Testosteron

Testosteron ist das wichtigste männliche Sexualhormon und anaboles Steroid, das eine Schlüsselrolle in der Entwicklung männlicher Geschlechtsmerkmale, der Förderung der Muskelmasse, der Knochendichte und der Produktion von roten Blutkörperchen spielt. Es wirkt durch Bindung an Androgenrezeptoren, wodurch es die Genexpression beeinflusst und die Proteinsynthese fördert.

Testosteron

Anwendung

Testosteron ist indiziert bei männlichem Hypogonadismus, wenn der Testosteronmangel klinisch und labormedizinisch bestätigt wurde.

Anwendungsart

  • Injektionslösung: Intramuskulär, langsam über zwei Minuten injizieren. Die Injektion sollte tief in den Gesäßmuskel erfolgen, unter Vermeidung von intravasalen Injektionen.
  • Dermalanwendung: Auf saubere, trockene und gesunde Haut auf den Oberarmen und Schultern auftragen. Nicht auf die Genitalien auftragen und das Gel nicht einreiben. Vor dem Ankleiden sollte das Gel mindestens 3 bis 5 Minuten trocknen. Nach dem Auftragen sollte die Applikationsstelle mit sauberer Kleidung bedeckt werden, um eine unbeabsichtigte Übertragung des Wirkstoffs auf andere Personen sowie Haustiere zu verhindern.

Wirkmechanismus

Testosteron ist ein Steroidhormon aus der Gruppe der Androgene, das eine zentrale Rolle in der Entwicklung und Aufrechterhaltung männlicher Geschlechtsmerkmale spielt. Es wird hauptsächlich in den Hoden bei Männern und in geringeren Mengen in den Eierstöcken bei Frauen sowie in den Nebennierenrinden beider Geschlechter produziert. Testosteron wirkt durch Bindung an Androgenrezeptoren in Zielzellen, was zur Transkription spezifischer Gene führt und eine Vielzahl von physiologischen Effekten hervorruft.

In der Pubertät fördert Testosteron die Entwicklung der männlichen Geschlechtsorgane, die Zunahme der Muskelmasse, das Wachstum der Körperbehaarung und die Vertiefung der Stimme. Im Erwachsenenalter trägt es zur Spermienproduktion, zur Aufrechterhaltung der Libido und zur allgemeinen körperlichen und psychischen Gesundheit bei. Testosteron beeinflusst auch den Proteinmetabolismus, indem es die Proteinsynthese fördert, was zu Muskelwachstum und -erhaltung, sowie zur Knochenmineraldichte beiträgt.

Auf zellulärer Ebene aktiviert Testosteron die Androgenrezeptoren, die entweder direkt die Transkription bestimmter Gene beeinflussen oder über die Interaktion mit anderen Signalwegen wie dem Wachstumsfaktor-Signalweg wirken. Diese Prozesse sind entscheidend für die Differenzierung, das Wachstum und die Funktion von vielen Geweben im Körper.

Pharmakokinetik

Die Pharmakokinetik von Testosteron ist abhängig von der Darreichungsform:

Transdermale Anwendung (Gel)

  • Resorption: Nach transdermaler Applikation werden etwa 1–8,5 % des aufgetragenen Testosterons über die Haut resorbiert. Die Testosteron‑Serumspiegel steigen innerhalb der ersten Stunde an und erreichen in der Regel am 2. Anwendungstag einen Steady State.
    Durch die tägliche Anwendung werden ausgeprägte Serumspitzen vermieden,
  • Verteilung: Im Serum sind etwa 98 % des Testosterons an Sexualhormon‑bindendes Globulin (SHBG) und Albumin gebunden; nur der freie Anteil ist biologisch wirksam.
  • Metabolisierung: Testosteron wird überwiegend zu den aktiven Metaboliten Dihydrotestosteron (DHT) und Estradiol umgewandelt.
  • Elimination: Die Ausscheidung erfolgt hauptsächlich in Form konjugierter Metaboliten über den Urin, ein kleinerer Anteil über die Fäzes.
    Nach Absetzen der Behandlung sinken die Serumspiegel innerhalb von 72–96 Stunden auf die Ausgangswerte ab.

Intramuskuläre Anwendung (Testosteronundecanoat)

  • Resorption: Testosteronundecanoat ist ein Depotpräparat und wird nach intramuskulärer Injektion langsam aus dem Muskel freigesetzt. Ein Steady State wird in der Regel zwischen der dritten und fünften Injektion erreicht.
  • Metabolisierung: Der Ester wird durch Esterasen zu wirksamem Testosteron und Undecansäure gespalten.
  • Verteilung: Wie bei endogenem Testosteron ist der überwiegende Anteil an SHBG und Albumin gebunden.
  • Elimination: Testosteron unterliegt einer ausgeprägten hepatischen und extrahepatischen Metabolisierung. Die Eliminationshalbwertszeit der Depotfreisetzung beträgt etwa 90 Tage.

Dosierung

Dosierung der Injektionslösung (Testosteronundecanoat):

  • Erstdosierung und Beginn der Therapie: 1000 mg Testosteronundecanoat alle 10 bis 14 Wochen intramuskulär.
  • Aufsättigungsdosis: Das erste Injektionsintervall kann auf minimal 6 Wochen reduziert werden, um schnell ausreichende Steady-state-Testosteronspiegel zu erreichen.
  • Erhaltungstherapie und Individualisierung: Das Injektionsintervall sollte zwischen 10 bis 14 Wochen liegen.
  • Die Testosteron-Serumspiegel sind regelmäßig zu überprüfen und das Injektionsintervall entsprechend der Serumspiegel und klinischen Symptome anzupassen.

Dosierung der Dermalanwendung (Testosteron):

  • Standarddosis: Täglich eine Dosis von 40,5 mg Testosteron, aufgetragen als Gel.
  • Maximaldosis: 81 mg Testosteron pro Tag.
  • Dosisanpassung: In Schritten von ca. 20,25 mg Testosteron je nach klinischem Ansprechen und Laborwerten.
  • Die Anpassung der Dosis erfolgt auf Basis des morgendlichen Testosteron‑Serumspiegels, gemessen vor der täglichen Anwendung, nachdem ein Steady State (ca. am zweiten Tag der Behandlung) erreicht ist.

Nebenwirkungen

Nebenwirkungen treten dosisabhängig auf. 

Die häufigsten Nebenwirkungen unter Testosterontherapie sind:

  • Akne,
  • Hautreaktionen an der Applikationsstelle (bei dermaler Anwendung),
  • Schmerzen an der Injektionsstelle.

Weitere mögliche Nebenwirkungen umfassen unter anderem:

  • Gewichtszunahme,
  • Änderungen der Stimmungslage,
  • erhöhte Hämoglobin‑ und Hämatokritwerte,
  • Ödeme,
  • Blutdruckanstieg,
  • Schlafapnoe,
  • Veränderungen der Prostata einschließlich PSA‑Anstieg.

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Testosteron zu beachten:

  • Orale Antikoagulanzien: Testosteron und seine Derivate können die Wirkung von oralen Antikoagulanzien verstärken. Bei Patienten, die solche Blutverdünner einnehmen, ist eine sorgfältige Überwachung nötig. Dies gilt besonders zu Beginn und am Ende der Testosterontherapie. Es wird empfohlen, die Prothrombinzeit und den INR-Wert häufiger zu überprüfen, um das Blutgerinnungsrisiko angemessen zu managen.
  • ACTH oder Corticosteroide: Die gleichzeitige Anwendung von Testosteron mit ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) oder Corticosteroiden kann das Risiko für Ödeme erhöhen. Besondere Vorsicht ist geboten bei Patienten mit Herz- oder Lebererkrankungen sowie bei solchen, die zu Wassereinlagerungen neigen. Die Kombination dieser Medikamente sollte daher nur unter strenger medizinischer Überwachung erfolgen.
  • Beeinflussung von Laboruntersuchungen: Testosteron kann die Konzentration des thyroxinbindenden Globulins im Blut senken, was zu niedrigeren Gesamt-T4-Serumspiegeln und einer erhöhten Aufnahme von T3 und T4 führen kann. Trotz dieser Veränderungen in den Laborwerten bleiben die Spiegel der freien Schilddrüsenhormone unverändert, und es gibt keine Hinweise darauf, dass die Schilddrüsenfunktion klinisch beeinträchtigt wird.
  • SGLT‑2‑Inhibitoren: Die gleichzeitige Anwendung von Natrium‑Glucose‑Cotransporter‑2‑Inhibitoren (z. B. Empagliflozin, Dapagliflozin oder Canagliflozin) im Rahmen einer Testosteronersatztherapie wurde mit einem erhöhten Risiko für Erythrozytose in Verbindung gebracht. Da beide Substanzen unabhängig voneinander den Hämatokrit‑ und Hämoglobinspiegel erhöhen können, ist eine kumulative Wirkung möglich. Eine regelmäßige Überwachung von Hämatokrit und Hämoglobin wird empfohlen.

Kontraindikation

Testosteron ist kontraindiziert bei Männern mit:

  • androgenabhängigem Karzinom der Prostata oder der männlichen Brustdrüse
  • früheren oder bestehenden Lebertumoren
  • Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff

Schwangerschaft und Stillzeit

Testosteron ist ausschließlich zur Anwendung bei Männern bestimmt. Es darf bei Frauen, insbesondere während der Schwangerschaft und Stillzeit, nicht angewendet werden. Eine unbeabsichtigte Exposition schwangerer Frauen kann zu virilisierenden Effekten beim Fötus führen.

Fertilität:

Eine Testosteronersatztherapie kann zu einer reversiblen Unterdrückung der Spermatogenese führen.

Verkehrstüchtigkeit

Testosteron hat keinen Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Testosteron zu beachten:

  • Anwendungseinschränkungen: Die Verwendung von Testosteron bei Kindern und Jugendlichen wird nicht empfohlen. Es sollte nur bei eindeutig diagnostiziertem Hypogonadismus, nach Ausschluss anderer Ursachen für die Symptomatik, angewendet werden. Die Diagnose muss durch klinische Symptome und zweifache Testosteron-Bluttests bestätigt werden.
  • Ältere Patienten: Für Patienten über 65 Jahre liegen nur begrenzte Erfahrungen vor. Da Testosteronspiegel natürlich mit dem Alter sinken, ist besondere Vorsicht geboten.
  • Medizinische Untersuchungen: Vor und während der Behandlung sind gründliche Untersuchungen erforderlich, um das Risiko eines Prostatakarzinoms auszuschließen. Regelmäßige Kontrollen der Prostata und Brust sind notwendig.
  • Laboruntersuchungen: Testosteronspiegel sollten vor und während der Therapie regelmäßig überprüft werden, um eine individuelle Dosierung zu gewährleisten. Weitere regelmäßige Tests umfassen Hämoglobin, Hämatokrit, Leberfunktionstests und Lipidprofil.
  • Tumoren: Testosteron kann die Entwicklung von Prostatakrebs und benigner Prostatahyperplasie beschleunigen. Vorsicht ist geboten bei Patienten mit Krebsrisiko, insbesondere bei Knochenmetastasen, und regelmäßige Kalziumspiegelkontrollen werden empfohlen. Lebertumoren sollten bei schweren Oberbauchbeschwerden in Betracht gezogen werden.
  • Herz-, Leber- oder Niereninsuffizienz: Bei schweren Fällen dieser Erkrankungen kann die Therapie ernsthafte Komplikationen verursachen und sollte sofort abgebrochen werden. Die Anwendung bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion erfordert besondere Vorsicht.
  • Herzinsuffizienz und Bluthochdruck: Vorsicht bei Patienten mit Neigung zu Ödemen oder arterieller Hypertonie, da Testosteron die Natrium- oder Wasserretention verstärken kann.
  • Blutgerinnungsstörungen: Bei Patienten mit Blutgerinnungsstörungen ist Vorsicht geboten, da Testosteron die Wirkung von oralen Antikoagulantien steigern kann.
  • Andere Erkrankungen: Bei Epilepsie oder Migräne mit Vorsicht anwenden. Eine Anpassung der Dosierung blutzuckersenkender Mittel kann notwendig sein. Symptome einer übermäßigen Androgenexposition erfordern eine Dosisanpassung.
  • Medikamentenmissbrauch und Abhängigkeit: Missbrauch von Testosteron kann zu schwerwiegenden Nebenwirkungen führen. Von einem Missbrauch ist abzuraten.
  • Injektionshinweise: Testosteron muss exakt intramuskulär und sehr langsam injiziert werden. Vorsicht bei Anzeichen einer öligen pulmonalen Mikroembolie.
  • Anaphylaktische Reaktionen: Es wurden Fälle von anaphylaktischen Reaktionen nach einer Injektion berichtet.
  • Doping: Testosteron führt bei Dopingkontrollen zu positiven Ergebnissen. Das Medikament ist nicht zur Muskelentwicklung bei gesunden Personen vorgesehen.
  • Schlafapnoe: Bei Patienten mit bestehenden Risikofaktoren (z. B. Adipositas oder chronische Atemwegserkrankungen) kann sich eine Schlafapnoe unter Testosterontherapie verschlechtern.
  • Hämatologische Veränderungen: Unter einer Androgentherapie kann es zu einem Anstieg von Hämoglobin, Hämatokrit und der Erythrozytenzahl kommen. Regelmäßige Kontrollen werden empfohlen, um eine Polyzythämie frühzeitig zu erkennen.
  • Prostata‑Monitoring: Während der Behandlung sind regelmäßige Untersuchungen der Prostata einschließlich PSA‑Bestimmungen erforderlich.

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
288.42 g·mol-1
Quelle:
  1. Fachinformation Nebido
  2. Fachinformation Testogel® Dosiergel 16,2 mg/g Gel, Stand: November 2024.
  3. Steinhilber, Dieter, Manfred Schubert-Zsilavecz, and Hermann Roth. "Medizinische Chemie." (2017).
  4. Testosteron Besins® 1000 mg/4 ml Injektionslösung, Stand: Dezember 2025.
  5. Europäische Kommission. (2026). Durchführungsbeschluss (EU) C(2026) 700 final vom 30. Januar 2026 betreffend Arzneimittel mit dem Wirkstoff „Testosteron (topische Anwendung)“ gemäß Artikel 107e der Richtlinie 2001/83/EG. Brüssel.
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