Versorgungssituation bei Borderline-Persönlichkeitsstörung bleibt kritisch
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) zählt zu den schwerwiegenden psychischen Erkrankungen. Sie ist gekennzeichnet durch eine hohe Komorbidität, ausgeprägte funktionelle Einschränkungen sowie erhebliche gesellschaftliche Kosten. Trotz klarer Empfehlungen für spezifische Psychotherapien erhalten weniger als 25 % der Betroffenen eine leitliniengerechte Behandlung. Diese Versorgungslücke besteht selbst in gut ausgebauten Gesundheitssystemen und stellt eine erhebliche Herausforderung dar.
Digitale Interventionen gewinnen in der psychischen Gesundheitsversorgung zunehmend an Bedeutung. Während sie bereits bei Depressionen und Angststörungen bewährte Effekte zeigen, war der Einsatz bei BPS bisher von Sicherheitsbedenken geprägt – insbesondere wegen des hohen Risikos für suizidales Verhalten in dieser Patientengruppe.
Digitale Therapie als neue Perspektive für BPS-Betroffene?
Vor diesem Hintergrund untersuchte eine Studie an der Universität zu Lübeck die Wirksamkeit und Sicherheit der digitalen Anwendung priovi. Basierend auf der Schematherapie verfolgt priovi das Ziel, Patienten mit BPS einen niedrigschwelligen Zugang zu therapeutischen Inhalten zu ermöglichen – unabhängig von einer parallelen face-to-face-Therapie. Die Studie EPADIP-BPD (Effectiveness of Priovi, a Digital SelfManagement Intervention, in Patients with Borderline Personality Disorder) adressiert damit eine zentrale offene Frage: Können digitale Interventionen bei BPS auch ohne direkte therapeutische Begleitung sicher und wirksam eingesetzt werden?
Studie untersucht digitale Therapie bei Borderline-Patienten
Die randomisierte, pragmatische, verblindete Parallelgruppenstudie rekrutierte zwischen Mai und Oktober 2022 insgesamt 580 Patienten über Online-Plattformen in Deutschland. Einschlusskriterien waren u. a. ein Mindestalter von 18 Jahren, eine strukturierte DSM-5-Diagnose einer BPS und mindestens moderat ausgeprägte Symptome (Borderline-Symptomliste (BSL)-23 ≥ 1,07).
Die Teilnehmenden wurden entweder der Interventionsgruppe (priovi plus Treatment as Usual, TAU) oder der Kontrollgruppe (nur TAU mit Selbsthilfematerial) zugewiesen. Primärer Endpunkt war die Veränderung der Symptomatik nach drei Monaten, gemessen anhand des BSL-23.
Digitale Therapie zeigt Effektivität bei Symptomminderung und Suizidprävention
Die Analyse zeigte einen signifikanten Vorteil der Interventionsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe bezüglich der Symptomreduktion nach drei Monaten (Cohen’s d = 0,24; p=0,0005). Auch depressive und Angstsymptome verringerten sich signifikant stärker unter priovi .
Besonders hervorzuheben ist der deutliche Rückgang von Suizidversuchen in der Interventionsgruppe (Inzidenzratenverhältnis 0,34; p=0,0081). Hospitalisierungen und andere lebensbedrohliche Ereignisse unterschieden sich hingegen nicht signifikant zwischen den Gruppen.
Limitationen der Studie und zukünftige Perspektiven
Die Studie weist trotz ihrer Stärken (große Stichprobe, geringe Drop-out-Rate) auch Einschränkungen auf: Der Verzicht auf eine vordefinierte Nichtunterlegenheitsgrenze erschwert eine abschließende Bewertung der Überlegenheit. Zudem basieren alle Erhebungen auf Selbstauskünften und beziehen sich auf eine überwiegend weibliche, online-rekrutierte Kohorte.
Weitere Forschung sollte sich auf die Langzeitwirksamkeit, mögliche Prädiktoren für Therapieerfolg und die Verbesserung funktionaler Outcomes konzentrieren. Auch die Kombination von digitalen und klassischen psychotherapeutischen Angeboten könnte zukünftig evaluiert werden.
Digitaltherapie als vielversprechende Ergänzung bei BPS
Die EPADIP-BPD-Studie liefert erste Hinweise, dass eine eigenständig nutzbare digitale Schematherapie eine wirksame und sichere Option zur Reduktion der BPS-Symptomatik darstellen kann. In Anbetracht des hohen Bedarfs und der eingeschränkten Versorgungsrealität bietet priovi eine wertvolle Ergänzung zur bestehenden Behandlungspraxis – besonders für schwer erreichbare Patientengruppen.










