Atazanavir

Atazanavir ist ein Proteaseinhibitor, der die Aktivität der HIV-1-Protease hemmt und dadurch die Reifung infektiöser Viruspartikel verhindert. Es wird in Kombination mit anderen antiretroviralen Wirkstoffen bei Erwachsenen und Kindern ab 6 Jahren eingesetzt.

Atazanavir

Anwendung

Atazanavir wird angewendet bei:

  • Behandlung von HIV-1-Infektionen bei Erwachsenen und Kindern ab 6 Jahren.
  • Immer in Kombination mit niedrig dosiertem Ritonavir als Booster.
  • Einsatz in Kombination mit anderen antiretroviralen Arzneimitteln.
  • Entscheidung basierend auf viraler Resistenz und individueller Krankengeschichte, insbesondere bei vorbehandelten Patienten.
  • Nicht empfohlen bei Patienten mit HIV-1-Stämmen, die gegen mehrere Proteaseinhibitoren resistent sind.

Anwendungsart

Atazanavir wird in Form von Hartkapseln eingenommen. Die Hartkapseln sollen nicht zerkaut oder geöffnet werden. Die Einnahme sollte zusammen mit einer Mahlzeit stattfinden, um die Bioverfügbarkeit zu optimieren. Kombiniert mit Ritonavir führt es zu einer pharmakokinetischen Verstärkung (Boosting).

Wirkmechanismus

Atazanavir ist ein selektiver Proteaseinhibitor, der die HIV-1-Protease bindet und irreversibel hemmt. Die HIV-1-Protease ist ein essenzielles Enzym, das virale Gag- und Gag-Pol-Polyproteine in funktionelle virale Proteine spaltet, die für den Zusammenbau und die Reifung infektiöser Viruspartikel erforderlich sind. Durch die Hemmung der Protease verhindert Atazanavir die Bildung reifer Kapsidstrukturen, was zu nicht-infektiösen Viruspartikeln führt.

Dieser Mechanismus greift in die virale Replikationskaskade ein, indem die post-transkriptionalen Modifikationen der viralen Polyproteine blockiert werden, wodurch der virale Replikationszyklus unterbrochen wird. Atazanavir wirkt spezifisch auf die HIV-1-Protease durch Bindung an das aktive Zentrum und stabilisiert die inaktive Konformation des Enzyms.

Dies hemmt nachfolgende Signaltransduktionswege, die normalerweise die virale Integration und den Aufbau neuer Viruspartikel fördern würden. Die pharmakologische Wirkung wird durch die Kombination mit Ritonavir verstärkt, das als CYP3A4-Inhibitor die Metabolisierung von Atazanavir verlangsamt und somit dessen Bioverfügbarkeit erhöht.

Pharmakokinetik

Resorption

  • Hohe Bioverfügbarkeit bei Einnahme mit einer Mahlzeit
  • Resorption ist pH-abhängig; verminderte Resorption bei gleichzeitiger Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren oder Antazida.

Verteilung

  • Hohe Plasmaproteinbindung (>86%)
  • Verteilung im Gewebe, einschließlich lymphatischer und zellulärer Kompartimente, relevant für die antivirale Wirkung.

Metabolismus

  • Hepatischer Metabolismus, primär durch CYP3A4
  • Ritonavir als Booster reduziert den First-Pass-Effekt und verlängert die Halbwertszeit.

Elimination

  • Ausscheidung überwiegend über die Fäzes (>70%), geringfügig renal (ca. 13%)
  • Plasmahalbwertszeit beträgt etwa 7 Stunden bei geboosterten Dosierungen.

Spezielle Hinweise zur Pharmakokinetik und therapierelevante Schlussfolgerungen

  • Leberfunktion: Erhöhte Plasmakonzentrationen bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion; Vorsicht bei leichter Einschränkung, kontraindiziert bei mäßiger bis schwerer Leberinsuffizienz.
  • Nierenfunktion: Anwendung bei eingeschränkter Nierenfunktion möglich, jedoch Vorsicht bei Dialysepatienten.
  • Wechselwirkungen durch pH-Abhängigkeit: Protonenpumpeninhibitoren, H2-Blocker und Antazida vermindern die Resorption.
  • Schwangerschaft: Reduzierte Exposition während des zweiten und dritten Trimesters. Therapeutisches Drug Monitoring (TDM) kann in der Schwangerschaft notwendig sein.
  • Rolle von Ritonavir: Verstärkt die Bioverfügbarkeit durch CYP3A4-Inhibition. Ritonavir ist als Booster unverzichtbar, um optimale Wirkstoffspiegel zu gewährleisten.

Dosierung

Erwachsene

  • Standarddosierung: 300 mg Atazanavir einmal täglich zusammen mit 100 mg Ritonavir und einer Mahlzeit.

Kinder (6 bis unter 18 Jahre)

  • Körpergewicht 15 bis unter 35 kg: 200 mg Atazanavir einmal täglich zusammen mit 100 mg Ritonavir und einer Mahlzeit.
  • Körpergewicht ab 35 kg: 300 mg Atazanavir einmal täglich zusammen mit 100 mg Ritonavir und einer Mahlzeit.

Kinder (ab 3 Monate bis unter 6 Jahre)

  • Dosierung erfolgt anhand spezifischer Darreichungsformen, angepasst an das Körpergewicht.
  • Umstellung auf Kapseln, sobald das Schlucken zuverlässig möglich ist.

Spezielle Patientengruppen

  • Leichte Leberinsuffizienz: Vorsicht bei der Anwendung. Ungeboostertes Atazanavir kann in einer angepassten Dosis (z. B. 400 mg) verabreicht werden.
  • Schwangere im 2. und 3. Trimester: Bei unzureichender Exposition kann die Dosis auf 400 mg Atazanavir zusammen mit 100 mg Ritonavir erhöht werden.
  • Dialysepatienten: Einnahme wird nicht empfohlen

Besonderheiten

  • Bei gleichzeitiger Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren oder H2-Blockern kann eine Dosiserhöhung (z. B. auf 400 mg Atazanavir mit 100 mg Ritonavir) erforderlich sein.

Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen von Atazanavir (≥ 10%) sind:

  • Übelkeit
  • Durchfall
  • Bauchschmerzen
  • Hyperbilirubinämie
  • Gelbsucht
  • Hautausschläge
  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit
  • Erhöhte Lipidwerte (z. B. Cholesterin, Triglyzeride)

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Atazanavir zu beachten:

  • Medikamente, die den Magensäure-pH erhöhen (z. B. Protonenpumpeninhibitoren, Antazida, H2-Blocker): Sie können die Resorption von Atazanavir vermindern, da dessen Bioverfügbarkeit pH-abhängig ist. Bei gleichzeitiger Anwendung sollte Atazanavir zeitlich versetzt oder die Dosis angepasst werden.
  • CYP3A4-Induktoren (z. B. Rifampicin): Sie beschleunigen den Abbau von Atazanavir und verringern dessen Wirksamkeit. Die Kombination ist kontraindiziert.
  • CYP3A4-Inhibitoren (z. B. Ketoconazol): Sie können die Atazanavir-Konzentration im Blut erhöhen, was das Risiko von Nebenwirkungen steigert.
  • Ritonavir (Booster): Verstärkt die Wirkung von Atazanavir durch Hemmung des Abbaus über CYP3A4, was die Wirksamkeit erhöht. Ritonavir ist in den meisten Fällen unverzichtbar.
  • Medikamente mit enger therapeutischer Breite (z. B. Warfarin, Quetiapin): Atazanavir kann deren Plasmaspiegel erhöhen und das Risiko für Nebenwirkungen steigern.
  • Statine (z. B. Simvastatin, Lovastatin): Erhöhte Plasmakonzentrationen dieser Medikamente durch CYP3A4-Hemmung können zu schweren Nebenwirkungen wie Myopathie führen. Alternativen wie Atorvastatin in niedriger Dosis werden empfohlen.
  • Antiretrovirale Wirkstoffe (z. B. Tenofovir, Efavirenz): Können die Wirkung von Atazanavir abschwächen oder verändern.
  • Hormonelle Kontrazeptiva: Atazanavir kann deren Wirksamkeit verringern. Zusätzliche Verhütungsmethoden sollten in Betracht gezogen werden.
  • Antikoagulantien (z. B. Dabigatran, Rivaroxaban): Erhöhte Konzentrationen können das Blutungsrisiko steigern. Die Anwendung erfordert Vorsicht und Überwachung.

Diese Wechselwirkungen unterstreichen die Bedeutung einer sorgfältigen Medikationsanamnese und individuellen Anpassung des Therapieschemas bei der Anwendung von Atazanavir.

Kontraindikationen

Atazanavir darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegen Atazanavir oder einen der sonstigen Bestandteile.
  • Schwerer Leberinsuffizienz
  • Gleichzeitiger Einnahme von Arzneimitteln, die stark CYP3A4-induzierend wirken, wie Rifampicin, da dies zu einer signifikanten Verminderung der Wirksamkeit von Atazanavir führt.
  • Kombination mit Simvastatin oder Lovastatin, da das Risiko schwerwiegender Nebenwirkungen wie Myopathie und Rhabdomyolyse erhöht ist.
  • Gleichzeitiger Anwendung von Arzneimitteln mit enger therapeutischer Breite, die CYP3A4-Substrate sind (z. B. Quetiapin, Lurasidon, Pimozid, Cisaprid).
  • Anwendung von Protonenpumpeninhibitoren in Dosierungen, die zu einer klinisch relevanten Verminderung der Atazanavir-Exposition führen können.
  • Gleichzeitiger Anwendung von Präparaten mit Johanniskraut (Hypericum perforatum)
  • Patienten mit mäßiger bis schwerer Leberinsuffizienz bei Kombination mit Ritonavir.
  • Gleichzeitiger Einnahme von Apalutamid, da dies zu einer signifikanten Verringerung der Atazanavir-Exposition führt.

Schwangerschaft

Atazanavir kann während der Schwangerschaft angewendet werden, allerdings können im zweiten und dritten Trimester reduzierte Wirkstoffspiegel auftreten, weshalb therapeutisches Drug Monitoring (TDM) empfohlen wird. Eine Dosiserhöhung auf 400 mg Atazanavir + 100 mg Ritonavir kann bei unzureichender Exposition erforderlich sein.

Stillzeit

HIV-infizierten Frauen wird generell empfohlen, nicht zu stillen, um eine Übertragung des Virus auf das Kind zu vermeiden. Atazanavir wird in die Muttermilch ausgeschieden, weshalb Stillen kontraindiziert ist.

Verkehrstüchtigkeit

Atazanavir kann Schwindel, Müdigkeit und andere Nebenwirkungen verursachen, die die Fähigkeit zur Teilnahme am Straßenverkehr oder das Bedienen von Maschinen beeinträchtigen können. Patienten sollten darauf hingewiesen werden, ihre individuelle Reaktion auf das Medikament abzuwarten, bevor sie solche Tätigkeiten ausüben.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Atazanavir zu beachten:

  • Leberfunktion: Atazanavir wird hauptsächlich in der Leber metabolisiert; bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion können erhöhte Plasmaspiegel auftreten, daher ist bei leichter Einschränkung Vorsicht geboten, während es bei mäßiger oder schwerer Leberinsuffizienz kontraindiziert ist.
  • Nierenfunktion: Keine Dosisanpassung erforderlich, jedoch wird die Anwendung bei Dialysepatienten nicht empfohlen.
  • QT-Verlängerung: Das Medikament kann dosisabhängig das PR-Intervall verlängern.
  • Hyperbilirubinämie: Reversible Erhöhungen des indirekten Bilirubins sind häufig
  • Nephrolithiasis und Cholelithiasis: Fälle von Nieren- und Gallensteinen wurden berichtet; bei Auftreten von Symptomen kann eine Unterbrechung oder ein Abbruch der Therapie notwendig sein.
  • Immunreaktivierungssyndrom: Bei schwer immungeschwächten HIV-Patienten können entzündliche Reaktionen auftreten
  • Hämophilie: Bei Patienten mit Hämophilie A oder B kann es zu vermehrten Blutungen kommen; dies sollte bei der Behandlung berücksichtigt werden.
  • Gewichts- und Stoffwechselveränderungen: Gewichtszunahme sowie Erhöhungen von Blutzucker- und Blutfettwerten können auftreten
  • Hautausschläge: Schwere Hautreaktionen wie Stevens-Johnson-Syndrom sind möglich; das Medikament sollte bei schweren Ausschlägen abgesetzt werden.

Alternativen

Pharmakologische Alternativen zu Atazanavir:

Diese Medikamente gehören zur Gruppe der Proteaseinhibitoren und wirken, ähnlich wie Atazanavir, durch Hemmung der HIV-1-Protease, was die Reifung infektiöser Viruspartikel verhindert. Sie werden ebenfalls häufig in Kombination mit Ritonavir oder anderen Boostern zur Optimierung der Wirkung eingesetzt.

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
704.86 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 6.4 H
Q0-Wert:
0.9
Kindstoff(e):
Autor:
Stand:
09.01.2025
Quelle:

Fachinformation Atazanavir Mylan 300 mg Hartkapseln (2024), VITARIS, Troisdorf

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