Ocrelizumab
Ocrelizumab ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper, der selektiv gegen CD20-exprimierende B-Zellen gerichtet ist. Er wird zur krankheitsmodifizierenden Behandlung der Multiplen Sklerose eingesetzt und ist für schubförmig-remittierende sowie primär progrediente Verlaufsformen zugelassen.
Ocrelizumab: Übersicht
Anwendung
Ocrelizumab ist angezeigt zur Behandlung erwachsener Patienten mit:
- schubförmiger Multipler Sklerose (RMS) mit aktiver Erkrankung, definiert durch klinische oder bildgebende Befunde
- früher primär progredienter Multipler Sklerose (PPMS) mit typischen entzündlichen Bildgebungsmerkmalen
Anwendungsart
Ocrelizumab wird als intravenöse Infusion verabreicht. Die Initialdosis erfolgt als zwei getrennte Infusionen à 300 mg im Abstand von 14 Tagen. Die Erhaltungsdosis von 600 mg wird alle sechs Monate als Einmalinfusion appliziert.
Wirkmechanismus
Ocrelizumab bindet selektiv an das CD20-Antigen auf Prä-B-Zellen, reifen B-Zellen und Gedächtnis-B-Zellen. Die CD20-positive B-Zellpopulation wird durch zellvermittelte Zytotoxizität (ADCC, CDC, ADCP) sowie Apoptose reduziert. Plasmazellen und Stammzellen bleiben unbeeinträchtigt, sodass die humorale Immunität erhalten bleibt. Dies führt zu einer gezielten Modulation des Immunsystems bei MS.
Pharmakokinetik
Resorption
- Nicht zutreffend, da parenterale Gabe.
Verteilung
- Rasche Verteilung in den Gefäßen; Bindung an CD20-positive B-Zellen im Blut und lymphatischen Gewebe.
Metabolisierung
- Kein enzymatischer Abbau; Ocrelizumab wird über katabole Mechanismen zu Peptiden und Aminosäuren zerlegt.
Elimination
- Die Eliminationshalbwertszeit beträgt etwa 26 Tage.
- Medianzeit bis zur B-Zell-Repletion liegt bei ca. 72 Wochen.
Besondere Hinweise
- Bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion ist keine Dosisanpassung erforderlich.
- Keine Interaktion mit CYP450-Systemen.
Dosierung
Die Dosierung von Ocrelizumab richtet sich nach dem Erkrankungstyp und erfolgt wie folgt:
- Initialdosis: 600 mg, verabreicht in zwei 300-mg-Infusionen im Abstand von 2 Wochen.
- Erhaltungsdosis: 600 mg als Einmalinfusion alle 6 Monate, frühestens 5 Monate nach der Initialdosis.
Eine Dosisanpassung bei älteren Patienten ist nicht erforderlich. Bei ausgefallenen Infusionen sollte die Gabe so bald wie möglich nachgeholt werden.
Nebenwirkungen
Sehr häufige und häufige unerwünschte Wirkungen:
- Infusionsbedingte Reaktionen (z. B. Pruritus, Hautausschlag, Flush, Dyspnoe)
- Infektionen (v. a. Atemwege, Herpes-Viren)
- Neutropenie
- Verminderung von Immunglobulinen
- Kopfschmerzen, Müdigkeit
Schwere, aber seltene Komplikationen:
- Progressive multifokale Leukoenzephalopathie (PML)
- Späte Neutropenie
- Malignome (v. a. Mammakarzinom)
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Ocrelizumab zu beachten:
- Lebendimpfstoffe: sollen während und bis zur B-Zell-Repletion vermieden werden
- Immunsuppressiva: erhöhen Risiko für Infektionen – Kombination ist kontraindiziert
- Impfantwort: kann vermindert sein; inaktive Impfstoffe empfohlen
Kontraindikationen
Ocrelizumab darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen Ocrelizumab oder sonstige Bestandteile
- Aktueller aktiver Infektion
- Schwer immunsupprimierter Zustand
- Aktive maligne Erkrankung
Schwangerschaft
Ocrelizumab sollte während der Schwangerschaft nur verabreicht werden, wenn der potenzielle Nutzen das Risiko für den Fötus überwiegt. Aufgrund möglicher B-Zell-Depletion beim Fötus wird empfohlen, Impfungen mit Lebendimpfstoffen bei Neugeborenen aufzuschieben, bis sich die B-Zell-Zahl normalisiert hat.
Stillzeit
Ein Übertritt von Ocrelizumab in die Muttermilch wurde in tierexperimentellen Studien beobachtet. Ein Risiko für das gestillte Kind kann nicht ausgeschlossen werden. Stillen sollte während der Behandlung und über einen gewissen Zeitraum danach unterbleiben.
Verkehrstüchtigkeit
Ocrelizumab hat keinen oder nur vernachlässigbaren Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen.
Anwendungshinweise
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Ocrelizumab zu beachten:
- Infusionsreaktionen: häufig; Prämedikation und Überwachung notwendig
- Infektionen: Therapie bei aktiver Infektion verschieben; engmaschige Kontrolle empfohlen
- PML-Risiko: bei neuen neurologischen Symptomen differenzialdiagnostisch abklären
- HBV-Reaktivierung: Serologie vor Therapiebeginn; Ausschluss aktiver Infektion erforderlich
- Neutropenie: Blutbildkontrollen bei Infektionszeichen
- Malignome: Brustkrebsscreening gemäß Leitlinien
- Impfstatus: vor Beginn überprüfen; Lebendimpfstoffe meiden
Alternativen
Als mögliche Alternativen zu Ocrelizumab kommen folgende Wirkstoffe infrage:
- Für die schubförmig-remittierende Multiple Sklerose (RMS):
Natalizumab, Dimethylfumarat, Teriflunomid, Cladribin, Interferon beta, Glatirameracetat - Für die primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS):
Derzeit ist Ocrelizumab der einzige Wirkstoff mit Zulassung für PPMS. Für diese Verlaufsform stehen keine weiteren immunmodulatorischen Substanzen mit vergleichbarer Evidenz zur Verfügung. Eine symptomatische Therapie ist jedoch möglich.
Fachinformation Ocrelizumab (EMA)
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