Daten von Finanzinstituten als Quelle für Lebenskrisen

US-Forscher nutzten die Daten einer Kreditauskunftei für eine Studie zum Vorkommen von Lebenskrisen bei Patienten mit Bipolar-I-Störung oder Schizophrenie im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen. Die Studie sollte auch zeigen, ob dieses Vorgehen sinnvoll ist.

Schufa

Lebenskrisen bei psychiatrisch erkrankten Patienten

Können die öffentlich zugänglichen Datensätze von Kreditauskunfteien, Organisationen, die Informationen über das Zahlungsverhalten von Personen sammeln, die Aussagekraft von populationsbasierten Studien mit Patienten mit Bipolar-I-Störung (BPI) oder Schizophrenie unterstützen? Diese Frage stellten sich Forscher des Departements of Research & Evaluation des US-amerikanischen Unternehmens Kaiser Permanente mit Sitz in Oakland, Kalifornien. Kaiser Permanente ist in der Gesundheitsfürsorge tätig und bietet unter anderem Krankenversicherungsschutz an.

Die Forscher konzipierten dazu ein Studiendesign, das die Daten aus elektronischen Patientenakten (electronic health record [EHR]) mit den öffentlich verfügbaren Daten einer großen amerikanischen Kreditauskunftei verknüpfte.

Bildung der Vergleichsgruppen

Für die Studie wurden EHR von Kaiser Permanente Southern California und Henry Ford Health genutzt. Kohorten von Patienten, die in den Jahren 2007 bis 2019 die Diagnose BPI oder Schizophrenie erhalten hatten, wurden 1:1 gematcht mit:

  • einer aktiven Vergleichsgruppe mit der Diagnose schwere Depression (major depressive disorder [MDD])
  • einer Gruppe „Allgemeingesundheit“ (general health [GH]) ohne eine der 3 vorgenannten psychiatrischen Diagnosen

Datenrecherche bei der TransUnion

Mithilfe der Namen, der Adressen, der Geburtsdaten und der Sozialversicherungsnummer wurden die öffentlich verfügbaren Datensätze der Patienten bei TransUnion, einer der größten der US-amerikanischen Wirtschafts- und Kreditauskunfteien, abgerufen. Diese enthielten Pfändungen, Gerichtsurteile, Insolvenzurteile und Inhaftierungen in der Zeit vom 1. Januar 2007 bis 31. Dezember 2019, sowie Adressänderungen in den letzten sieben Jahren.

Primärer Endpunkt der Studie waren die Unterschiede des Vorkommens von einschneidenden Lebenskrisen bei Patienten mit Bipolar-I-Störung (BPI) oder Schizophrenie und deren gematchten Vergleichsgruppen.

Mehr Inhaftierungen bei BPI und Schizophrenie

Die öffentlichen Datensätze von 16.159 Patienten mit Schizophrenie und 30.008 Patienten mit BPI wurden bei TransUnion, einer der größten US-Kreditauskunfteien, abgerufen. Es zeigte sich, dass Patienten mit BPI häufiger ihre Adresse wechselten und häufiger finanzielle Krisen erlebten als ihre Vergleichsgruppen. Bei den Patienten mit Schizophrenie hingegen kam es seltener zu Adressänderungen und finanziellen Krisen. Die größten Unterschiede fanden sich bei den Inhaftierungen: Im Vergleich zur GH-Gruppe war die Wahrscheinlichkeit für Patienten mit BPI oder Schizophrenie verdreifacht.

Schwächen der Studie

Trotz der großen Studienpopulationen können die Ergebnisse aufgrund der Beschränkung auf zwei regionale Gesundheitsversorgungsysteme nicht auf andere Regionen übertragen werden. Darüber hinaus lieferten sowohl die EHR als auch TransUnion keine Informationen über das Einkommen und/oder Arbeitslosigkeit der Patienten. Es ist also möglich, dass weniger Einträge über Pfändungen oder Insolvenzen für Patienten mit Schizophrenie existieren, weil sie aufgrund ihrer Erkrankung nicht erwerbstätig waren.

Nutzen des Ansatzes fraglich

Die Studie lotete einen Ansatz zur Generierung großer Datenmengen zu den potenziellen Begleiterscheinungen psychischer Erkrankungen aus. Aus europäischer Sicht erscheint es befremdlich, dass ethische Bedenken bei dieser umfassenden Verknüpfung sensibler Daten mit dem Hinweis der Retrospektivität der Beobachtungsstudie ausgeräumt wurden.

Bei BPI-Patienten bestätigten die Ergebnisse des Abgleichs von TransUnion-Einträgen und EHR die Ergebnisse vorangegangener Studien. Die Vorteile ihrer Methode sehen die Autoren in der Auswertung von großen Datenmengen und dem Vergleich mit gematchten Gruppen, die eine Quantifizierung und Objektivierung des Phänomens erlauben.

Allerdings zeigte die Studie selbst, dass Kreditauskunfteien nicht das gesamte Spektrum finanzieller Lebenskrisen psychiatrisch erkrankter Menschen, wie z. B. die Erwerbslosigkeit und Obdachlosigkeit abbilden. Wenn überhaupt, ergibt die Methode nur bei limitierten Populationen und konkreter Fragestellung nach definierten Einzelereignissen (z. B. Insolvenzen) Sinn.

Die Studie wurde von Otsuka Pharmaceutical Development & Commercialization and Lundbeck gesponsort.

Autor:
Stand:
05.06.2023
Quelle:

Nau et al. (2023): Assessment of Disruptive Life Events for Individuals Diagnosed With Schizophrenia or Bipolar I Disorder Using Data From a Consumer Credit Reporting Agency. JAMA Psychiatry. Published online May 10, 2023. DOI:10.1001/jamapsychiatry.2023.1179

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