von PASC zu klären. Ein Schwerpunkt der zukünftigen Forschung wird auf dem psychologischen Bereich liegen, da erste Therapiestudien darauf hinweisen, dass viele Long-Covid-Betroffene von einer Psychotherapie profitieren können, erklärte Kleinschnitz.

Schwächen der Studie

In einer Open Peer Review kritisiert Prof. Dr. Matthias Kohl vom Institut für Präzisionsmedizin an der Hochschule Furtwangen verschiedene methodische und statistische Schwächen dieser Studie [3]. Unter anderem bemängelt er, dass die Studie nicht in einem klinischen Register eingetragen wurde, was heutzutage für Beobachtungsstudien Standard sein sollte. Dies erschwert die Nachvollziehbarkeit und Überprüfung der Studienziele sowie die Beziehung zu früheren Arbeiten der Autoren. Weiterhin bemängelt Kohl, dass die STROBE-Richtlinie für die Berichterstattung von Beobachtungsstudien nicht angemessen berücksichtigt wurde, was zu Unsicherheiten bezüglich der Studiendurchführung und -auswertung führt.

Die statistische Analyse weise ebenfalls Schwächen auf, insbesondere in Bezug auf die Anwendung von post-hoc-Tests und die Interpretation der Datenverteilung. Kohl kommt zu dem Schluss, dass die Ergebnisse der Studie wahrscheinlich verzerrt sind und weitere Forschung notwendig ist, um die Biomarker TNFα, IL-1β und IL-6 sowie niedrige Serumcortisol-Spiegel als verlässliche Marker für PASC auszuschließen. Die Schlussfolgerung der Autoren, dass diese Biomarker keine geeigneten Marker für Long-Covid sind und auf eine nicht organische/psychosomatische Genese von PASC hindeuten, weist Kohl als unbegründet zurück.

Autor:
Stand:
19.02.2024
Quelle:
  1. Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen, Mitteilung, 12. Februar 2024.
  2. Fleischer, M. et al. (2024): Cytokines (IL1β, IL6, TNFα) and serum cortisol levels may not constitute reliable biomarkers to identify individuals with post-acute sequelae of COVID-19. Therapeutic Advances in Neurological Disorders, DOI: 10.1177/17562864241229567.
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