Fluphenazin
Fluphenazin ist ein hochpotentes Neuroleptikum aus der Gruppe der Phenothiazine, das als Dopamin-D2-Rezeptorantagonist wirkt und zur Behandlung und Rezidivprophylaxe schizophrener Psychosen eingesetzt wird.
Fluphenazin: Übersicht

Anwendung
Fluphenazin wird zur Langzeittherapie und Rezidivprophylaxe schizophrener Psychosen angewendet.
Anwendungsart
Fluphenazin wird in Form einer Depotinjektion (Fluphenazin-Decanoat) intramuskulär verabreicht. Die verzögerte Freisetzung des Wirkstoffs ermöglicht eine Langzeitwirkung mit Injektionsintervallen von mehreren Wochen.
Wirkmechanismus
Fluphenazin gehört zur Gruppe der hochpotenten Neuroleptika und wirkt als Dopamin-D2-Rezeptorantagonist. Durch die Blockade zentraler dopaminerger Signalwege werden psychotische Symptome reduziert. Zusätzlich hat Fluphenazin schwächere anticholinerge, antihistaminerge und α1-adrenerge Wirkungen, die für bestimmte Nebenwirkungen verantwortlich sein können.
Pharmakokinetik
Die pharmakokinetischen Eigenschaften von Fluphenazin-Decanoat:
- Depotwirkung: Nach intramuskulärer Injektion erfolgt eine langsame Hydrolyse des Decanoats, wodurch eine langanhaltende Wirkung gewährleistet wird.
- Halbwertszeit: Die biologische Halbwertszeit nach i.m. Injektion beträgt ca. 2–3 Wochen.
- Metabolismus: Primär hepatische Metabolisierung, wobei verschiedene inaktive Metaboliten entstehen.
- Elimination: Hauptsächlich über die Galle und in geringerem Maße renal.
Dosierung
Die Dosierung von Fluphenazin muss individuell angepasst werden, wobei stets die niedrigste wirksame Dosis angestrebt wird.
Standarddosierung für Erwachsene
- Initialdosis: 12,5 – 100 mg i.m. alle 3 (2–4) Wochen
- Maximale Einzeldosis: 100 mg (Dosissteigerung in Schritten von 12,5 mg)
- Wirkungseintritt: 2–5 Tage nach Injektion, bei chronischen Verläufen später
Rezidivprophylaxe
- Erhaltungsdosis: 12,5 – 25 mg alle 3 (2–4) Wochen
- Je nach individuellem Bedarf kann eine Dosis von 2,5 mg alle 2 Wochen oder 50 mg alle 2 Wochen erforderlich sein.
Nebenwirkungen
Fluphenazin kann folgende Nebenwirkungen verursachen:
- Sehr häufig (≥1/10): Extrapyramidal-motorische Störungen (Parkinsonismus, Akathisie, Dyskinesien).
- Häufig (≥1/100 bis <1/10): Sedierung, orthostatische Hypotonie, Gewichtszunahme, Mundtrockenheit, Hyperprolaktinämie (Gynäkomastie, Galaktorrhoe, Amenorrhoe).
- Gelegentlich (≥1/1.000 bis <1/100): Depressionen, Angstzustände, Tremor, Muskelsteifigkeit.
- Selten (≥1/10.000 bis <1/1.000): Malignes neuroleptisches Syndrom (lebensbedrohlich), tardive Dyskinesien, QT-Zeit-Verlängerung, agranulozytäre Reaktionen.
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Fluphenazin zu beachten:
- Zentraldämpfende Substanzen: Hypnotika, Sedativa, Analgetika, Antihistaminika, Psychopharmaka, Narkosemittel und Alkohol können die sedierende und blutdrucksenkende Wirkung verstärken.
- Neuroleptika und Anästhetika: Bei Operationen unter hoher Neuroleptika-Dosierung besteht ein erhöhtes Risiko für Hypotonie, daher muss die Narkosedosis angepasst werden.
- Trizyklische Antidepressiva: Erhöhte Plasmaspiegel führen zu verstärkten anticholinergen, kardiovaskulären (QT-Verlängerung) und neurotoxischen Effekten. Kombination wird nicht empfohlen.
- QT-Verlängernde Substanzen: Antiarrhythmika (Klasse IA/III), Makrolid-Antibiotika, Malaria-Mittel, andere Neuroleptika oder Diuretika mit Elektrolytstörungen können das Risiko für Herzrhythmusstörungen erhöhen.
- CYP2D6-Hemmer: Paroxetin und Fluoxetin können den Fluphenazin-Abbau hemmen, was zu erhöhten Plasmaspiegeln und verstärkten Nebenwirkungen führt.
- Lithiumsalze: Erhöhtes Risiko für extrapyramidale Symptome und seltene schwerwiegende neurotoxische Syndrome.
- Dopaminagonisten: Levodopa, Bromocriptin und Amantadin können in ihrer Wirkung abgeschwächt werden.
- Metoclopramid und andere Dopaminantagonisten: Verstärkung extrapyramidaler Nebenwirkungen möglich.
- Anticholinerge Substanzen: Kombination mit Atropin, Biperiden oder bestimmten Antidepressiva kann anticholinerge Nebenwirkungen (z. B. Sehstörungen, Harnverhalt, kognitive Beeinträchtigungen) verstärken.
- Sympathomimetika: Risiko für hypertensive Krisen; Epinephrin kann paradoxerweise eine Hypotonie auslösen („Adrenalinumkehr“).
- Antihypertensiva: Verstärkung der blutdrucksenkenden Wirkung mit Risiko für orthostatische Dysregulationen.
- MAO-Hemmer: Erhöhtes Risiko für Blutdruckabfall und extrapyramidale Nebenwirkungen.
- Reserpin: Kombination wird nicht empfohlen.
- Antibiotika (Polymyxine, Colistin): Erhöhte Gefahr einer Atemdepression.
- Antikoagulantien: Verstärkte Wirkung erfordert häufigere Gerinnungskontrollen.
- Antikonvulsiva (Barbiturate, Carbamazepin, Phenytoin): Beschleunigter Fluphenazin-Abbau, mögliche toxische Phenytoin-Spiegel.
- Clozapin: Erhöhtes Risiko für Blutbildstörungen.
- Propranolol: Gegenseitige Erhöhung der Plasmaspiegel.
- Piperazinhaltige Anthelminthika: Verstärkung extrapyramidaler Symptome.
- Clonidin: Kann die antipsychotische Wirkung abschwächen.
- Cimetidin: Reduziert Fluphenazin-Plasmaspiegel.
- Pentetrazol, Metrizamid: Erhöhtes Risiko für Krampfanfälle.
- Amphetamine und Anorektika: Antagonistische Wechselwirkungen möglich.
- SSRI (z. B. Fluoxetin, Paroxetin): Selten akutes reversibles Parkinsonoid.
- Phenylalanin: Mögliches erhöhtes Risiko für tardive Dyskinesien.
- Dihydroepiandrosteron (DHEA): Reduzierte Ansprechrate auf Antipsychotika.
- Nachtkerzenöl: Erhöhtes Risiko für epileptische Anfälle.
- Koffein: Kann möglicherweise die antipsychotische Wirkung abschwächen.
- Antidiabetika: Instabilität der Blutzuckerwerte möglich, erfordert engmaschige Kontrolle.
- Schwangerschaftsschaftstests: tests: Fluphenazin kann zu falsch positiven Ergebnissen führen.
Hinweis: Patienten sollten ohne Rücksprache mit ihrem Arzt keine anderen Medikamente, auch keine freiverkäuflichen, einnehmen.
Kontraindikationen
Fluphenazin darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff, Neuroleptika (insbesondere Phenothiazine), Sesamöl oder einen der sonstigen Bestandteile
- Bestehende prolaktinabhängige Tumore: hypophysäre Prolaktinome und Brustkrebs
- Akute Intoxikation mit zentraldämpfenden Arzneimitteln (z. B. Opiaten, Hypnotika, Antidepressiva, Neuroleptika, Tranquilizern) oder Alkohol
- Schwere Blutzell- oder Knochenmarksschädigung
- Leukopenie und andere Erkrankungen des hämatopoetischen Systems
- Parkinson-Syndrom
- Anamnestisch bekanntes malignes Neuroleptika-Syndrom nach Fluphenazin
- Schwere Lebererkrankungen
- Schwere Depression
- Koma
- Kinder unter 12 Jahren
Schwangerschaft
Fluphenazin passiert die Plazenta und kann beim Neugeborenen Nebenwirkungen wie extrapyramidale Störungen oder Entzugserscheinungen verursachen. Eine Anwendung sollte nur bei zwingender Indikation erfolgen, möglichst in niedriger Dosierung.
Babys, die im dritten Trimenon exponiert waren, können Tremor, Muskeltonusveränderungen oder Atemprobleme entwickeln. Eine Überwachung ist erforderlich.
Stillzeit
Fluphenazin geht in die Muttermilch über. Während der Behandlung sollte deshalb nicht gestillt werden.
Verkehrstüchtigkeit
Fluphenazin kann zu Schläfrigkeit und eingeschränkter Reaktionsfähigkeit führen. Patienten sollten:
- Vorsicht beim Autofahren und Bedienen von Maschinen walten lassen.
- Den Konsum von Alkohol vermeiden, da dies die sedierende Wirkung verstärkt.
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Fluphenazin zu beachten:
- Leber- und Nierenfunktionsstörungen: Eine Anwendung sollte nur unter besonderer Vorsicht erfolgen, da eine Dosisanpassung erforderlich sein kann.
- Kardiovaskuläre Risiken: Bei Patienten mit Phäochromozytom, Hypotension, Hypertonie, orthostatischer Dysregulation, Bradykardie oder Hypokaliämie ist eine engmaschige Überwachung notwendig.
- QT-Verlängerung: Patienten mit angeborenem langem QT-Syndrom, relevanten Herzerkrankungen oder gleichzeitiger Anwendung von Arzneimitteln, die das QT-Intervall verlängern, sollten sorgfältig kontrolliert werden.
- Neurologische Erkrankungen: Vorsicht bei hirnorganischen Erkrankungen, Krampfanfällen in der Anamnese sowie Verdacht auf subkortikale Hirnschäden. Fluphenazin kann die Krampfschwelle senken.
- Depressive Erkrankungen: Bei depressiven Patienten sollte Fluphenazin nur in Kombination mit einem Antidepressivum angewendet werden, da es depressive Symptome verstärken kann.
- Chronische Atemwegserkrankungen: Patienten mit Asthma oder anderen schweren Atemproblemen benötigen eine sorgfältige Überwachung.
- Bewusstseinsstörungen: Patienten mit Somnolenz oder anderen quantitativen Bewusstseinsstörungen sollten Fluphenazin nicht erhalten.
- Harnwegs- und Augenleiden: Besondere Vorsicht bei Glaukom, Pylorusstenose, Prostatahyperplasie und Harnretention.
- Exposition gegenüber hohen Temperaturen: Fluphenazin kann die Thermoregulation beeinflussen, weshalb Patienten bei extremer Hitze besondere Vorsichtsmaßnahmen treffen sollten.
- Organophosphat-Exposition: Die Anwendung von Fluphenazin bei gleichzeitiger Exposition gegenüber Organophosphat-Insektiziden sollte vermieden werden.
- Kombination mit anderen Neuroleptika: Eine gleichzeitige Behandlung mit weiteren Neuroleptika ist nicht empfohlen.
- Kinder und Jugendliche: Für Patienten unter 12 Jahren kontraindiziert; bei älteren Kindern und Jugendlichen sollte eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen.
- Spätdyskinesien: Das Risiko für irreversible Spätdyskinesien steigt mit der Therapiedauer und der Dosis, insbesondere bei älteren Patienten. Symptome können nach Absetzen der Behandlung sichtbar werden.
- Erhöhte Mortalität bei Demenzpatienten: Ältere Patienten mit Demenz haben ein erhöhtes Sterberisiko unter Neuroleptika-Therapie. Fluphenazin ist für diese Indikation nicht zugelassen.
- Cerebrovaskuläre Ereignisse: Studien zeigen ein erhöhtes Schlaganfallrisiko unter Antipsychotika, insbesondere bei älteren Patienten mit vaskulären Risikofaktoren.
- Thromboembolien: Die Behandlung mit Antipsychotika kann mit einem erhöhten Risiko für venöse Thromboembolien (VTE) verbunden sein. Risikofaktoren sollten vor und während der Therapie berücksichtigt werden.
- Malignes Neuroleptika-Syndrom (MNS): Eine potenziell lebensbedrohliche Komplikation mit Symptomen wie Fieber, Muskelsteifigkeit und Bewusstseinsstörungen. Fluphenazin muss sofort abgesetzt werden, wenn ein MNS vermutet wird.
- Blutbildveränderungen: Vor Behandlungsbeginn und während der Therapie sind regelmäßige Blutbildkontrollen erforderlich. Bei Leukopenie oder anderen pathologischen Blutwerten muss die Behandlung beendet werden.
- Störungen des Glukose- und Fettstoffwechsels: Regelmäßige Kontrollen von Körpergewicht, Blutzucker- und Lipidwerten sind erforderlich.
- Herz-Kreislauf-Überwachung: Besonders bei älteren Patienten mit Herzvorschädigung sind regelmäßige EKG-Kontrollen notwendig.
- Dosierung bei älteren Patienten: Ältere Patienten sind besonders empfindlich gegenüber Fluphenazin, was das Risiko für Hypotonie, Sedierung und extrapyramidale Nebenwirkungen erhöht.
Alternativen
Abhängig vom klinischen Bild können folgende Antipsychotika als Alternativen in Betracht gezogen werden:
- Typische Neuroleptika: Haloperidol, Perphenazin, Zuclopenthixol.
- Atypische Antipsychotika: Risperidon, Olanzapin, Clozapin (bei therapieresistenter Schizophrenie).
Wirkstoff-Informationen
Fachinformation Fluphenazin Decanoat, Stand Juni 2023.
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Fluphenazin-neuraxpharm® D 12,5mg/0,5ml Injektionslösung (0,5ml) Ampulle
neuraxpharm Arzneimittel GmbH
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Fluphenazin-neuraxpharm® D 25mg/ml Injektionslösung (1ml) Ampulle
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Fluphenazin-neuraxpharm® D 50mg/0,5ml Injektionslösung (0,5ml) Ampulle
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Fluphenazin-neuraxpharm® D 100mg/ml Injektionslösung (1ml) Ampulle
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Fluphenazin-neuraxpharm® D 250mg/10ml Injektionslösung (10ml) Durchstechflasche
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