Zunahme von Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen

Immer mehr Kinder und Jugendliche werden aufgrund von Geschlechtsinkongruenz und -dysphorie in spezialisierten Sprechstunden vorstellig, so ein aktuelles Review. Nicht selten treten begleitend Depressionen, Angststörungen und andere psychische Erkrankungen auf.

Psychologin Kind

Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie

Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsinkongruenz können sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde. Eine Geschlechtsinkongruenz an sich ist keine psychische Erkrankung. Kommt es durch die Geschlechtsinkongruenz zu einem anhaltenden, psychischen Leidenszustand, so wird dies als Geschlechtsdysphorie bezeichnet.

Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie besser verstehen

Die Geschlechtsdysphorie kann Anlass für eine Vorstellung in spezialisierten Sprechstunden sein. Nicht selten sind die Kinder und Jugendlichen auch von assoziierten psychischen Erkrankungen – etwa Depressionen, Angststörungen oder ADHS – betroffen. Um die Versorgung dieser wachsenden Gruppe von Patienten zu verbessern, sind weiter Daten nötig. Dazu untersuchte ein Forscherteam um Dr. Jo Taylor von der University of York, Großbritannien, Fallzahlen und Merkmale von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund von Geschlechtsinkongruenz oder -dysphorie in einer spezialisierten Sprechstunde vorstellig wurden.

Systematisches Review zu Geschlechtsdysphorie

Die Forscher suchten in mehreren Datenbanken, darunter MEDLINE, EMBASE und PsycINFO, nach geeigneten Studien. Suchbegriffe waren „Kinder“, „Jugendliche“ sowie „Geschlechtsdysphorie“ mit assoziierten Begriffen wie Geschlechtsinkongruenz, transgender und nicht-binär. Eingeschlossen wurden Studien mit Peer-Review-Verfahren in englischer Sprache, bei denen mindestens das bei Geburt registrierte Geschlecht und/oder das Alter bei Überweisung erfasst worden waren.

Deutlicher Anstieg der Überweisungen aufgrund Geschlechtsdysphorie

Zwei unabhängige Reviewer identifizierten insgesamt 143 geeignete Studien aus 17 Ländern, darunter sechs Studien aus Deutschland. Die Studien waren zwischen 1972 und 2021 publiziert worden, mit einem deutlichen Anstieg der Publikationen ab dem Jahr 2000. Das Alter der Teilnehmer war in einigen Studien im jüngeren Alter von 10-11 Jahren, bei anderen Studien stammten die Teilnehmer aus der Altersgruppe von 13-16 Jahren.

Die Überweisungen an spezialisierte Sprechstunden stiegen um das Zwei- bis Dreifache an. Eine kontinuierliche Zunahme von Überweisungen wurde vor allem für bei Geburt als Mädchen registrierten Individuen festgestellt.

Soziale Transition bei über der Hälfte der Überweisungen

Über die Hälfte (60%) der inkludierten Teilnehmer hatten bei Vorstellung bereits Schritte unternommen, um sich ihrem bevorzugten Geschlecht anzunähern. Dabei hatten je nach Studie zwischen 48-96% der Teilnehmer eine Namensänderung vorgenommen, 61% das Pronomen und 75-99% ihr Aussehen geändert. Eine Studie ermittelte auch, wo diese soziale Transition stattgefunden hatte: zu Hause (61%), in der Schule (59%) und online (7%).

Assoziierte psychische Erkrankungen bei Betroffenen

Knapp die Hälfte der inkludierten Studien enthielt Angaben zu Depressionen und Angststörungen, bei 20% der Studien waren Daten zu anderen psychischen Erkrankungen und neuronalen Entwicklungsstörungen enthalten.

In 63 Studien aus 13 Ländern wurden Angaben zu Depressionen und Angststörungen gemacht. Die Schätzung der Studien zusammengenommen, ergaben für beide Erkrankungen jeweils 38% und für Depressionen und Angststörungen zusammen 48% (nach Angaben von Eltern/Betreuern) bzw. 44% (nach Angaben der Kinder/Jugendlichen). Individuen, die mit weiblichem Geschlecht geboren wurden, waren eher von Depressionen und Angststörungen betroffen.

Die geschätzten Daten zu weiteren psychischen Erkrankungen und neuronalen Entwicklungsstörungen zeigten sich wie folgt:

  • Essstörungen: 5-23%
  • Autismus: 9%
  • ADHS: 10%
  • Suizidalität: 14%
  • Selbstverletzung: 29%.

Auch Fälle von erfolgter Vernachlässigung oder Misshandlung bzw. Missbrauch schienen häufiger vorhanden zu sein im Vergleich zu Gleichaltrigen in der Gesamtbevölkerung.

Differenzierte Betreuung bei Geschlechtsinkongruenz und -dysphorie notwendig

Trotz verschiedener Limitationen, zeigen die Ergebnisse dieses systematischen Reviews eine Verdopplung bis Verdreifachung der Überweisungen von Kindern und Jugendlichen an Spezialisten aufgrund von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie in verschiedenen Ländern. Bei den Kindern und Jugendlichen wurden zudem häufiger als erwartet ADHS, Autismus, Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, Suizidalität und selbstverletzendes Verhalten registriert.

Diese Daten zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdystrophie eine differenzierte Betreuung brauchen. Mögliche assoziierte psychische Erkrankungen und Entwicklungsstörungen sollten berücksichtigt werden. Hierzulande werden Ärzte und Psychologen bald Unterstützung durch die neue S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter bekommen, welche sich momentan im Konsultationsverfahren befindet.

Autor:
Stand:
13.05.2024
Quelle:

Taylor et al. (2024): Characteristics of children and adolescents referred to specialist gender services: a systematic review. Archives of Diseases in Childhood, DOI: https://doi.org/10.1136/archdischild-2023-326681

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