Der Klimawandel ist laut einer neuen WHO-Kommission längst keine abstrakte Zukunftsgefahr mehr, sondern eine akute Gesundheits- und Sicherheitskrise. Gleichzeitig sehen Experten Chancen für Gesundheit, Wirtschaft und soziale Stabilität, wenn Regierungen jetzt konsequent handeln. Die Paneuropäische Kommission Klima und Gesundheit, eingesetzt von Hans Henri P. Kluge und geleitet von Katrín Jakobsdóttir, hat 17 konkrete Sofortmaßnahmen für die 53 Mitgliedstaaten der Europäischen WHO-Region vorgelegt. Ihre Botschaft lautet, dass Untätigkeit langfristig deutlich mehr kostet als ambitionierter Klimaschutz.
Europa erwärmt sich doppelt so schnell
Nach Angaben der Kommission steigt die Temperatur in Europa derzeit doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Damit wachse das Risiko sogenannter Kipppunkte im Klimasystem, die irreversible Veränderungen auslösen könnten. Der Klimawandel betreffe dabei nicht nur Umweltfragen, sondern zunehmend auch Ernährungssicherheit, Wasserversorgung, Energiepolitik und nationale Sicherheit.
Die Experten fordern deshalb, Klima und Gesundheit auf die Tagesordnung nationaler Sicherheitsräte zu setzen. Neben Gesundheitsministerien müssten Finanz-, Energie- und Verteidigungsressorts eingebunden werden.
Fossile Energieträger als Gesundheitsrisiko
Besonders kritisch bewertet die Kommission die fortgesetzte Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Luftverschmutzung durch deren Verbrennung koste in der europäischen WHO-Region jedes Jahr hunderttausende Menschen das Leben. Gleichzeitig machten fossile Brennstoffe Staaten anfällig für Lieferengpässe und Preisschwankungen.
Die Kommission empfiehlt deshalb den schrittweisen Abbau fossiler Subventionen. Die freiwerdenden Mittel sollten stattdessen in erneuerbare Energien, klimaresiliente Gesundheitssysteme, öffentlichen Nahverkehr und nachhaltige Ernährung investiert werden.
„Die Klimakrise stellt eine Bedrohung für unsere Sicherheit, den sozialen Zusammenhalt, die Menschenrechte und die Gesundheit dar“, sagt Jakobsdóttir. Klimaschutz sei nicht nur notwendig, sondern eine Investition in den Aufbau einer widerstandsfähigeren und gerechteren Gesellschaft.
WHO soll Klimawandel als Gesundheitsnotlage einstufen
Eine Forderung richtet sich direkt an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der Klimawandel sollte demnach offiziell als gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite eingestuft werden. Die bestehenden internationalen Gesundheitsvorschriften seien bislang vor allem auf zeitlich begrenzte Epidemien ausgelegt und würden der Dimension der Klimakrise nicht gerecht.
Auch die Gesundheitssysteme selbst müssten umgebaut werden. Die Kommission fordert verpflichtende Fortbildungen zu Klima und Gesundheit für Gesundheitsfachkräfte, stärkere Berücksichtigung psychischer Belastungen durch Klimafolgen sowie klimaorientierte Beschaffungsstandards im Gesundheitswesen.
Neue Wohlstandsindikatoren gefordert
Darüber hinaus kritisiert die Kommission die bisherige wirtschaftliche Erfolgsmessung über das Bruttoinlandsprodukt. Dieses berücksichtige weder Gesundheitskosten durch Umweltverschmutzung noch die Folgen von Klimakatastrophen oder Belastungen für künftige Generationen. Stattdessen schlagen die Experten neue Indikatoren vor, die Gesundheit, soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit stärker in den Mittelpunkt politischer Entscheidungen rücken sollen.












