Vareniclin

Vareniclin ist ein Arzneimittel, das zur Raucherentwöhnung eingesetzt wird. Es wirkt als partieller Agonist an den Nikotinrezeptoren im Gehirn und reduziert dadurch das Verlangen nach Nikotin.

Vareniclin

Anwendung

Vareniclin wird zur Raucherentwöhnung bei Erwachsenen angewendet.

Anwendungsart

Vareniclin wird oral in Form von Filmtabletten angewendet. Die Tabletten sollen unzerkaut mit ausreichend Wasser eingenommen werden. Die Einnahme kann unabhängig von den Mahlzeiten erfolgen.

Wirkmechanismus

Der Wirkmechanismus von Vareniclin beruht auf seiner Fähigkeit, mit hoher Affinität und Selektivität als partieller Agonist an den neuronalen α4β2-nikotinergen Acetylcholinrezeptoren zu wirken. Vareniclin bindet an die Nikotinrezeptoren und aktiviert sie teilweise, was zu einer Freisetzung von Dopamin führt. Dies reduziert das Verlangen nach Nikotin und mildert Entzugssymptome wie Reizbarkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen. Gleichzeitig blockiert Vareniclin die Bindung von Nikotin an die Rezeptoren, wodurch die Freisetzung von Dopamin und die Verstärkung des Rauchverhaltens gehemmt werden.

Pharmakokinetik

Resorption

  • Nach oraler Einnahme wird Vareniclin nahezu vollständig resorbiert
  • Maximale Plasmakonzentrationen nach ca. 3–4 Stunden
  • Ein Steady State wird nach etwa 4 Tagen erreicht
  • Hohe systemische Verfügbarkeit
  • Resorption unabhängig von Nahrung und Einnahmezeitpunkt

Verteilung

  • Gute Gewebeverteilung, einschließlich ZNS-Penetration
  • Verteilungsvolumen im Steady State ca. 415 l
  • Geringe Plasmaproteinbindung (≤20 %)

Metabolismus

  • Nur gering metabolisiert
  • Etwa 92 % unverändert im Urin nachweisbar
  • Weniger als 10 % werden als Metaboliten ausgeschieden
  • Kein relevanter Einfluss auf Cytochrom-P450-Enzyme

Elimination

  • Eliminationshalbwertszeit: ca. 24 Stunden
  • Ausscheidung überwiegend renal über glomeruläre Filtration und aktive tubuläre Sekretion (über OCT2-Transporter)

Dosierung

Die Dosierung von Vareniclin erfolgt in der Regel schrittweise und wird entsprechend der individuellen Reaktion und Verträglichkeit angepasst. Normalerweise beginnt die Behandlung mit einer niedrigen Dosis von 0,5 mg einmal täglich für die ersten drei Tage, gefolgt von 0,5 mg zweimal täglich für die nächsten vier Tage. Danach wird die Dosis auf 1 mg zweimal täglich erhöht, bis die empfohlene Behandlungsdauer erreicht ist.  Die empfohlene Behandlungsdauer beträgt in der Regel 12 Wochen. Bei erfolgreicher Raucherentwöhnung kann die Behandlung um weitere 12 Wochen verlängert werden. 

Allgemeines Vorgehen

  • Patient legt ein Rauchstopp-Datum fest
  • Therapiebeginn 1–2 Wochen vor diesem Datum

Therapieschema

  • Tag 1–3: 0,5 mg einmal täglich
  • Tag 4–7: 0,5 mg zweimal täglich
  • Erhaltungsdosis ab Tag 8: 1 mg zweimal täglich
  • Behandlungsdauer bei Standardtherapie: 12 Wochen
  • Bei erfolgreichem Rauchstopp: Verlängerung um weitere 12 Wochen (1 mg zweimal täglich) zur Rückfallprophylaxe möglich

Alternative Vorgehensweise

Bei Patienten ohne sofortigen Rauchstopp:

  • schrittweise Reduktion des Rauchens während der ersten 12 Wochen
  • vollständiger Rauchstopp bis Ende dieser Behandlungsdauer
  • anschließende Erhaltungstherapie für weitere 12 Wochen

Wiederholte Therapie

Ein erneuter Behandlungsversuch ist sinnvoll bei:

  • fehlendem Erfolg in der ersten Therapie
  • Rückfall nach initial erfolgreicher Entwöhnung

Besondere Hinweise

  • Erfolgschancen steigen bei zusätzlicher Beratung und Unterstützung
  • Bei hohem Rückfallrisiko kann ein Ausschleichen der Dosis erwogen werden

Dosisanpassung

Bei nicht tolerierbaren Nebenwirkungen:

  • Reduktion auf 0,5 mg zweimal täglich möglich (vorübergehend oder dauerhaft)

Ältere Patienten:

  • Keine generelle Dosisanpassung erforderlich

Niereninsuffizienz:

  • Leicht bis mäßig: keine Dosisanpassung notwendig
  • Mäßig mit Unverträglichkeit: Reduktion auf 1 mg einmal täglich
  • Schwere Niereninsuffizienz (<30 ml/min): Initial 0,5 mg einmal täglich (3 Tage), dann 1 mg einmal täglich
  • Terminale Niereninsuffizienz: Anwendung nicht empfohlen

Leberinsuffizienz:

  • Keine Dosisanpassung erforderlich

Kinder und Jugendliche

  • Anwendung nicht empfohlen, da Wirksamkeit nicht belegt ist

Nebenwirkungen

Zu den sehr häufigen bis häufigen Nebenwirkungen, die während einer Therapie mit Vareniclin auftreten können, zählen:

Infektionen und parasitäre Erkrankungen:

Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen:

  • Häufig: Gewichtszunahme, verminderter Appetit, gesteigerter Appetit

Psychiatrische Erkrankungen:

  • Sehr häufig: abnorme Träume, Schlaflosigkeit

Erkrankungen des Nervensystems:

  • Sehr häufig: Kopfschmerzen
  • Häufig: Somnolenz, Schwindelgefühl, Dysgeusie

Erkrankungen der Atemwege, des Brustraums und Mediastinums:

  • Häufig: Dyspnoe, Husten

Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts:

  • Sehr häufig: Übelkeit
  • Häufig: gastroösophageale Refluxerkrankung, Erbrechen, Obstipation, Diarrhoe, geblähtes Abdomen, Abdominalschmerz, Zahnschmerzen, Dyspepsie, Flatulenz, Mundtrockenheit

Erkrankungen der Haut und des Unterhautzellgewebes:

  • Häufig: Ausschlag, Pruritus

Skelettmuskulatur-, Bindegewebs- und Knochenerkrankungen:

  • Häufig: Arthralgie, Myalgie, Rückenschmerzen

Allgemeine Erkrankungen und Beschwerden am Verabreichungsort:

  • Häufig: Brustkorbschmerzen, Müdigkeit

Untersuchungen:

  • Häufig: abnormer Leberfunktionstest

Die vollständigen Angaben können der jeweiligen Fachinformation entnommen werden.

Wechselwirkungen

Folgende Informationen zu Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Vareniclin zu beachten:

  • In-vitro-Studien legen nahe, dass Vareniclin die Pharmakokinetik anderer Substanzen nicht relevant beeinflusst.
  • Vareniclin hemmt keine renalen Transportproteine.
  • Vareniclin beeinflusst nicht die Pharmakokinetik von Metformin, Digoxin, Bupropion oder Warfarin.
  • Bei gleichzeitiger Anwendung mit Cimetidin kann es durch verminderte renale Clearance zu einem moderaten Anstieg der Vareniclin-Spiegel kommen. Dies ist jedoch meist nur bei schwerer Niereninsuffizienz klinisch relevant.
  • Die gleichzeitige Anwendung von Vareniclin mit einer Nikotinersatztherapie (NET) führte in einer Studie zu einer Abnahme des systolischen Blutdrucks und häufigeren Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen und Erbrechen.

Kontraindikationen

Die Anwendung von Vareniclin ist generell kontraindiziert bei:

  • Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff

Schwangerschaft

Die bisherigen Erfahrungen mit der Anwendung von Vareniclin bei schwangeren Frauen liefern keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen oder eine fetale bzw. neonatale Toxizität. Allerdings zeigten tierexperimentelle Studien reproduktionstoxische Effekte. Daher sollte Vareniclin in der Schwangerschaft vorsichtshalber vermieden werden.

Stillzeit

Es ist nicht bekannt, ob Vareniclin in die Muttermilch beim Menschen übergeht, jedoch deuten Tierstudien auf einen Übergang hin. Daher sollte individuell unter Abwägung des Nutzens für Mutter und Kind entschieden werden, ob das Stillen oder die Behandlung fortgeführt wird.

Verkehrstüchtigkeit

Vareniclin hat einen geringen bis mäßigen Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen. Da Nebenwirkungen wie Schwindel, Schläfrigkeit oder in seltenen Fällen Bewusstseinsverlust auftreten können, sollten Patienten vorsichtig sein und auf das Führen von Fahrzeugen oder das Bedienen von Maschinen verzichten, bis sie wissen, wie sie auf das Arzneimittel reagieren.

Anwendungshinweise

Bei der Anwendung von Vareniclin sind folgende Warnhinweise zu beachten:

Auswirkungen der Raucherentwöhnung

  • Raucherentwöhnung kann die Pharmakokinetik anderer Arzneimittel verändern
  • Besonders betroffen sind CYP1A2-Substrate, da das Rauchen CYP1A2 induziert
  • Dosisanpassungen dieser Arzneimittel können erforderlich sein

Neuropsychiatrische Symptome

  • Berichte über Verhaltensänderungen, Depression, Angst, Aggressivität, Psychosen
  • Auch suizidale Gedanken und Verhalten wurden beobachtet
  • Symptome können auch durch Nikotinentzug bedingt sein
  • Bei Auftreten schwerer Symptome: Therapie sofort beenden und ärztliche Abklärung erforderlich

Patienten mit psychiatrischen Vorerkrankungen

  • Risiko für neuropsychiatrische Ereignisse generell bei Raucherentwöhnung erhöht
  • Mögliche Verschlechterung bestehender Erkrankungen (z. B. Depression)
  • Anwendung nur mit Vorsicht und engmaschiger Überwachung

Krampfanfälle

  • Fälle von Krampfanfällen berichtet
  • Vorsicht bei Patienten mit entsprechender Anamnese oder Risikofaktoren

Therapieabbruch

  • Nach Absetzen zeigten sich bei bis zu 3 % der Patienten Reizbarkeit, Schlafstörungen, depressive Verstimmung, Rauchverlangen
  • Ausschleichen der Dosis kann sinnvoll sein

Kardiovaskuläre Ereignisse

  • Patienten sollten auf neue oder sich verschlechternde kardiovaskuläre Symptome achten
  • Bei Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall sollte sofort ärztliche Hilfe aufgesucht werden

Überempfindlichkeitsreaktionen

  • Möglich sind Angioödeme mit Schwellungen im Gesicht, Mundbereich (Zunge, Lippen und Zahnfleisch), Hals (Kehle und Luftröhre) und den Extremitäten
  • In seltenen Fällen lebensbedrohliches Angioödem mit respiratorischer Beeinträchtigung beobachtet
  • Bei Symptomen: sofort Therapieabbruch und ärztliche Behandlung

Schwere Hautreaktionen

  • Selten, aber potenziell lebensbedrohlich (z. B. Stevens-Johnson-Syndrom und Erythema multiforme)
  • Bei ersten Anzeichen eines Hautausschlags: sofort Therapieabbruch und ärztliche Behandlung 

Alternativen

Als alternative Wirkstoffe zur Raucherentwöhnung stehen zur Verfügung:  

  • Nikotinersatztherapie (NET) wie Nikotinpflaster, -kaugummis, -lutschtabletten und -inhalatoren
  • Bupropion, ein Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer, der das Verlangen nach Nikotin und Entzugssymptome reduziert
  • Clonidin, ein zentraler Alpha-2-Agonist, der off-label zur Linderung von Entzugssymptomen wie Reizbarkeit und Schlafstörungen eingesetzt wird
  • Nortriptylin, ein trizyklisches Antidepressivum, das off-label zur Linderung von Entzugssymptomen und zur Reduktion des Nikotinverlangens eingesetzt wird

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
211.26 g·mol-1
Quelle:
  1. Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
  2. Fachinformationen Vareniclin
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