Das lange Warten auf Hilfe: Die versteckten Hürden bei Essstörungen

Im Durchschnitt vergehen nach Beginn einer Essstörung zwei Jahre bis die Betroffenen in einem spezialisierten Zentrum Hilfe suchen. Eine Studie beschäftigt sich erstmals mit den Gründen für die Therapieverzögerungen, die fatale Folgen für die Patienten haben können.

Psychologin

Essstörungen frühestmöglich behandeln

Essstörungen sind schwere psychische Erkrankungen mit hoher Rückfallrate. Frühe Behandlungsinterventionen können den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, während bei Verzögerungen chronische und lebensbedrohliche Zustände möglich sind. Die britischen Leitlinien des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) empfehlen daher eine Behandlung so früh wie möglich einzuleiten.

Studien zeigen, dass vom Beginn einer Essstörung bis zur spezifischen Therapie 2-5 Jahre vergehen. Zu diesen Verzögerungen können eine mangelnde Krankheitseinsicht und die Angst vor einer Stigmatisierung als „psychisch krank“ der Patienten aber auch Hürden auf den medizinischen Versorgungspfaden beitragen. Diese wurden bislang in Bezug auf Essstörungen noch nicht untersucht. Das haben europäische Forscher an spezialisierten Zentren für Essstörungen unter der Koordination Prof. Dr. Alessio Maria Monteleone von der Luigi Vanvitelli Universität von Kampanien nachgeholt.

Welche Wege führen zum Spezialisten?

Das Ziel der multizentrischen Studie bestand darin, die Wege von Patienten mit Essstörungen zu einer Versorgung durch spezialisierte Zentren nachzuverfolgen und Barrieren auf diesen Wegen zu erkennen. Die Teilnehmer wurden aus Patienten rekrutiert, die in einem der elf teilnehmenden Zentren medizinische Hilfe suchten. Eingeschlossen wurden Patienten mit einer den DSM-5-Kriterien entsprechenden Diagnose „Essstörung“.

WHO-Tool zur Erfassung von Versorgungspfaden

Um den komplexen Weg in ein Zentrum für Essstörungen im Detail nachzuvollziehen, wurde ein Tool genutzt, das in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt wurde.
Erfragt wurden unter anderem die Anzahl und die Fachrichtungen der zuvor aufgesuchten Gesundheitsfachleute, psychische und somatische Probleme, das Auftreten von essensbezogenen Symptomen und das zeitliche Intervall zwischen dem Beginn der aktuellen Essstörung und der Ankunft in einemspezialisierten Zentrum.

Zwei Jahre bis zur Ankunft beim Spezialisten

Insgesamt 409 Menschen (durchschnittliches Alter 26,6 ± 11,2 Jahre) davon 383 (94,3%) Frauen wurden in die Studie aufgenommen. An Anorexia nervosa litten 213 (52,1%) der Patienten, an Bulimia nervosa 89 (21,8%), an Binge-Eating 41 (10%) und an anderen Essstörungen 66 (16,1%). Im Median dauerte es 24 Monate vom Beginn der aktuellen Essstörungs-Episode bis zur Aufnahme im spezialisierten Zentrum.

Nur 8% der Patienten suchten direkt ein spezialisiertes Zentrum auf. Im Durchschnitt hatten die Patienten zuvor Kontakt zu zwei Gesundheitsfachleuten . Die meisten Patienten (26,2%) hatten zuerst einen Psychiater konsultiert. Der Hausarzt war für 24,7% und ein Psychologe für 17,1% Patienten der erste Ansprechpartner. 

Symptome der Patienten

Die meisten Patienten (68,4%) nannten beim ersten Ansprechpartner ein essensbezogenes Symptom. Danach kamen Depressionen (27,9%), Angststörungen (22,7%) und somatische Beschwerden (14,2%). Essensbezogene Symptome waren auch die häufigsten Gründe (87,7%), warum sich die Patienten schließlich an ein spezialisiertes Zentrum wandten. Die Selbstmordversuche stiegen von der ersten Konsultation von 2,1% bis zur Entscheidung ein spezialisiertes Zentrum aufzusuchen auf 4,9%. Die Idee ein auf Essstörungen spezialisiertes Zentrum aufzusuchen, kam in 53,2% der Fälle aus der Familie und in 39,1% der Fälle vom Patienten selbst.

Zugang zu spezifischer Versorgung beschleunigen

Trotz der Dringlichkeit einer frühzeitigen Behandlung von Essstörungen dauert es im Durchschnitt immer noch zwei Jahre, bis Patienten die spezifische Versorgung erhalten, die sie benötigen. Die Impulse ein spezialisiertes Zentrum aufzusuchen, kommen meist aus den Familien oder von den Betroffenen selbst, wohingegen Hausärzte, Psychiater und Psychologen im Vergleich viel seltener diesen Vorschlag äußern. Um Verzögerungen in Zukunft zu verringern, schlagen die Autoren vor, bei allen Beteiligten mehr Bewusstsein für Essstörungen und ihre spezifische Behandlung zu schaffen.

Autor:
Stand:
05.06.2023
Quelle:
  1. National Guideline Alliance (UK) (2017): Eating disorders: recognition and treatment. London: National Institute for Health and Care Excellence (NICE); Letzte Aktualisierung 2020.
  2. Monteleone, A., Barone, E., Cascino, G., Schmidt, U., Gorwood, P., Volpe, U., . . . Monteleone, P. (2023). Pathways to eating disorder care: A European multicenter study. European Psychiatry, 66(1), E36. DOI: 10.1192/j.eurpsy.2023.23
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