Medikation mit positiven Effekten auf das Sozialverhalten
Bei Personen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) kann die entsprechende Medikation, gleichgültig ob stimulierend oder nicht-stimulierend, positive Effekte auf das Sozialverhalten haben. In einer großen Studie mit Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS wurde festgestellt, dass die Kriminalitätsrate in dieser Gruppe gegenüber von Phasen der Nicht-Behandlung signifikant sank, wenn die Patienten mit den entsprechenden Medikamenten behandelt wurden. Weitere Studien bestätigten, dass die ADHS-Medikation das Kriminalitätsrisiko bei ADHS-Patienten reduzieren kann.
Bisheriger Studienfokus auf schwere Verbrechen
Die vorangegangenen Studien legten ihren Fokus vor allem auf schwere Verbrechen, wie z. B. Mord, Gewaltverbrechen, Drogendelikte, Waffenbesitz und Steuerkriminalität. Kinder und Jugendliche verüben jedoch eher geringgradige Vergehen, wie Hausfriedensbruch, Verstöße gegen die Schulpflicht, Vergehen im Zusammenhang mit Pyrotechnik oder kleinere Diebstähle. Darüber hinaus wurde meist nur der Nicht-Gebrauch mit dem Gebrauch der ADHS-Medikamente verglichen. Dabei kommt es wahrscheinlich viel häufiger zu einer mangelhaften Medikationsadhärenz, zu der neben dem Nicht-Gebrauch, auch die Unterdosierung oder die unregelmäßige Einnahme der Medikamente gehören.
Medikationsadhärenz und leichte Vergehen
Ein Team von Wissenschaftler der Abteilung für Kinder-und-Jugendlichen-Psychiatrie des Medizinischen Zentrums der Universität in Groningen, Niederlande untersuchte nun, ob eine mangelnde Adhärenz zur Behandlung mit stimulierenden oder nicht-stimulierenden ADHS-Medikamenten die Wahrscheinlichkeit bei Kindern oder Jugendlichen mit ADHS erhöht, leichtere Straftaten zu begehen.
Abgleich von Daten aus nationalen Datenbanken
Die Wissenschaftler nutzten Datensätze des nationalen Amts für Statistik der Niederlande (Centraal Bureau voor Statistiek) und der niederländischen Stiftung für pharmazeutische Statistik, die mit den Daten von 98% der öffentlichen Apotheken in den Niederlanden arbeitet. Die Daten zur ADHS-Medikation und zu den registrierten geringgradigen Vergehen wurden für den Zeitraum von 2005 bis 2019 erhoben und abgeglichen. Eingeschlossen wurden 18.234 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren.
Adhärenz bei selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren als Kontrolle
Die Rate der leichten Vergehen in Phasen hoher Medikationsadhärenz wurde mit der Kleinkriminalitätsrate in Phasen geringer Therapietreue, unter Anwendung der Cox-Regression verglichen. Als Kontrolle wurden potenzielle Zusammenhänge zwischen der Adhärenz zu selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren (selective serotonin reuptake inhibitors [SSRIs]) und dem Begehen kleinerer Gesetzesverstöße getestet.
Schließlich prüften die Wissenschaftler auch, ob bei den Zusammenhängen zwischen Adhärenz und Fällen von leichtem gesetzeswidrigem Verhalten eine umgekehrte Kausalität besteht, dass also die Neigung zu kleineren Vergehen die mangelnde Adhärenz zur ADHS-Medikation verursacht, und nicht, wie angenommen, die schlechte Adhärenz die Hemmschwelle zu gesetzeswidrigem Verhalten senkt.
Hohe Adhärenz verringert das Kriminalitätsrisiko
Eine hohe Adhärenz zur ADHS-Medikation war mit einem geringeren Risiko für Vergehen verbunden: um 33% geringer verglichen mit Phasen einer mangelhaften Adhärenz über drei und mehr Monate oder um 38% geringer gegenüber schlechter Adhärenz über sechs Monate und mehr.
Da die SSRI-Adhärenz keinen Effekt auf die Vergehensrate hatte und eine umgekehrte Kausalität nicht festgestellt wurde, schreiben die Autoren die Reduktion des Kleinkriminalitätsrisikos einer guten Adhärenz zur ADHS-Medikation zu. Eine Adjustierung der Ergebnisse ergab hinsichtlich der Vergehensraten keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Es spielte auch keine Rolle, ob die Patienten stimulierende oder nicht-stimulierende Substanzen einnahmen.
Schutz der Jugendlichen und der Gesellschaft
Eine persistente Medikationsadhärenz von ADHS-Patienten im Kindes- und Jugendalter reduziert das Risiko des Verübens von kleineren Gesetzesvergehen gegenüber einer mangelhaften Adhärenz. Ein engmaschiges Monitoring der Adhärenz erscheint daher nicht nur medizinisch von Bedeutung zu sein. Wenn eine gute Therapieadhärenz Kinder und Jugendliche mit ADHS im Einzelfall davor schützt, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, sich damit selbst und anderen zu schaden, würden sowohl die jungen Patienten als auch die Gesellschaft von einem engmaschigen Monitoring der Therapieadhärenz profitieren.
Ebenso wichtig zum Schutz von Kindern und Jugendlichen mit ADHS ist jedoch auch, dass sie nicht unter den Generalverdacht der mangelnden Gesetzestreue geraten, nur weil sie unter dieser Erkrankung leiden.










