Glomerulonephritiden: Seltene, aber folgenreiche Erkrankungen der Nierenkörperchen
Glomerulonephritiden (GN) sind in ihrer Gesamtheit seltene Erkrankungen, haben jedoch in der klinischen Praxis ein hohes Gewicht: Sie verursachen weltweit rund 20–25 % aller dialysepflichtigen terminalen Niereninsuffizienzen. Besonders betroffen sind junge Erwachsene, bei denen die Erkrankung neben einer erheblichen Morbidität auch massive sozioökonomische Folgen hat – nicht zuletzt durch die potenzielle Notwendigkeit lebenslanger Nierenersatzverfahren wie Dialyse oder Transplantation.
Als zumeist immunologisch getriggerte Entzündungen der Glomeruli zeichnen sich Glomerulonephritiden durch eine komplexe Pathophysiologie aus, die präzise Diagnostik und differenzierte Therapieansätze erfordert. Dennoch fehlten bislang im deutschen Versorgungssystem einheitliche, evidenzbasierte Empfehlungen zur strukturieren Versorgung dieser Patientengruppe.
Vom KDIGO-Standard zur nationalen Versorgung: Warum eine deutsche Leitlinie notwendig war
Internationale Leitlinien wie die Empfehlungen der Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO)-Initiative von 2021 (mit Aktualisierungen 2024) bieten zwar ein wertvolles Rahmenwerk, greifen aber nicht immer die Besonderheiten des deutschen Versorgungssystems auf. Vor diesem Hintergrund wurde unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) nun erstmals eine nationale S3-Leitlinie zur Diagnose und Therapie immunologisch bedingter Glomerulonephritiden entwickelt.
Die Leitlinie zielt auf die Standardisierung der Patientenversorgung ab und adressiert zentrale Herausforderungen: von der uneinheitlichen Diagnostik über interdisziplinäre Versorgungsbrüche bis hin zur fehlenden Datenlage bei pädiatrischen Patienten. Sie bezieht sowohl erwachsene als auch kindliche Patientengruppen ein und legt besonderen Wert auf sektorenübergreifende Zusammenarbeit.
Diagnostik im Fokus: Proteinurie, eGFR und Nierenbiopsie neu bewertet
Ein zentrales Anliegen der Leitlinie ist die frühzeitige und standardisierte Diagnostik, die Voraussetzung für eine zielgerichtete Therapie ist. Die wichtigsten Empfehlungen im Überblick:
- eGFR-Schätzung: Für Erwachsene wird die Chronic Kidney Disease Epidemiology Collaboration (CKD-EPI)-Formel empfohlen, bei Kindern die modifizierte Schwartz-Formel; alternativ ist die Full Age Spectrum (FAS)-Formel für alle Altersgruppen einsetzbar. Bei verfügbarer Labordiagnostik soll zusätzlich Cystatin C zur eGFR-Berechnung herangezogen werden.
- Proteinurie-Quantifizierung: Eine 24-Stunden-Urinsammlung bleibt Goldstandard; bei Kindern ist hingegen die Bestimmung des Urin-Protein-Kreatinin-Verhältnisses (UPCR) im Morgenurin der empfohlene Weg. Für Erwachsene gilt eine Reduktion der Proteinurie auf <0,5 g/Tag bzw. des Protein-Kreatinin-Quotienten im Spontanurin < 0,4 g/g als therapeutisches Ziel, und für Kinder ein Protein-Kreatinin-Quotient < 0,2 g/g.
- Hämaturie: Die mikroskopische Untersuchung des Urinsediments – insbesondere auf Akanthozyten und Erythrozytenzylinder – wird bei allen GN-Formen empfohlen und kann prognostisch relevant sein.
- Nierenbiopsie: Sie bleibt diagnostischer Goldstandard, kann aber in definierten Konstellationen (z. B. Anti-PLA2R-positive membranöse Glomerulonephritis (PLA2R-positive MGN) oder typische Minimal-Change-Disease (MCD) im Kindesalter) entfallen. Rebiopsien sind bei unklarem Verlauf oder Therapieentscheidungen indiziert.
Nephroprotektion und supportive Therapie: Klare Empfehlungen zu ACEi, SGLT2i und Lebensstilanpassung
Ein zentrales therapeutisches Ziel ist der Schutz der Nierenfunktion. Die Leitlinie spricht sich klar für eine kombinierte nephroprotektive Therapie aus:
- ACE-Hemmer oder ARB + SGLT2-Inhibitoren in maximal verträglicher Dosierung gelten als Standard bei GN mit Proteinurie.
- Blutdruckzielwert: systolisch < 120 mmHg (wenn toleriert, nach SPRINT-Standard).
- Lebensstilmodifikation: Salzkarenz (< 5 g/Tag), Bewegung (>150 Min/Woche), Rauchverzicht, Normalgewicht.
Auch metabolische Komplikationen wie Hyperkaliämie oder Azidose werden in differenzierten Handlungsempfehlungen adressiert.
Besonderheiten bei Kindern: Anpassung ohne Abstriche
Die pädiatrische Versorgung stellt bei GN eine besondere Herausforderung dar – auch wegen der limitierten Studienlage. Die Leitlinie betont:
- Proteinurie-Zielwert: UPCR < 200 mg/g (oder < 4 mg/m²/h im 24-Stunden-Urin).
- Blutdruck: <50. Perzentile des mittleren arteriellen Drucks bei bestehender Proteinurie.
- Diagnostik und Therapie sollen stets durch kindernephrologisch qualifizierte Fachärzte erfolgen.
Zudem ruft die Leitlinie zur Durchführung prospektiver, randomisierter Studien bei Kindern auf, da hier ein erheblicher Forschungsbedarf besteht.
Fazit: Strukturierter, interdisziplinärer Ansatz für bessere Outcomes
Die neue S3-Leitlinie schafft erstmals einen strukturierten, national validierten Rahmen für die Versorgung von Patienten mit Glomerulonephritiden in Deutschland. Durch klare diagnostische Algorithmen, evidenzbasierte Therapieempfehlungen und interdisziplinäre Abstimmung wird nicht nur die Versorgungssicherheit gestärkt, sondern auch die Patientensicherheit und Langzeitprognose verbessert.
Zukünftige Forschung – insbesondere im Bereich der pädiatrischen Glomerulonephritiden – sowie die konsequente Umsetzung der sektorenübergreifenden Zusammenarbeit bleiben essenziell, um die Versorgung dieser oft schwer verlaufenden Erkrankungen weiter zu optimieren.
Die vollständige Leitlinie ist unter der Registernummer 090-003 auf der Website der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) abrufbar.









