Risikofaktoren für rheumatoide Arthritis und Psoriasis – Einflüsse psychischen und physischen Missbrauchs

Missbrauch, Vernachlässigung oder häusliche Gewalt in der Kindheit erhöhen das Risiko für rheumatoide Arthritis und Psoriasis im späteren Leben deutlich – insbesondere bei Frauen.

Schlaflosigkeit Kind

Immunvermittelte Entzündungserkrankungen (IMIDs) wie rheumatoide Arthritis (RA), Psoriasis, entzündliche Darmerkrankungen, systemischer Lupus erythematodes (SLE), Multiple Sklerose (MS) und Zöliakie betreffen weltweit Millionen Menschen und verursachen eine erhebliche Krankheitslast. In vielen Fällen setzen diese chronischen Erkrankungen bereits im frühen Erwachsenenalter ein. Ihre Ätiologie ist multifaktoriell, wobei genetische Prädisposition, Umweltfaktoren und immunologische Dysregulation zentrale Rollen spielen. Ein bislang unzureichend untersuchter Risikofaktor in longitudinalen Studien ist die Exposition gegenüber Missbrauch, Vernachlässigung oder häuslicher Gewalt in der Kindheit.

Retrospektive Kohortenstudie untersucht Zusammenhang zwischen Kindesmisshandlung und IMIDs

Eine im Fachjournal 'Heliyon' veröffentlichte retrospektive Kohortenstudie der University of Birmingham im Vereinigten Königreich (UK) ist die erste ihrer Art, die mithilfe einer nationalen Primärversorgungsdatenbank (IMRD-UK) den Zusammenhang zwischen dokumentierter Kindesmisshandlung und dem Auftreten immunvermittelter Entzündungserkrankungen (IMIDs) analysiert. Frühere Studien basierten vorwiegend auf Querschnitts- oder Fall-Kontroll-Designs und waren durch methodische Limitationen wie Recall-Bias eingeschränkt. Die vorliegende Arbeit schließt diese Forschungslücke durch eine langfristige Beobachtung auf Basis ärztlich dokumentierter Primärversorgungsdaten.

Langzeitbeobachtung von exponierten und nicht exponierten Patienten

Zwischen 1995 und 2021 wurden für die Studie insgesamt 256.130 Patienten mit dokumentierter Misshandlung vor dem 18. Lebensjahr identifiziert. Diese wurden hinsichtlich Alter, Geschlecht, sozioökonomischem Status und behandelnder Hausarztpraxis mit 712.478 nicht exponierten Kontrollpersonen gematcht. Diagnosen wurden anhand kodierter medizinischer Daten ausgewertet. Zielparameter war das erstmalige Auftreten einer immunvermittelten Entzündungserkrankung (IMID). Die statistische Auswertung erfolgte mittels Cox-Regressionsanalyse.

Erhöhtes Risiko für rheumatoide Arthritis und Psoriasis nach Kindesmisshandlung

Die Ergebnisse zeigen, dass Personen mit dokumentierter Kindesmisshandlung ein signifikant erhöhtes Risiko für die Entwicklung von rheumatoider Arthritis (adjustiertes Hazard Ratio [aHR] 1,39; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,12–1,74) und Psoriasis (aHR 1,16; 95 %-KI 1,10–1,23) aufwiesen. Dieses Risiko war bei Frauen ausgeprägter als bei Männern, was mit früheren Beobachtungen aus Metaanalysen übereinstimmt.

Für andere immunvermittelte Entzündungserkrankungen wie entzündliche Darmerkrankungen (aHR 0,87; 95 %-KI 0,75–1,00), Multiple Sklerose (aHR 1,07; 95 %-KI 0,77–1,49) und systemischen Lupus erythematodes (aHR 1,28; 95 %-KI 0,89–1,85) konnte kein statistisch signifikanter Zusammenhang festgestellt werden. Bemerkenswert ist die inverse Assoziation zur Zöliakie (aHR 0,74; 95 %-KI 0,62–0,88), deren Ursache weiterer Forschung bedarf.

Relevanz der Ergebnisse im Vergleich zum bisherigen Erkenntnisstand

Die Befunde für rheumatoide Arthritis und Psoriasis stehen im Einklang mit früheren Beobachtungsstudien, die auf Selbstauskünften beruhten. Im Gegensatz dazu liefert die aktuelle Untersuchung valide ärztliche Kodierungen aus Primärversorgungsdaten und vermeidet damit Recall-Bias.

In früheren Studien wurden Zusammenhänge zwischen einer Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, chronischer Entzündungsaktivität sowie erhöhten IL-6- und CRP-Spiegeln bei betroffenen Patienten beschrieben, was eine biologische Plausibilität der beobachteten Assoziationen unterstützt.

Bedeutung für Klinik und Forschung

Die Studie liefert belastbare Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Missbrauch, Vernachlässigung oder häuslicher Gewalt im Kindesalter und dem Auftreten spezifischer immunvermittelter Entzündungserkrankungen wie rheumatoider Arthritis und Psoriasis im Erwachsenenalter. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit einer frühzeitigen Risikoidentifikation sowie einer engen interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Pädiatrie, Allgemeinmedizin und Fachdisziplinen wie Rheumatologie und Dermatologie.

Langfristig sind weitere prospektive Studien in unterschiedlichen Versorgungssystemen erforderlich, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse zu prüfen und zugrunde liegende biologische Mechanismen besser zu verstehen. Die Studienautoren heben die Bedeutung einer gesundheitspolitischen Strategie hervor, die auf Prävention, frühzeitige Erkennung und adäquate Versorgung betroffener Personen ausgerichtet ist.

Autor:
Stand:
12.04.2025
Quelle:

Snook, L. et al. (2025): The risk of immune-mediated inflammatory diseases following exposure to childhood maltreatment: A retrospective cohort study using UK primary care data. Heliyon, DOI: 10.1016/j.heliyon.2024.e40493.

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