Propylthiouracil
Propylthiouracil ist ein Thioharnstoff-Derivat aus der Wirkstoffgruppe der Thyreostatika. Der Wirkstoff wird angewendet bei Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) bei Morbus Basedow und bei Schilddrüsenautonomie. Aufgrund seines höheren Risikos für akutes Leberversagen sollte Propylthiouracil nicht routinemäßig angewendet werden.
Propylthiouracil: Übersicht

Anwendung
Das Thyreostatikum Propylthiouracil ist indiziert:
- bei Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) bei Morbus Basedow und bei Schilddrüsenautonomie
- als Vorbereitung zur Operation oder Radiojod-Therapie bei einer hyperthyreoten Schilddrüse
Wirkmechanismus
Propylthiouracil wirkt thyreostatisch indem es an die Schilddrüsenperoxidase bindet und so die Umwandlung von Jodid zu Jod unterbindet. Die Schilddrüsenperoxidase wandelt normalerweise Iodid in Iod um (über Wasserstoffperoxid als Cofaktor) und katalysiert den Einbau des resultierenden Iodidmoleküls sowohl in die 3- als auch in die 5-Position der Phenolringe von Tyrosinen, die in Thyreoglobulin vorkommen. Thyreoglobulin wird schließlich zu Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) abgebaut, die die wichtigsten Hormone der Schilddrüse sind.
Pharmakokinetik
Resorption
- Propylthiouracil wird schnell und nahezu vollständig aus dem Darm resorbiert.
- Maximale Serumkonzentrationen werden nach ein bis zwei Stunden erreicht.
- Die orale Bioverfügbarkeit beträgt etwa 80 %.
Verteilung
- Propylthiouracil wird über einen aktiven Transportmechanismus in der Schilddrüse angereichert.
- Trotz fehlender Nachweisbarkeit im Serum nach etwa acht Stunden hält die Wirkung einer größeren Einzeldosis aufgrund der thyreoidalen Akkumulation etwa sechs bis acht Stunden an.
- Die Plasmaproteinbindung beträgt etwa 75–80 %.
- Propylthiouracil passiert die Plazenta und ist in niedrigen Konzentrationen in der Muttermilch nachweisbar.
Metabolismus
- Die Metabolisierung erfolgt wahrscheinlich überwiegend in der Leber.
Elimination
- Die Plasmaeliminationshalbwertszeit beträgt etwa ein bis zwei Stunden.
- Die Ausscheidung erfolgt überwiegend renal.
- Mehr als 50 % der Dosis werden als Glucuronsäure-Konjugate über den Urin ausgeschieden. Weniger als 2 % werden unverändert eliminiert.
- Bei eingeschränkter Leberfunktion können Metabolisierung und Elimination verzögert sein. In diesem Fall sollte eine niedrigere Dosis gewählt werden.
- Bei Niereninsuffizienz kann die Elimination verzögert sein, weshalb eine niedrigere Dosierung empfohlen wird.
Dosierung
In der Regel wird Propylthiouracil alle 6 bis 8 Stunden verabreicht.
Erwachsene, Jugendliche und Kinder über 10 Jahre:
- Die Anfangsdosis beträgt bei geringer klinischer Aktivität der Hyperthyreose 100 bis 300 mg Propylthiouracil pro Tag entsprechend 2 bis 3 Einzeldosen zu je 50 bis 100 mg (1 bis 2 Tabletten).
- In schweren Fällen und nach Jodkontamination werden höhere Anfangsdosen von 300 mg bis 600 mg Propylthiouracil (6 bis 12 Tabletten) täglich empfohlen, verteilt auf 4 bis 6 Einzeldosen.
- Die Erhaltungsdosis beträgt 50 bis 150 mg Propylthiouracil (1 bis 3 Tabletten) pro Tag.
Kinder zwischen 6 und 10 Jahren:
- Die Anfangsdosis beträgt 50 – 150 mg Propylthiouracil (1 bis 3 Tabletten) täglich und als Erhaltungsdosis etwa 25 bis 50 mg Propylthiouracil (½ bis 1 Tablette) täglich.
Nebenwirkungen
Häufig (≥ 1/10) kann es unter der Anwendung von Propylthiouracil zu folgenden Nebenwirkungen kommen:
- Neutropenie ohne klinische Relevanz
- Überempfindlichkeitsreaktionen
- Allergische Hauterscheinungen (Pruritus, Exanthem, Urtikaria)
- Magenunverträglichkeit, Nausea, Erbrechen
- vorübergehende Erhöhungen der Serumtransaminasen
Die vollständigen Angaben können der jeweiligen Fachinformation entnommen werden.
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Propylthiouracil zu beachten:
Wirkungen anderer Arzneimittel auf Propylthiouracil
- Thyroxin kann die Aufnahme von Propylthiouracil in die Schilddrüse vermindern und eine höhere Propylthiouracil-Dosis erforderlich machen.
- Iod und iodhaltige Arzneimittel können die thyreostatische Wirkung abschwächen und das Erreichen einer Euthyreose verzögern.
- Iodhaltige Röntgenkontrastmittel können die Wirksamkeit von Propylthiouracil ebenfalls vermindern.
Wirkungen von Propylthiouracil auf andere Arzneimittel
- Propylthiouracil kann die freie wirksame Fraktion von Propranolol und Cumarin-Derivaten verändern. Eine Dosisanpassung kann erforderlich sein.
Kontraindikationen
Propylthiouracil darf in folgenden Fällen nicht angewendet werden:
- Überempfindlichkeit gegen Propylthiouracil.
- Schwere Nebenwirkungen unter einer früheren Behandlung mit Propylthiouracil, insbesondere Agranulozytose, klinisch manifeste Vaskulitis oder hepatitische Leberschädigung.
- Besondere Vorsicht gilt bei bereits bestehenden Blutbildveränderungen sowie bei erhöhten Transaminasen oder erhöhten Cholestaseparametern.
Schwangerschaft
Eine Hyperthyreose sollte während der Schwangerschaft behandelt werden, da sie mit einem erhöhten Risiko für Fehlgeburten, Totgeburten, Fehlbildungen sowie weiteren maternalen und fetalen Komplikationen verbunden ist. Da Propylthiouracil die Plazentaschranke passiert und es nur uneinheitliche Studienergebnisse bezüglich des Risikos angeborener Fehlbildungen im Rahmen einer Therapie mit Propylthiouracil während der Schwangerschaft gibt, ist vor der Anwendung eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich. Propylthiouracil sollte in der niedrigsten wirksamen Dosis und ohne zusätzliche Schilddrüsenhormone eingesetzt werden. Mutter und Fetus sollten engmaschig überwacht werden.
Stillzeit
Propylthiouracil gilt in der Stillzeit als Mittel der Wahl, da nur geringe Mengen in die Muttermilch übergehen. Die Konzentration beträgt höchstens etwa ein Zehntel der mütterlichen Serumkonzentration. Aufgrund einzelner Berichte über Hypothyreosen sollte das gestillte Kind dennoch überwacht werden.
Verkehrstüchtigkeit
Auswirkungen von Propylthiouracil auf die Verkehrstüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen sind nicht zu erwarten. Dennoch sollten der klinische Zustand und mögliche Nebenwirkungen bei der Beurteilung der Fahrtüchtigkeit berücksichtigt werden.
Anwendungshinweise
Bei der Anwendung von Propylthiouracil sind folgende Warnhinweise zu beachten:
Akute Lebertoxizität
Die Anwendung von Propylthiouracil kann mit akutem Leberversagen und Tod assoziiert sein. Es gibt Berichte über Fälle bei Schwangeren, Erwachsenen und Kindern. Daher ist bei der Anwendung insbesondere in den ersten sechs Monaten nach Therapiebeginn Vorsicht geboten. Da der Beginn unvorhersehbar und variabel ist, wird eine regelmäßige Überwachung nicht empfohlen.
Patienten sollen über die möglichen Symptome aufgeklärt werden und bei Anorexie, Juckreiz, Schmerzen im rechten oberen Abdomen, Übelkeit, Erbrechen, hellem Stuhl und dunklem Urin einen Arzt aufsuchen. Beim ersten Auftreten dieser Symptome muss das Medikament abgesetzt werden und ein Blutbild erstellt werden.
Agranulozytose
Propylthiouracil kann in 0,2 bis 0,5 % der Fälle zu Agranulozytose, einem potenziell lebensbedrohlichen Ereignis, führen. Patienten sollten angewiesen werden, alle Symptome zu melden, die auf eine Panzytopenie hindeuten wie: Fieber, Halsschmerzen oder interstitielle Pneumonitis. Das Risiko ist in den ersten drei Behandlungsmonaten am höchsten.
Bei Verdacht ist Propylthiouracil sofort abzusetzen und ein Differenzialblutbild zu bestimmen. Der Einsatz eines Granulozyten-Kolonie-stimulierenden Faktors (G-CSF) kann erwogen werden.
Vaskulitis
Durch antineutrophile zytoplasmatische Antikörper (ANCA) vermittelte Vaskulitiden können schwer verlaufen. Bei entsprechenden Symptomen (z. B. Arthralgien, Myalgien und grippeähnliche Symptome) ist eine immunologische Abklärung erforderlich. Gegebenenfalls sollte Propylthiouracil abgesetzt werden.
Kinder
Propylthiouracil sollte bei Kindern nur angewendet werden, wenn andere Therapieoptionen ausgeschöpft sind.
Wirkstoff-Informationen
- Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
- Fachinformationen Propylthiouracil
- Umsetzung des einstimmigen Beschlusses der Koordinierungsgruppe vom 15.10.2025 betreffend die Zulassungen für Humanarzneimittel mit dem Wirkstoff Propylthiouracil vom 08.12.2025, abgerufen am 12.09.2026
- Fachinformation Propycil
- DrugBank: Propylthiouracil, abgerufen am 16.01.2023
- Amisha, Fnu, and Anis Rehman. "Propylthiouracil (PTU)." (2019)
- PEI: Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Ausgabe 4 | Dezember 2019
Hinweis: Bei der Recherche, Strukturierung oder Erstellung dieses Beitrags können KI-gestützte Werkzeuge unterstützend eingesetzt worden sein. Die fachliche Verantwortung, Quellenprüfung und redaktionelle Freigabe erfolgen durch Autor:innen und Redaktion.










