Berlin. Vorsorge-Experten fordern die Bundesregierung auf, die Rahmenbedingungen für ein gesundes Leben entschieden zu verbessern. 100 Tage nach Antritt der neuen Bundesregierung werde in politischen Reden die Bedeutung von Prävention betont, doch konkrete, wirksame Schritte seien bislang ausgeblieben, kritisiert die Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK). Vor allem im Bereich der sogenannten Verhältnisprävention – also der Gestaltung von gesundheitsfördernden Lebens- und Arbeitsumfeldern – gebe es keinen erkennbaren politischen Gestaltungswillen.
DANK: Fehlender politischer Wille bei struktureller Gesundheitsförderung
Barbara Bitzer, DANK-Sprecherin und Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), fasst zusammen: „Nach 100 Tagen verfestigt sich der Eindruck, dass zwar gern und viel über Prävention gesprochen wird, politisch aber noch immer keine oder die falschen Schlüsse gezogen werden.“ Damit kritisiert sie die Lücke zwischen Ankündigungen und praktischer Umsetzung.
Bitzer spricht von einer „Projektitis in der Prävention“, es gebe immer neue Modellvorhaben, eine dringend notwendige Kurskorrektur bleibe jedoch aus. „Die Politik diskutiert über die Rente mit 70, tut aber zu wenig dafür, damit die Menschen gesund altern können. Das greift zu kurz“, so Bitzer. Die DANK fordert statt einzelner Projekte eine verbindliche Gesamtstrategie.
Gesundheitsdaten belegen Dringlichkeit der Verhältnisprävention
Die Dringlichkeit der Verhältnisprävention belegt DANK in einer Pressemeldung mit aktuellen Zahlen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sei übergewichtig, jeder fünfte Erwachsene adipös. Die Organisation zitiert Prognosen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), laut denen die Behandlungskosten für Adipositas bis 2050 rund elf Prozent der Gesundheitsausgaben ausmachen könnten. Ein weiteres Beispiel: Bereits heute leben mehr als neun Millionen Menschen mit Diabetes. Daraus entstehen derzeit jährliche Kosten von rund 30 Milliarden Euro. Bis 2040 dürfte die Zahl auf mindestens zwölf Millionen steigen – und die Kosten um ebenfalls 30 Prozent.
Gesundheitsfördernde Wirkung von lenkenden Maßnahmen ist erwiesen
Die DANK-Forschenden verweisen darauf, dass Studien die gesundheitsfördernde Wirkung von lenkenden politischen Vorgaben belegen. Das gelte beispielsweise für eine Steuer auf stark zuckerhaltige Getränke, Werbebeschränkungen für ungesunde Produkte an Kinder, verpflichtende Nährwertkennzeichnungen oder mehr Bewegungsangebote in Schulen. Dennoch habe die Bundesregierung bisher keinen dieser strukturellen Schritte umgesetzt. Stattdessen beschränke sich die Politik auf freiwillige Selbstverpflichtungen und punktuelle Aufklärungskampagnen.
Als Warnsignal bezeichnet DANK-Sprecherin Bitzer die Zunahme der Fehlzeiten: Die BKK verzeichnet für 2024 sogar einen Krankenstand auf Rekordniveau. 2023 fehlten AOK-Versicherte laut DANK im Durchschnitt fast 24 Tage. Das Gros dieser Krankheitstage (39 %) entfalle auf Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen, häufig im Zusammenhang mit chronischen Krankheiten. Dies sei eine direkte Folge mangelnder struktureller Prävention und nicht einfach „Schicksal“ oder individuelles Fehlverhalten.
Bislang kein Konzept für eine gesundheitsorientierte Ernährungsumgebung
Kritik übt DANK auch an der Ernährungspolitik des Bundesministeriums für Ernährung. In dessen 100-Tage-Bilanz stünden vor allem Agrarförderung, Bürokratieabbau und Exportstrategien. Ein Konzept für eine gesundheitsorientierte Ernährungsumgebung hingegen fehle. Dabei hätten andere Länder längst gesetzliche Maßnahmen eingeführt, um den Zugang zu gesunden Lebensmitteln zu erleichtern und ungesunde Optionen einzudämmen.
DANK: Verbote, Herstellerabgaben und Steuern sollen Prävention stärken
DANK fordert von der Bundesregierung:
- Herstellerabgabe auf gesundheitsschädliche Produkte wie zuckergesüßte Getränke, Tabak und Alkohol,
- Gesundes von der Mehrwertsteuer befreien,
- Verbindlicher Nutri-Score auf allen Produkten,
- Werbeverbote für gesundheitsschädliche Produkte, um Kinder und Jugendliche wirksam zu schützen,
- Verbot von Einweg-E-Zigaretten und Aromen,
- Gesunde Schulernährung nach den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE),
- Eine Stunde Bewegung pro Tag in Kita und Schule.









