Lormetazepam
Lormetazepam ist ein kurz bis mittellang wirksames Benzodiazepin, das als Hypnotikum zur kurzfristigen Behandlung von Schlafstörungen eingesetzt wird. Es wirkt anxiolytisch, sedierend, muskelrelaxierend und antikonvulsiv.
Lormetazepam: Übersicht

Anwendung
Lormetazepam wird angewendet zur:
Kurzzeitigen Behandlung von Schlafstörungen bei Erwachsenen, insbesondere bei Ein- und Durchschlafstörungen, wenn diese schwerwiegend sind oder erhebliche Belastung verursachen.
Prämedikation vor operativen oder diagnostischen Eingriffen zur Sedierung.
Lormetazepam ist nur bei schwerwiegenden Schlafstörungen angezeigt, die den Patienten stark beeinträchtigen oder belasten.
Anwendungsart
Lormetazepam wird primär oral als Tablette kurz vor dem Schlafengehen mit ausreichend Flüssigkeit eingenommen.
Zusätzlich ist eine Injektionslösung zur intravenösen (i.v.) oder intramuskulären (i.m.) Applikation verfügbar, die hauptsächlich zur Prämedikation vor diagnostischen oder operativen Eingriffen sowie zur Sedierung eingesetzt wird.
Wirkmechanismus
Lormetazepam bindet als Benzodiazepin an den GABA-A-Rezeptor im zentralen Nervensystem und verstärkt die Wirkung des inhibitorischen Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Dies führt zu einer erhöhten Frequenz der Öffnung des assoziierten Chlorid-Ionenkanals, was einen verstärkten Einstrom von Chloridionen in die Nervenzelle zur Folge hat. Die daraus resultierende Hyperpolarisation der postsynaptischen Membran verstärkt die hemmende Wirkung von GABA und führt zu einer generalisierten Dämpfung der neuronalen Aktivität. Klinisch manifestiert sich dies in Sedierung, Schlafförderung, Anxiolyse, Muskelrelaxation und antikonvulsiven Effekten.

Pharmakokinetik
Die pharmakokinetischen Eigenschaften von Lormetazepam umfassen:
- Resorption: Nach oraler Gabe wird Lormetazepam gut und relativ rasch resorbiert. Maximale Plasmakonzentrationen (Tmax) werden nach ca. 1,5 - 2 Stunden erreicht. Die absolute Bioverfügbarkeit beträgt etwa 80%.
- Verteilung: Lormetazepam verteilt sich im Körper, einschließlich des ZNS. Die Plasmaproteinbindung liegt bei etwa 85-90%. Das Verteilungsvolumen ist moderat.
- Metabolismus: Lormetazepam wird in der Leber hauptsächlich durch Glucuronidierung direkt zu einem pharmakologisch inaktiven Metaboliten (Lormetazepam-Glucuronid) konjugiert. Oxidative Metabolisierung über das Cytochrom-P450-System spielt nur eine untergeordnete Rolle.
- Elimination: Die Elimination erfolgt überwiegend renal in Form des inaktiven Glucuronids. Die Eliminationshalbwertszeit (t½) ist mittellang und beträgt durchschnittlich etwa 10-12 Stunden. Es kommt bei wiederholter Gabe kaum zur Akkumulation.
Dosierung
Kurzzeitbehandlung von Schlafstörungen
Erwachsene (Behandlungsbeginn):
- 1 mg Lormetazepam als Einzeldosis vor dem Schlafengehen
- Bei unzureichender Wirkung: Steigerung auf 2 mg
Ältere Patienten (>60 Jahre) oder Patienten mit reduziertem Allgemeinzustand:
- Initial 0,5 mg als Einzeldosis
- Bei Bedarf: Dosissteigerung auf maximal 1 mg
Maximale Anwendungsdauer:
- 2–4 Wochen, einschließlich Ausschleichphase
- Verlängerung nur nach erneuter ärztlicher Bewertung
Patienten mit chronischer respiratorischer Insuffizienz oder Leberinsuffizienz:
- Dosisreduktion wird empfohlen
Anwendung in der Anästhesiologie (Prämedikation)
Erwachsene:
- An den Tagen vor dem Eingriff sowie am Vorabend: 2 mg als Einzeldosis
- Am Tag des Eingriffs (bis zu 1 Stunde vor dem Eingriff): bis zu 2 mg
Ältere Patienten oder Patienten mit reduziertem Allgemeinzustand:
- Bis zu 1 mg als Einzeldosis
Kinder und Jugendliche:
- Am Tag des Eingriffs (bis zu 1 Stunde vorher): bis zu 1 mg, je nach Begleitmedikation
Patienten mit chronischer respiratorischer Insuffizienz oder Leberinsuffizienz:
- Dosisreduktion sollte in Betracht gezogen werden
Nebenwirkungen
Mögliche Nebenwirkungen bei der Anwendung von Lormetazepam sind:
- Sehr häufig (≥1/10): Tagesmüdigkeit, Benommenheit.
- Häufig (≥1/100 bis <1/10): Konzentrationsstörungen, Muskelschwäche, Schwindel, Kopfschmerzen, Rebound-Insomnie.
- Gelegentlich (≥1/1.000 bis <1/100): Paradoxe Reaktionen (z. B. Unruhe, Reizbarkeit, Aggressivität).
- Selten (≥1/10.000 bis <1/1.000): Abhängigkeit bei längerer Anwendung.
- Sehr selten (<1/10.000): Anterograde Amnesie, insbesondere bei hohen Dosen.
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Lormetazepam zu beachten:
- Opioide: Erhöhtes Risiko für Sedierung, Atemdepression, Koma und Tod. Anwendung nur bei zwingender Notwendigkeit, niedrigste Dosis wählen.
- Zentral dämpfende Arzneimittel: Verstärkung der Wirkung bei gleichzeitiger Einnahme mit Neuroleptika, Hypnotika, Sedativa, Antidepressiva, Opioiden, Antiepileptika, Anästhetika, sedierenden Antihistaminika oder Natriumoxybat.
- Narkoanalgetika: Verstärkung der Euphorie möglich, erhöhtes Risiko für psychische Abhängigkeit.
- Alkohol: Verstärkt die sedierende Wirkung, gleichzeitige Einnahme vermeiden.
- Muskelrelaxanzien: Verstärkte muskelrelaxierende Wirkung, erhöhte Sturzgefahr.
- Herzglykoside: Erhöhung der Plasmaspiegel möglich.
- Beta-Rezeptorblocker: Wirkung kann verstärkt werden.
- Methylxanthine (z. B. Coffein, Theophyllin): Abschwächung der sedierenden Wirkung möglich.
- Östrogenhaltige Arzneimittel: Verringerung der Benzodiazepin-Konzentration möglich.
- Antibiotika (z. B. Rifampicin): Verminderte sedierende Wirkung.
Kontraindikationen
Lormetazepam darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff, andere Benzodiazepine oder einen der genannten sonstigen Bestandteile des Arzneimittels
- Myasthenia gravis
- schwerer respiratorischer Insuffizienz (z. B. schwere chronisch-obstruktive Atemwegserkrankung)
- Schlafapnoe-Syndrom
- akuter Intoxikation mit Alkohol, Hypnotika, Analgetika oder Psychopharmaka (Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium)
- Alkohol-, Medikamenten-, Drogenabhängigkeit (auch in der Anamnese)
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind – abgesehen von der Anwendung vor diagnostischen oder operativen Maßnahmen (Anästhesiologie, Intensivmedizin) - von der Behandlung mit Lormetazepam auszuschließen.
Schwangerschaft
Die Einnahme von Lormetazepam in der Schwangerschaft sollte vermieden werden.
Bisherige Studien deuten darauf hin, dass das Fehlbildungsrisiko bei Einnahme in der Frühschwangerschaft gering ist, vereinzelt wird jedoch ein leicht erhöhtes Risiko für Gaumenspalten diskutiert. Nach Überdosierungen oder Vergiftungen wurden Fehlbildungen und geistige Entwicklungsstörungen berichtet.
Wird Lormetazepam in der späten Schwangerschaft oder unter der Geburt angewendet, kann es beim Neugeborenen zu Nebenwirkungen wie Muskelschwäche, Atemdepression, Untertemperatur oder Trinkschwäche kommen. Bei langfristiger Anwendung gegen Ende der Schwangerschaft besteht zudem die Gefahr einer körperlichen Abhängigkeit und postnataler Entzugssymptome beim Kind.
Frauen im gebärfähigen Alter sollten bei geplanter Schwangerschaft die Therapie mit ihrem Arzt besprechen.
Stillzeit
Lormetazepam geht in die Muttermilch über. Eine Anwendung in der Stillzeit wird nicht empfohlen.
Verkehrstüchtigkeit
Lormetazepam kann die Fähigkeit zum Führen von Fahrzeugen und Bedienen von Maschinen erheblich beeinträchtigen, insbesondere am Folgetag.
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Lormetazepam zu beachten:
- Gleichzeitige Anwendung mit Opioiden:
Kombination erhöht das Risiko für Sedierung, Atemdepression, Koma und Tod. Nur bei zwingender Notwendigkeit anwenden. Niedrigste wirksame Dosis und kürzestmögliche Behandlungsdauer wählen. - Behandlungsdauer:
Behandlung sollte auf wenige Tage bis maximal vier Wochen (inklusive Ausschleichphase) begrenzt werden. Bei längerer Anwendung ist eine schrittweise Dosisreduktion erforderlich. - Abhängigkeitsrisiko:
Längere Anwendung oder hohe Dosen können zu körperlicher und psychischer Abhängigkeit führen. Besonders hohes Risiko bei Patienten mit Suchtanamnese. - Entzugs- und Rebound-Effekte:
Nach Absetzen können Unruhe, Angst, Schlaflosigkeit oder schwere Entzugserscheinungen auftreten. Dosis sollte daher schrittweise reduziert werden. - Gewöhnung:
Die Wirkung kann bei längerer Anwendung nachlassen. - Amnesie:
Lormetazepam kann vorübergehende Gedächtnislücken (anterograde Amnesie) verursachen. Patienten sollten nach Einnahme ausreichend Schlafzeit (7–8 Stunden) einplanen. - Psychiatrische und paradoxe Reaktionen:
Unruhe, Aggressivität, Wut, Halluzinationen oder abnormales Verhalten können auftreten. Besonders gefährdet sind ältere Patienten, Kinder oder Patienten mit Hirnerkrankungen. - Depression und Suizidgefahr:
Vorbestehende Depressionen können sich unter der Behandlung verschlechtern. Schlafstörungen bei Depressionen sollten nicht allein mit Lormetazepam behandelt werden. - Ältere Patienten:
Erhöhtes Risiko für Stürze und Nebenwirkungen wie Schwindel oder Muskelschwäche. Eine Dosisreduktion wird empfohlen. - Patienten mit Ateminsuffizienz:
Gefahr einer Atemdepression. Dosisanpassung erforderlich. - Patienten mit Leberinsuffizienz:
Verminderte Ausscheidung und erhöhte Wirkstoffkonzentrationen. Dosisreduktion empfohlen, besonders bei schwerer Lebererkrankung. - Patienten mit Niereninsuffizienz:
Lormetazepam ist bei schwerer Niereninsuffizienz nur mit Vorsicht anzuwenden. - Patienten mit neurologischen Erkrankungen:
Bei spinaler oder zerebellärer Ataxie nur unter besonderer Vorsicht anwenden. - Patienten mit seltenen Zuckerunverträglichkeiten:
Bei Galactose-Intoleranz, Lactase-Mangel oder Glucose-Galactose-Malabsorption kontraindiziert. - Kinder und Jugendliche:
Anwendung nur im Rahmen diagnostischer oder operativer Maßnahmen. Keine generelle Anwendung empfohlen.
Alternativen
Folgende Alternativen stehen für Lormetazepam zur Verfügung:
- Nicht-pharmakologisch: Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (CBT-I), Schlafhygiene
- Andere Hypnotika: Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon), andere Benzodiazepine, sedierende Antidepressiva (off-label), Melatoninrezeptor-Agonisten, Orexinrezeptor-Antagonisten, sedierende Antihistaminika (kurzzeitig)
Wirkstoff-Informationen
- Fachinformation Lormetazepam-ratiopharm®
- Abbildung Adapted from „GABA Synthesis and Uptake”, by Biorender.com










