SSRI in der Schwangerschaft zwischen Nutzen, Risiken und neonatalen Effekten

SSRI werden häufig zur Behandlung depressiver Episoden in der Schwangerschaft eingesetzt. Eine große Registerstudie aus Finnland untersucht, wie sich die Therapie im Vergleich zur unbehandelten Depression auf maternale und neonatale Risiken auswirkt.

Schwangerschaft

Abgrenzung von SSRI-Effekten und Depression in der Schwangerschaft

Perinatale Depressionen betreffen etwa 10 – 15 % der Schwangeren und erfordern bei ausgeprägter Symptomatik häufig eine antidepressive Pharmakotherapie. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind die am häufigsten eingesetzten Antidepressiva in der Schwangerschaft und werden von 5 – 10 % der Schwangeren eingenommen. Die klinische Nutzen-Risiko-Abwägung bleibt anspruchsvoll, da ungünstige Verläufe sowohl mit der Therapie als auch mit der zugrunde liegenden Depression in Zusammenhang stehen können. Vor diesem Hintergrund untersuchte die finnische Arbeitsgruppe um Heli Malm (University of Turku), in welchem Ausmaß beobachtete Risiken auf die SSRI-Exposition oder auf die maternale Depression zurückzuführen sind.

Finnische Registerkohorte zur SSRI-Exposition mit umfassender Datengrundlage

Zur Beantwortung dieser Fragestellung analysierten die Autoren eine populationsbasierte Registerkohorte in Finnland mit mehr als 1,2 Millionen Einlings-Lebendgeburten aus den Jahren 1996 bis 2018. Als SSRI-exponiert wurden 19.020 Frauen definiert, die zwischen 30 Tagen vor Konzeption und dem Ende der Schwangerschaft mindestens zwei Verordnungen erhalten hatten. Diese Gruppe wurde mit 19.625 Frauen mit diagnostizierter Depression ohne Antidepressivatherapie sowie mit 3.145 Frauen verglichen, die SSRI bereits vor der Schwangerschaft abgesetzt hatten. Die statistischen Modelle berücksichtigten mehrere Indikatoren der Depressionsschwere und wurden durch Geschwistervergleiche zur Kontrolle familiärer Einflussfaktoren ergänzt.

SSRI und Gestationsdiabetes in der Schwangerschaft

Nach Adjustierung für relevante Kovariaten war die SSRI-Exposition im Vergleich zu unbehandelten depressiven Frauen mit einem erhöhten Risiko für Gestationsdiabetes assoziiert (Odds Ratio [OR] 1,14). Gleichzeitig zeigten sich geringere Risiken für Kaiserschnitt, späte und sehr frühe Frühgeburt sowie für niedriges und sehr niedriges Geburtsgewicht. Diese Befunde blieben auch nach zusätzlicher Berücksichtigung von Indikatoren der Depressionsschwere bestehen. In Geschwisteranalysen bestätigte sich das erhöhte Risiko für Gestationsdiabetes.

SSRI-Exposition und Adaptationsstörung beim Neugeborenen

Bei SSRI-exponierten Neugeborenen waren niedrige 5-Minuten-Apgar-Werte (OR 2,02), respiratorische Probleme (OR 1,61) und Aufnahmen auf die Neugeborenen-Intensivstation (OR 1,23) signifikant häufiger. Eine Exposition im dritten Trimester war mit einem mehr als dreifach erhöhten Risiko für einen niedrigen 5-Minuten-Apgar-Wert assoziiert (OR 3,44). Auch im Vergleich zu Frauen, die SSRI vor der Schwangerschaft abgesetzt hatten, blieben die erhöhten Risiken für neonatale Adaptationsstörungen bestehen, während das Risiko für späte Frühgeburt (OR 0,83) und niedriges Geburtsgewicht (OR 0,78) reduziert war. Demgegenüber war eine unbehandelte Depression im Vergleich zu nicht exponierten Schwangerschaften mit einem mehr als doppelt so hohen Risiko für sehr frühe Frühgeburt (OR 2,15) sowie mit erhöhten Risiken für niedrige 5-Minuten-Apgar-Werte (OR 1,26), persistierende pulmonale Hypertonie des Neugeborenen (OR 1,80) und schwere angeborene Fehlbildungen (OR 1,36) assoziiert.

Hohe Datenqualität, aber keine kausalen Schlussfolgerungen der SSRI-Analyse

Eine wesentliche Stärke der Studie ist die große, landesweite Registerkohorte mit mehr als 1,2 Millionen Geburten und einer nahezu vollständigen Erfassung relevanter Gesundheitsdaten. Um Fehlklassifikationen zu vermeiden, wurden ausschließlich Frauen mit mindestens zwei SSRI-Verordnungen berücksichtigt. Durch mehrere Vergleichsgruppen, zusätzliche Geschwisteranalysen und die Berücksichtigung der väterlichen Antidepressivaexposition wurde die Aussagekraft der Analysen gestärkt. Dennoch konnte der Schweregrad der Depression nur indirekt erfasst werden und aufgrund des beobachtenden Studiendesigns sind keine kausalen Schlussfolgerungen möglich.

SSRI in der Schwangerschaft ohne erhöhtes Frühgeburtsrisiko

In dieser Analyse zeigte sich kein erhöhtes Risiko für Frühgeburt unter SSRI-Exposition. Gleichzeitig traten neonatale Adaptationsstörungen häufiger auf, was bei der postnatalen Beurteilung berücksichtigt werden sollte. Das beobachtete erhöhte Risiko für Gestationsdiabetes unter SSRI sollte mithilfe weiterer Studien in unterschiedlichen Populationen überprüft werden. Zudem bleibt zu klären, ob dieser Zusammenhang substanzspezifisch ist oder auch andere Antidepressivaklassen betrifft.

Autor:
Stand:
09.03.2026
Quelle:

Malm et al. (2026): SSRI use during pregnancy and maternal depression – a nationwide birth cohort study on risks to the mother and the newborn. American Journal of Obstetrics & Gynecology MFM, DOI: 10.1016/j.ajogmf.2026.101910.

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