Reserpin
Reserpin gehört zur Gruppe der Antisympathotonika und wird als Reserve-Antihypertensivum eingesetzt. Durch irreversible Hemmung des vesikulären Monoamintransporters (VMAT) wird die Speicherung von bestimmten Neurotransmittern in den synaptischen Vesikeln reduziert.
Reserpin: Übersicht

Anwendung
Reserpin ist indiziert bei:
- Bluthochdruck (essentielle Hypertonie): In Kombination mit Clopamid bei therapieresistentem Bluthochdruck, wenn andere blutdrucksenkende Mittel nicht angezeigt sind (Reserve-Antihypertensiva).
- Psychosen: Historisch zur Behandlung von Psychosen, heute selten als Zusatztherapie bei therapierefraktären Patienten zur Unterstützung anderer Antipsychotika.
- Seltene Anwendungen: Aufgrund von Nebenwirkungen heute selten genutzt, gelegentlich bei therapieresistentem Bluthochdruck oder in der Veterinärmedizin.
Anwendungsart
Reserpin wird oral in Form von Tabletten verabreicht. Die Einnahme erfolgt mit ausreichend Flüssigkeit und möglichst zur gleichen Tageszeit. Um gastrointestinale Nebenwirkungen zu minimieren, wird eine Einnahme nach den Mahlzeiten empfohlen.
Wirkmechanismus
Reserpin ist ein natürliches Alkaloid, das aus der Pflanze Schlangenwurz (Rauwolfia serpentina) extrahiert wird. Das Antisympathotonikum wirkt über die Entleerung von Monoaminspeichern in zentralen und peripheren Nervenzellen, indem es an vesikuläre Monoamintransporter (VMAT) bindet und diese blockiert, wodurch die Speicherung von Monoaminen wie Noradrenalin, Dopamin und Serotonin in Vesikeln verhindert wird. Dies führt zu einer Depletion dieser Neurotransmitter im synaptischen Spalt und hat folgende Effekte:
- Antisympathotone Wirkung: Reduktion der sympathischen Aktivität durch Noradrenalinmangel, was zu einer Senkung des Blutdrucks führt.
- Antipsychotische und parkinsonoide Wirkung: Dopaminverarmung im zentralen Nervensystem unterstützt eine antipsychotische Wirkung, kann jedoch parkinsonähnliche Symptome hervorrufen.
- Sedation und depressive Verstimmungen: Serotonin- und Noradrenalinmangel im Gehirn beeinträchtigt die Stimmung und führt zu sedierenden Effekten.
- Verstopfte Nase: Der Noradrenalinmangel im sympathischen Nervensystem kann zu einer Erweiterung der Blutgefäße in der Nasenschleimhaut führen.
Pharmakokinetik
Resorption
- Reserpin hat eine orale Bioverfügbarkeit von etwa 40%.
Elimination
- Die Elimination von Reserpin findet biphasisch mit einer Halbwertszeit von 5 bis 250 Stunden statt.
Dosierung
Allgemeine Dosierung
- Individuelle Anpassung: Die Dosis von Reserpin wird individuell nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt an die Bedürfnisse des Patienten angepasst.
- Einschleichende Dosierung: Die Behandlung beginnt in der Regel mit einer niedrigen Dosis, die schrittweise erhöht wird, um die Verträglichkeit zu gewährleisten.
Häufigkeit der Einnahme
- Langanhaltende Wirkung: Aufgrund der langen Wirkdauer ist meist eine einmal tägliche Einnahme ausreichend.
Besondere Patientengruppen
- Kinder und Jugendliche: Die Anwendung bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren wird aufgrund fehlender Daten nicht empfohlen.
- Ältere Patienten: Reserpin kann von älteren Patienten ohne besondere Einschränkungen eingenommen werden, wobei auch hier eine individuelle Dosisanpassung erforderlich ist.
Überdosierung
Bei einer Überdosierung von Reserpin können folgende Symptome auftreten:
- Gastrointestinale Beschwerden: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall.
- Neurologische Symptome: Kopfschmerzen, Schwindel, Verwirrtheit, Depression, Koma.
- Kardiovaskuläre Effekte: Stark erniedrigter Blutdruck, verlangsamter Herzschlag, Herzrhythmusstörungen.
- Stoffwechsel- und Muskelsymptome: Hitzegefühl, Durst, Hypokaliämie, Muskelschwäche.
Nebenwirkungen
Zu den Nebenwirkungen, die während einer Therapie mit Reserpin auftreten können, zählen:
- Sedation
- Bradykardie
- Hypotonie
- Müdigkeit
- Schlafstörungen
- depressive Verstimmung
- orthostatische Dysregulation
- verstopfte Nase
- Übelkeit
- Erbrechen
Wechselwirkungen
Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Reserpin zu beachten:
- andere Antihypertensiva (starke Hypotonie)
- Abschwächung der Wirkung von Levodopa
Kontraindikationen
Die Anwendung von Reserpin ist generell kontraindiziert bei:
- Depressionen in der Anamnese
- Ulcus pepticum
- Colitis ulcerosa
- Elektroschocktherapie
- laufender oder abgeschlossener Therapie mit MAO-Hemmern
- Schwangerschaft
Schwangerschaft
Reserpin ist in der Schwangerschaft kontraindiziert, da es die Plazenta passiert und auf den Fötus wirken kann.
Stillzeit
Reserpin ist in der Schwangerschaft kontraindiziert, da es die Plazenta passiert und beim Säugling unerwünschte Wirkungen hervorrufen kann.
Verkehrstüchtigkeit
Durch individuell auftretende unterschiedliche Reaktionen kann die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme am Straßenverkehr oder zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigt werden.
Anwendungshinweise
Bei der Anwendung von Reserpin sind folgende Warnhinweise zu beachten:
- Bevor eine Behandlung mit Reserpin begonnen wird, sollte eine gründliche medizinische Untersuchung durchgeführt werden, um mögliche Kontraindikationen auszuschließen.
- Regelmäßige Kontrolle des Blutdrucks und der Herzfrequenz während der Therapie.
- Patienten sollten über mögliche depressive Verstimmungen aufgeklärt werden und bei entsprechenden Symptomen umgehend medizinischen Rat einholen.
- Eine schrittweise Reduktion der Dosis wird empfohlen, um Entzugserscheinungen zu vermeiden.
Alternativen
Abhängig von den spezifischen Bedürfnissen des Patienten sollten je nach Indikation primär folgende Wirkstoffe eingesetzt werden
- Antihypertensiva: ACE-Hemmer (z. B. Enalapril), Betablocker (z. B. Metoprolol), Calciumantagonisten (z. B. Amlodipin).
- Sedativa/Neuroleptika: Benzodiazepine (z. B. Diazepam), atypische Neuroleptika (z. B. Risperidon).
Wirkstoff-Informationen
Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer










