Wiesbaden. Mit einem neuen digitalen Steuerungssystem will Hessen Rettungsdienste und Notaufnahmen entlasten. Dazu ist das Projekt „Sektorenübergreifende ambulante Notfallversorgung“ (SaN) jetzt in den Echtbetrieb gestartet. Nach Angaben des Hessischen Ministeriums für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege läuft der Echtbetrieb zunächst in drei Pilot-Landkreisen: im Main-Taunus-Kreis, im Main-Kinzig-Kreis und im Landkreis Gießen. Der Echtbetrieb gilt als wichtiger Praxistest für die weitere Entwicklung sektorübergreifender Notfallkonzepte in Deutschland.
Ziel des Projekts ist es, Patienten schneller in die passende Versorgungsebene zu steuern. Dadurch sollen unnötige Transporte in Krankenhäuser vermieden und die Notaufnahmen entlastet werden. Grundlage des Projekts ist ein digitaler Prozess, der Rettungsleitstellen, den Ärztlichen Bereitschaftsdienst und Krankenhäuser miteinander vernetzt.
Nach Angaben des Ministeriums sollen Hilfesuchende unabhängig davon, ob sie die Notrufnummer 112, die Rufnummer 116117 oder direkt eine Notaufnahme kontaktieren, künftig strukturierter medizinisch eingeschätzt und an die geeignete Stelle weitergeleitet werden.
Digitale Vernetzung der Leitstellen für die Rufnummern 112 und 116117
Kern des SaN-Projekts ist die digitale Verbindung zwischen Rettungsdienst und ambulantem Bereitschaftsdienst. Laut hessischem Gesundheitsministerium ermöglicht das System erstmals eine durchgängige digitale Fallübernahme und -übergabe zwischen den Leitstellen des Rettungsdienstes und der Disposition des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes.
Hessens Gesundheitsministerin Diana Stolz erklärte laut Mitteilung, wer medizinische Hilfe brauche, solle künftig schneller an die richtige Stelle geleitet werden. Damit sollten Patienten die passende Hilfe erhalten und gleichzeitig Rettungsdienste sowie Notaufnahmen entlastet werden.
Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) sollen mit dem Projekt insbesondere Patienten ohne stationären Behandlungsbedarf gezielter in Praxen oder den Ärztlichen Bereitschaftsdienst vermittelt werden. Bislang sei es häufig so, dass Menschen den Rettungsdienst alarmieren oder direkt eine Notaufnahme aufsuchen, obwohl eine ambulante Behandlung ausreichen würde. Dies führe zu steigenden Einsatzzahlen im Rettungsdienst sowie zu überfüllten Notaufnahmen und langen Wartezeiten.
SmED-System soll Ersteinschätzung standardisieren
Die Grundlage für die medizinische Einschätzung bildet das digitale System „Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland“ (SmED). Dabei handelt es sich nach Angaben der Projektpartner um ein geprüftes digitales Medizinprodukt zur standardisierten Ersteinschätzung medizinischer Beschwerden.
Das System soll sicherstellen, dass die Einschätzung der Dringlichkeit unabhängig vom jeweiligen Zugang zur Notfallversorgung nach einheitlichen Kriterien erfolgt. Medizinisches Personal entscheidet auf dieser Grundlage, welche Versorgungsebene erforderlich ist.
Nach Angaben des hessischen Gesundheitsministeriums bedeutet dies im konkreten Fall: Bei lebensbedrohlichen Notfällen wird sofort ein Rettungseinsatz ausgelöst. Bei dringenden, aber nicht lebensbedrohlichen Beschwerden erfolgt eine Weiterleitung an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst. Bei weniger akuten Beschwerden kann ein Termin in einer Hausarztpraxis am folgenden Werktag ausreichend sein.
Die digitale Vernetzung soll zudem verhindern, dass Patienten im Übergang zwischen verschiedenen Versorgungsstrukturen „verloren gehen“. Sämtliche Schritte der Patientensteuerung werden laut Ministerium digital dokumentiert und weitergegeben.
Pilotprojekt läuft bereits seit mehreren Jahren
Das SaN-Projekt befindet sich nach Angaben der KV Hessen bereits im vierten Jahr. Die jetzt gestartete Produktivphase gilt als entscheidender Schritt hin zu einem regulären Echtbetrieb. Wie aus Informationen der KV Hessen hervorgeht, wurden bislang rund 1.300 Patienten im Rahmen des Projekts gezielt vermittelt. Beteiligt sind derzeit etwa 35 Partnerpraxen sowie acht Bereitschaftsdienstzentralen. Zu den häufigsten Beschwerdebildern gehörten demnach internistische Notfälle, geschlossene Frakturen der Extremitäten, Nasenbluten, Gesichts- und Kopfverletzungen sowie nicht traumatische Rückenschmerzen ohne neurologische Ausfälle.
Wissenschaftliche Begleitung bis 2028 geplant
Das Projekt soll wissenschaftlich begleitet und ausgewertet werden. Nach Angaben regionaler Projektpartner ist die Laufzeit zunächst bis Mitte 2028 vorgesehen. Die Evaluation übernimmt das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi).
Untersucht werden soll unter anderem, ob sich Rettungsdienste und Notaufnahmen tatsächlich entlasten lassen und wie zuverlässig die digitale Steuerung funktioniert. Zudem soll geprüft werden, wie Patienten das neue System annehmen.
Hessisches Modell könnte als Vorlage für Reform der Notfalldienste dienen
Nach Einschätzung der Landesregierung könnte das Projekt langfristig als Modell für andere Bundesländer dienen. Das Bundeskabinett hatte im April 2026 eine umfassende Reform der Notfallversorgung beschlossen, laut der Leitstellen, Kliniken und Bereitschaftsdiensten enger verzahnt werden sollen.












