EU: Screeningprogramm für Prostatakrebs soll kommen
Prostatakrebs ist derzeit die am häufigsten diagnostizierte maligne Erkrankung bei Männern und die dritthäufigste Todesursache bei männerspezifischen Krebsarten in den EU-Mitgliedstaaten. In großen Studien konnte bisher nicht eindeutig belegt werden, dass Screeningmaßnahmen die Mortalität beim Prostatakrebs senken. Andererseits ist das Potenzial für Überdiagnosen und Überbehandlungen hier höher als beim Screening auf Brust-, Gebärmutterhals- und Darmkrebs. Anhand von Autopsiestudien ist davon auszugehen, dass bis zu einem Drittel der Männer im Screening-Alter einen indolenten Prostatakrebs tragen.
Aufgrund des umstrittenen Nutzen-Risiko-Verhältnisses haben sich bisher fast alle europäischen Länder gegen die Einrichtung von Früherkennungsprogrammen für Prostatakrebs entschieden. Prostata-spezifisches Antigen (PSA)-Tests werden weitgehend opportunistisch durchgeführt.
Im Rahmen des EU-Plans zur Krebsbekämpfung sollen schrittweise und gut geplant Früherkennungsprogramme für Prostatakrebs bei Männern unter 70 Jahren umgesetzt werden. Der vorgeschlagene Ansatz beinhaltet zunächst PSA-Tests, gefolgt von Magnetresonanztomographie oder anderen diagnostischen Tests für Männer mit erhöhten PSA-Werten, bevor eine Biopsie in Betracht gezogen wird.
Vorarbeit: Untersuchung der epidemiologischen Merkmale von Prostatakrebs
Um innovative Screeningansätze einzuführen, ist es entscheidend, die epidemiologischen Merkmale von Prostatakrebs in der europäischen Bevölkerung zu verstehen. Eine Expertengruppe um Dr. Salvatore Vaccarella vom Cancer Surveillance Branch der International Agency for Research on Cancer in Lyon, Frankreich, untersuchte daher die Bandbreite der Inzidenzraten im Vergleich zu zeitlichen Schwankungen bei PSA-Tests und den Mortalitätsraten und veröffentlichte die Ergebnisse im renommierten British Medical Journal.
Dafür extrahierten die Forscher Angaben zur Inzidenz von Prostatakrebs bei Männern im Alter von 35 bis 84 Jahren aus bevölkerungsbasierten Krebsregistern des Global Cancer Observatory der Internationalen Agentur für Krebsforschung und nutzten Daten der Weltgesundheitsorganisation zur Mortalität. Sie berücksichtigten 26 europäische Länder und den Zeitraum von 1980 bis 2017.
Inzidenzraten- und PSA-Tests sehr variabel
Die Analysen zeigten, dass in den letzten Jahrzehnten sowohl die Größenordnung als auch die Veränderung der Inzidenzraten für Prostatakrebs deutlich variierten.
Die Differenz zwischen der höchsten und der niedrigsten Inzidenzrate reichte von 89,6 pro 100.000 Männern im Jahr 1985 bis 385,8 pro 100.000 Männern im Jahr 2007. Die Unterschiede in den Inzidenzraten zwischen den Ländern waren Mitte der 2000er Jahre am größten. In der Ukraine lag die Rate bei 46 pro 100.000 Männern, in Frankreich bei 336 pro 100.000 Männern. Danach sank die Inzidenzrate in mehreren Ländern zunächst und stieg im jüngsten Fünfjahreszeitraum in mehreren Ländern wieder an.
Die zeitlichen Schwankungen in der Inzidenzrate von Prostatakrebs korrelierten mit den Schwankungen bei den PSA-Tests.
Mortalitätsraten deutlich weniger variabel und abnehmend
Die Sterblichkeitsraten waren zwischen 1980 und 2020 viel niedriger und weniger variabel als die Inzidenzraten. Sie lagen für alle Länder im Bereich zwischen 23,7 pro 100.000 Männern im Jahr 1983 und 35,6 pro 100.000 Männern im Jahr 2006.
In den meisten Ländern sanken die Sterblichkeitsraten stetig und unterschieden sich im zeitlichen Verlauf zwischen den Ländern weniger als die Inzidenzraten.
Überdiagnosen durch unregulierte und opportunistische PSA-Tests
Der bis zu zwanzigfachen Variation der Inzidenzraten für Prostatakrebs stand eine nur fünffache Variation der Mortalität gegenüber. Auch die inverse U-Form der altersspezifischen Inzidenzkurven stand im Gegensatz zur Entwicklung der Mortalität, die mit dem Alter zunahm. Die Forscher interpretierten die Ergebnisse so, dass unregulierte und opportunistische PSA-Tests ein entscheidender Faktor für die steigende Inzidenz von Prostatakrebs in Europa waren.
Auch ein Vergleich der Daten auf Bevölkerungsebene mit den Ergebnissen von randomisierten Screening-Studien deute auf Überdiagnosen hin, meinten die Forscher. In den PSA-basierten Screening-Studien stiegen die Inzidenzraten um höchstens das 1,4-fache, während sie sich in den meisten europäischen Ländern von 1990 bis 2017 mehr als verdoppelten.
Überbehandlungen vermeiden
Dennoch meinen die Autoren der Publikation, dass die möglichen Vorteile von Vorsorgemaßnahmen in Bezug auf eine verringerte Mortalität überall relativ konsistent zu sein schienen, unabhängig vom Ausmaß des Anstiegs der Inzidenz als Indikator für PSA-Tests.
Daher empfehlen sie, dass bei der Konzeption und Durchführung der zukünftigen Prostatakrebsvorsorge ein Schwerpunkt auf der Minimierung eventueller Schäden durch Überbehandlungen infolge von Überdiagnosen liegen sollte.









