Vigabatrin

Vigabatrin ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Antiepileptika (Antikonvulsiva), der zur Behandlung fokaler Anfälle mit oder ohne sekundäre Generalisierung sowie als Monotherapie zur Behandlung infantiler Spasmen (West-Syndrom) eingesetzt wird.

Vigabatrin

Anwendung

Der antikonvulsive Wirkstoff Vigabatrin (Sabril, Kigabeq) ist indiziert zur Behandlung von:

  • Patienten mit pharmakoresistenten fokalen Anfällen mit oder ohne sekundäre Generalisierung, bei denen alle anderen adäquaten Arzneimittelkombinationen nicht ausreichend wirksam waren oder nicht vertragen wurden (in Kombination mit anderen Antiepileptika)
  • Infantilen Spasmen (West-Syndrom) als Monotherapie

Kigabeq wird angewendet bei Kindern im Alter ab 1 Monat bis unter 7 Jahre.

Anwendungsart

Vigabatrin ist in unterschiedlichen Darreichungsformen erhältlich:

  • Filmtabletten (500 mg, Sabril)
  • Granulat zur Herstellung einer Lösung zum Einnehmen (Beutel mit 500 mg, Sabril)
  • Tabletten zur Herstellung einer Lösung zum Einnehmen (100, 500 mg, Kigabeq)

Die Behandlung mit Vigabatrin sollte nur durch einen Spezialisten auf dem Gebiet der Epilepsie, der Neurologie oder der Neuropädiatrie eingeleitet werden. Dies gilt ebenso für die Folgebehandlungen und deren Überwachung.

Vigabatrin wird ein- oder zweimal täglich vor oder nach den Mahlzeiten eingenommen. Dabei kann beispielsweise der Inhalt eines Beutels (Sabril) unmittelbar vor der Einnahme in Flüssigkeit (z.B. Wasser, Fruchtsaft oder Milch) gelöst werden.

Kigabeq ist zum Einnehmen oder zur Anwendung mittels Magensonde bestimmt und kann vor oder nach den Mahlzeiten eingenommen werden.

Die Anwendung mittels Magensonde ist bei Kindern vorzunehmen, die nicht schlucken, aber enteral ernährt werden können.

Da keine Stabilitätsstudien mit anderen Lösemitteln als Wasser durchgeführt wurden, ist für die Herstellung der Lösung zum Einnehmen ausschließlich Wasser zu verwenden. Wenn die Tabletten vollständig aufgelöst sind, sollte der gesamte Inhalt der Lösung dem Kind unmittelbar direkt aus dem Trinkglas gegeben werden. Wenn das Risiko besteht, dass die Lösung hochgewürgt wird, oder das Kind nicht alt genug ist, um aus einem Glas zu trinken, sollte der gesamte Inhalt der Lösung mit einer Applikationsspritze für Zubereitungen zum Einnehmen aufgezogen werden. Anschließend ist das Ende der Spritze in den Mund des Kindes zu geben und der Kolben sanft herunterzudrücken.

Sobald das Kind die Arzneimittellösung vollständig getrunken hat, ist das Trinkglas mit einem oder zwei Teelöffeln (ca. 5 mL oder 10 mL) Wasser auszuspülen und der Inhalt dem Kind auf dieselbe Weise zu verabreichen.

Bei Patienten, die nicht schlucken können, ist die Anwendung von Kigabeq mittels einer Magensonde möglich. Die Tabletten werden in ca. 5 mL oder 10 mL Wasser aufgelöst und die dadurch erhaltene Lösung wird mit einer mit Adapter versehenen Spritze in die Sonde gegeben. Die Magensonde sollte anschließend mit 10 mL Wasser durchgespült werden.

Wurde nach einer ausreichenden Behandlungsdauer keine klinisch signifikante Besserung der Anfälle erreicht, soll die Vigabatrin-Behandlung nicht fortgeführt werden. Vigabatrin sollte in diesem Fall unter enger medizinischer Überwachung stufenweise abgesetzt werden.

Wirkmechanismus

Vigabatrin ist ein selektiver irreversibler Inhibitor der GABA-Transaminase, ein Enzym, das den Abbau von GABA (Gamma-Aminobuttersäure) katalysiert. Infolgedessen erhöht Vigabatrin die Konzentration von GABA (dem wichtigsten inhibitorischen Neurotransmitter im Gehirn), wodurch die GABAerge Neurotransmission verstärkt wird.

Primäres Ziel einer antikonvulsiven Therapie ist die Reduktion bzw. Unterdrückung epileptischer Anfälle. Demnach muss entweder das hochfrequente synchronisierte „Feuern“ von Nervenzellen oder die Erregungsweiterleitung unterbunden werden. Für Depolarisationen sowie deren Frequenz sind vor allem spannungsaktivierte Ionenkanäle verantwortlich.

Die Erregungsausbreitung wird durch inhibitorische GABAerge Nervenzellen eingedämmt. Vigabatrin verstärkt durch Inhibition des GABA-Abbaus die GABAerge Neurotransmission und unterdrückt dadurch die Erregungsausbreitung.

Pharmakokinetik

Erwachsene

Resorption

  • Vigabatrin ist eine wasserlösliche Substanz, die rasch und vollständig aus dem Gastrointestinaltrakt resorbiert wird.
  • Die Nahrungsaufnahme hat keinen Einfluss auf das Ausmaß der Vigabatrin-Resorption.
  • Die Zeit bis zum Erreichen der maximalen Plasmakonzentrationen (tmax) beträgt ca. 1 Stunde.

Verteilung

  • Vigabatrin wird weit verteilt, wobei das scheinbare Verteilungsvolumen etwas über dem der gesamten Körperflüssigkeit liegt.
  • Die Bindung an Plasmaproteine ist vernachlässigbar.
  • Die Konzentrationen im Plasma und im Liquor korrelieren linear mit der Dosis innerhalb des empfohlenen Dosisbereichs.

Metabolismus

  • Vigabatrin wird nicht signifikant metabolisiert.
  • Im Plasma wurden keine Metaboliten nachgewiesen.

Elimination

  • Vigabatrin wird mit einer terminalen Halbwertszeit von 5 bis 8 Stunden über die Nieren ausgeschieden.
  • Die orale Clearance (Cl/F) von Vigabatrin beträgt ca. 7 L/h (d.h. 0,10 L/h/kg).
  • Etwa 70% einer oralen Einzeldosis werden in den ersten 24 Stunden nach der Dosisgabe unverändert renal eliminiert.

Kinder

  • Die pharmakokinetischen Eigenschaften von Vigabatrin wurden in Gruppen von sechs Neugeborenen (Alter 15 bis 26 Tage), sechs Säuglingen (5 bis 22 Monate) und sechs Kindern (Alter 4,6 bis 14,2 Jahre) mit refraktärer Epilepsie untersucht.
  • Nach Gabe einer Einzeldosis von 37 mg/kg bis 50 mg/kg einer Vigabatrin-Lösung zum Einnehmen beträgt tmax ca. 2,5 Stunden bei Neugeborenen und Säuglingen und 1 Stunde bei Kindern.
  • Die mittlere terminale Halbwertszeit von Vigabatrin beträgt ca. 7,5 Stunden bei Neugeborenen, 5,7 Stunden bei Säuglingen und 5,5 Stunden bei Kindern.
  • Die mittlere orale Cl/F des aktiven S-Enantiomers von Vigabatrin bei Säuglingen und Kindern beträgt 0,591 L/h/kg bzw. 0,446 L/h/kg.

Dosierung

Fokale Anfälle mit oder ohne sekundäre Generalisierung

Erwachsene:

  • Die maximale Wirksamkeit wird normalerweise bei einer Dosierung von 2-3 g/Tag erreicht.
  • Empfohlene Anfangsdosis: Üblicherweise 1 g Vigabatrin/Tag zusätzlich zur bisherigen medikamentösen Epilepsiebehandlung des Patienten
  • Abhängig vom klinischen Ansprechen und von der Verträglichkeit sollte anschließend die tägliche Dosis in wöchentlichen Abständen um 0,5 g erhöht werden.
  • Die höchste empfohlene Dosis beträgt 3 g/Tag.
  • Es besteht keine direkte Korrelation zwischen Plasmakonzentration und Wirkung.
  • Die Wirkdauer des Arzneimittels hängt eher von der Neusyntheserate der GABA-Transaminase ab als von der Wirkstoffkonzentration im Plasma.

Kinder:

  • Empfohlene Anfangsdosis: 40 mg/kg/Tag
  • Empfohlene Erhaltungsdosis (bezogen auf das Körpergewicht):

-    0,5-1 g/Tag (10-15 kg)

-    1-1,5 g/Tag (15-30 kg)

-    1,5-3g/Tag (30-50 kg)

-    2-3 g/Tag (>50 kg)

Monotherapie bei infantilen Spasmen (West-Syndrom)

  • Empfohlene Anfangsdosis: 50 mg/kg/Tag (falls erforderlich kann diese innerhalb 1 Woche erreicht werden)
  • Beispiel: Bei einem Körpergewicht von 5 kg morgens 1 Tablette und abends 1,5 Tabletten (100 mg Tablette zur Herstellung einer Lösung zum Einnehmen), sodass 250 mg/Tag erreicht werden.
  • Nachfolgende Dosen können in Schritten von 25 mg/kg/Tag alle 3 Tage bis zur empfohlenen Höchstdosis von 150 mg/kg/Tag auftitriert werden (prinzipiell werden Dosierungen von bis zu 150 mg/kg/Tag gut vertragen).

Ältere Patienten und Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion

  • Da Vigabatrin über die Nieren ausgeschieden wird, ist Vorsicht geboten, wenn das Arzneimittel älteren Patienten und vor allem Patienten mit einer Kreatinin-Clearance unter 60 mL/min appliziert wird (eine Anpassung der Dosis oder der Häufigkeit der Einnahme sollte in diesem Fall erwogen werden).
  • Diese Patienten können bereits auf eine niedrigere Erhaltungsdosis ansprechen und sollten hinsichtlich Nebenwirkungen wie Sedierung und Verwirrtheit überwacht werden.

Nebenwirkungen

Die am häufigsten gemeldeten Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Vigabatrin sind:

  • Gesichtsfelddefekte (diese sind mittelschwer bis schwer und treten in der Regel Monate bis Jahre nach der Vigabatrin-Therapie auf)
  • Psychiatrische Erkrankungen wie Agitiertheit, Erregung, Aggression, Nervosität, Depression, paranoide Reaktion, Störungen des Nervensystems wie ausgeprägte Sedierung, Stupor und Verwirrtheit

Weitere häufige Nebenwirkungen umfassen:

  • Arthralgie
  • Anämie
  • Verschwommenes Sehen
  • Diplopie
  • Nystagmus
  • Sprachstörung
  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Parästhesie
  • Aufmerksamkeits- und Denkstörung
  • Eingeschränktes Erinnerungsvermögen
  • Tremor
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Abdominalschmerz
  • Alopezie
  • Ödem
  • Gewichtserhöhung

Selten beobachtete Ereignisse sind unter anderem Suizidversuche, Enzephalopathie und Erkrankungen der Retina.

Bei manchen Patienten kann es bei einer Behandlung mit Vigabatrin zu einer Erhöhung der Anfallshäufigkeit einschließlich des Status epilepticus kommen. Patienten mit myoklonischen Anfällen könnten besonders dazu neigen. In seltenen Fällen kann es zu einem neuen myoklonischen Anfall und einer Verschlimmerung eines bestehenden Myoklonus kommen.

Wechselwirkungen

Studien zur Erfassung von Wechselwirkungen wurden nur bei Erwachsenen durchgeführt.

Da Vigabatrin weder metabolisiert noch an Proteine gebunden wird und kein Induktor von CYP-Enzymen ist, sind Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln unwahrscheinlich. In kontrollierten klinischen Studien wurde jedoch eine allmähliche Abnahme der Phenytoin-Plasmakonzentrationen von 16–33% beobachtet (die genaue Art dieser Wechselwirkung ist derzeit nicht geklärt, allerdings ist in den meisten Fällen eine therapeutische Bedeutung unwahrscheinlich). Die Plasmakonzentrationen von Carbamazepin, Phenobarbital und Natriumvalproat wurden ebenfalls in kontrollierten klinischen Studien untersucht, wobei keine signifikanten Wechselwirkungen festgestellt wurden.

Vigabatrin kann zu einer Abnahme der Plasmaaktivität der Alaninaminotransferase (ALAT) führen und in geringerem Ausmaß zu jener der Aspartataminotransferase (ASAT). Das Ausmaß der ALAT-Suppression variiert zwischen 30 und 100%. Daher ist die quantitative Bestimmung dieser Leberwerte bei Patienten, die Vigabatrin erhalten, unzuverlässig.

Vigabatrin kann den Aminosäuregehalt im Urin erhöhen, was möglicherweise zu einem falsch positiven Test für bestimmte seltene, genetisch bedingte Stoffwechselerkrankungen (z.B. Alphaaminoadipinaceturie) führen kann.

Kontraindikationen

Vigabatrin darf nicht angewendet werden bei Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder sonstige Bestandteile des Arzneimittels.

Schwangerschaft

Vigabatrin darf während der Schwangerschaft nur bei zwingender Notwendigkeit eingenommen werden. Es liegen Berichte von Fehlentwicklungen (kongenitale Anomalien oder Spontanaborte) bei Kindern vor, deren Mütter Vigabatrin eingenommen haben. Diese Daten, die über Spontanberichte erhalten wurden, basieren auf einer begrenzten Anzahl von Schwangerschaften, in denen eine Exposition mit Vigabatrin stattgefunden hat. Ob die Einnahme von Vigabatrin während der Schwangerschaft ein erhöhtes Risiko von Missbildungen bedingt, kann aufgrund der begrenzten Datenmenge sowie der gleichzeitigen Einnahme anderer Antiepileptika in allen berichteten Fällen nicht schlüssig beantwortet werden.

Alle Patientinnen, die schwanger werden können oder im gebärfähigen Alter sind, sollten speziell beraten werden. Die Notwendigkeit einer antiepileptischen Behandlung muss neu bewertet werden, wenn eine Patientin eine Schwangerschaft plant.

Das Risiko für kongenitale Anomalien ist bei Kindern von Müttern, die mit einem Antiepileptikum behandelt werden, um das Zwei- bis Dreifache erhöht (häufiger berichtete Missbildungen sind Lippenspalte, kardiovaskuläre Missbildungen und Missbildungen des Neuralrohrs). Eine Polytherapie mit Antiepileptika kann mit einem höheren Risiko für kongenitale Anomalien verbunden sein als eine Monotherapie. Wenn eine Patientin schwanger wird, sollte die Behandlung überprüft werden. Das plötzliche Absetzen einer antiepileptischen Behandlung kann zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands der Mutter und somit zu einer Schädigung des Fetus führen.

Über ein mögliches Auftreten von Gesichtsfeldeinschränkungen bei Kindern nach einer Vigabatrin-Exposition in utero liegen keine Informationen vor.

Stillzeit

Vigabatrin tritt in die Muttermilch über, weshalb empfohlen wird, während der Behandlung mit Vigabatrin nicht zu stillen.

Verkehrstüchtigkeit

Generell gilt, dass Patienten mit unkontrollierter Epilepsie nicht Auto fahren und keine Maschinen bedienen dürfen, die potenziell gefährdend sind.

Außerdem können unter Vigabatrin-Behandlung Nebenwirkungen wie Gesichtsfeldeinschränkungen auftreten (siehe Anwendungshinweise und Nebenwirkungen), die die Fähigkeit zum Autofahren und Bedienen von Maschinen herabsetzen können.

Weitere Informationen können der jeweiligen Fachinformation entnommen werden.

Anwendungshinweise

Gesichtsfeldeinschränkungen

Allgemein:

  • Gesichtsfeldeinschränkungen wurden mit hoher Prävalenz (etwa ein Drittel der Patienten) unter Behandlung mit Vigabatrin berichtet.
  • Die Gesichtsfeldeinschränkungen traten meistens erst nach mehreren Monaten oder Jahren nach Beginn einer Vigabatrin-Behandlung auf.
  • Die Gesichtsfeldeinschränkungen können ein beträchtliches Ausmaß annehmen und für den Patienten spürbare Auswirkungen haben.
  • Die meisten der Patienten mit perimetrisch bestätigten Störungen zeigten keine klinischen Symptome, weshalb diese Nebenwirkung nur durch systematische perimetrische Untersuchungen zuverlässig erkannt werden kann, die jedoch normalerweise erst bei Patienten ab einem Entwicklungsalter über neun Jahre durchgeführt werden können.
  • Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass die Gesichtsfeldeinschränkungen auch nach dem Absetzen von Vigabatrin irreversibel sind.
  • Eine Verschlechterung der Gesichtsfeldeinschränkungen nach dem Absetzen der Behandlung kann nicht ausgeschlossen werden.
  • Aus diesem Grund sollte Vigabatrin nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung im Vergleich zu alternativen Therapien eingesetzt werden.
  • Vigabatrin wird nicht zur Anwendung bei Patienten mit bereits bestehenden klinisch signifikanten Gesichtsfeldeinschränkungen empfohlen.
  • Zu Beginn der Behandlung und danach in regelmäßigen Abständen müssen die Patienten zur Erkennung von Gesichtsfeldeinschränkungen einer systematischen Untersuchung unterzogen werden.
  • Gesichtsfelduntersuchungen müssen über die gesamte Behandlungsdauer hinweg alle sechs Monate durchgeführt werden.
  • Basierend auf den verfügbaren Daten kommt es meist zu einer konzentrischen Einengung des Gesichtsfeldes beider Augen, die gewöhnlich nasal stärker ausgeprägt ist als temporal.
  • Im zentralen Gesichtsfeld (innerhalb 30° exzentrisch) wird häufig ein ringförmiger nasaler Defekt beobachtet.
  • Die zentrale Sehschärfe wird nicht beeinträchtigt.
  • Die Gesichtsfeldeinschränkungen bei mit Vigabatrin behandelten Patienten reichten von gering bis schwerwiegend.
  • Schwere Fälle von Gesichtsfelddefekten sind potenziell behindernd.
  • Gepoolte Daten aus Prävalenzstudien deuten darauf hin, dass bei 1/3 der mit Vigabatrin behandelten Patienten Gesichtsfeldeinschränkungen auftreten (für Männer kann dieses Risiko höher sein als für Frauen).
  • In einer Studie ist ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Risiko einer Gesichtsfeldeinschränkung und dem Grad der Vigabatrin-Exposition gezeigt worden, jeweils in Bezug auf die Tagesdosis (von 1 g bis zu mehr als 3 g) und in Bezug auf die Therapiedauer (maximal in den ersten 3 Jahren).
  • Alle Patienten müssen vor Beginn der Behandlung mit Vigabatrin einer augenärztlichen Untersuchung unterzogen werden.
  • Vor Behandlungsbeginn und danach über die gesamte Behandlungsdauer hinweg in sechsmonatigen Abständen müssen geeignete Gesichtsfelduntersuchungen (Perimetrie) unter Verwendung standardisierter statischer Perimetrie (Humphrey oder Octopus) oder kinetischer Perimetrie (Goldmann) durchgeführt werden (die statische Perimetrie ist die bevorzugte Methode zur Erkennung Vigabatrin-assoziierter Gesichtsfeldeinschränkungen.
  • Eine Elektroretinografie kann nützlich sein, sollte jedoch nur bei Erwachsenen eingesetzt werden, die nicht in der Lage sind, bei der Perimetrie zu kooperieren.
  • Basierend auf den verfügbaren Daten scheinen bei Vigabatrin-assoziierten Gesichtsfeldeinschränkungen das erste oszillatorische Potenzial und die 30-Hz-Flicker-Antwort des Elektroretinogramms gegenüber normalen Werten zeitlich verzögert und mit geringerer Amplitude aufzutreten (derartige Veränderungen wurden bei mit Vigabatrin behandelten Patienten ohne Gesichtsfeldeinschränkungen nicht beobachtet).
  • Zu Beginn und während der Vigabatrin-Behandlung muss der Patient und/oder die Pflegeperson ausführlich über Häufigkeit und Auswirkungen der Gesichtsfeldeinschränkungen aufgeklärt werden.
  • Die Patienten müssen ausdrücklich darauf hingewiesen werden, jegliche neuen visuellen Probleme und Symptome, die mit Gesichtsfeldeinschränkungen in Verbindung stehen könnten, zu melden.
  • Falls sich Hinweise auf Gesichtsfeldeinschränkungen ergeben, muss der Patient an einen Ophthalmologen überwiesen werden.
  • Wird in den Kontrolluntersuchungen eine Gesichtsfeldeinschränkung beobachtet, sollte ein stufenweises Absetzen von Vigabatrin in Betracht gezogen werden.
  • Entscheidet man sich zur Weiterführung der Behandlung, sollten perimetrische Kontrolluntersuchungen in kürzeren Abständen durchgeführt werden, um ein Fortschreiten der Erkrankung oder die das Sehvermögen schwächenden Defekte zu erkennen.
  • Vigabatrin sollte nicht gleichzeitig mit anderen retinotoxischen Arzneimitteln angewendet werden.

Kinder:

  • Eine Perimetrie ist bei Kindern mit einem Entwicklungsalter unter neun Jahren nur in seltenen Fällen möglich.
  • Die Risiken der Behandlung müssen bei Kindern sehr sorgfältig gegen einen eventuellen Nutzen abgewogen werden.
  • Derzeit gibt es keine validierte Methode zur Diagnose oder zum Ausschluss von Gesichtsfeldeinschränkungen bei Kindern, bei denen keine standardisierte Perimetrie durchgeführt werden kann.
  • Eine speziell entwickelte Methode, die auf der Messung von visuell evozierten Potenzialen (VEP) basiert und mit welcher das periphere Sehvermögen bei Kindern im Alter ab drei Jahren getestet werden kann, ist auf Anfrage bei der Firma erhältlich (derzeit ist diese Methode nicht zur Erkennung von Vigabatrin-assoziierten Gesichtsfeldeinschränkungen validiert).
  • Zeigten die mit der Methode erzielten Ergebnisse bei einem normalen zentralen jedoch ein eingeschränktes peripheres Gesichtsfeld, muss das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Vigabatrin überprüft und ein stufenweises Absetzen in Betracht gezogen werden.
  • Auch ein intaktes peripheres Sehvermögen schließt die Entwicklung von Gesichtsfeldeinschränkungen nicht aus.
  • Eine Elektroretinografie kann nützlich sein, sollte jedoch nur bei Kindern unter drei Jahren durchgeführt werden.

Neurologische und psychiatrische Symptome

  • Aufgrund der Ergebnisse tierexperimenteller Untersuchungen zur Sicherheit wird empfohlen, dass mit Vigabatrin behandelte Patienten hinsichtlich unerwünschter Wirkungen auf das ZNS streng überwacht werden sollten.
  • In seltenen Fällen wurden enzephalopathische Symptome wie starke Sedierung, Stupor und Verwirrtheit in Verbindung mit unspezifischer Verlangsamung im EEG kurz nach Therapiebeginn mit Vigabatrin beschrieben (Risikofaktoren dafür sind höhere Anfangsdosierungen bzw. rascherer Dosisanstieg als empfohlen und Niereninsuffizienz).
  • Diese Ereignisse waren nach Reduzierung der Dosis oder Absetzen von Vigabatrin reversibel.
  • Fälle von anormalen MRT-Befunden des Gehirns wurden berichtet, insbesondere bei Kleinkindern, die aufgrund von infantilen Spasmen mit hohen Vigabatrin-Dosen behandelt wurden (die klinische Signifikanz dieser Befunde ist derzeit nicht bekannt).
  • Bewegungsstörungen inklusive Dystonie, Dyskinesie und erhöhter Muskeltonus wurden bei Patienten berichtet, die aufgrund von infantilen Spasmen behandelt wurden.
  • Das Nutzen-Risiko-Verhältnis von Vigabatrin sollte für jeden Patienten individuell bewertet werden.
  • Wenn während der Behandlung mit Vigabatrin neue Bewegungsstörungen auftreten, sollte eine Dosisreduktion oder ein schrittweises Absetzen der Behandlung in Erwägung gezogen werden.
  • Wie bei anderen Antiepileptika kann bei einigen Patienten die Anfallshäufigkeit erhöht sein oder es können unter Vigabatrin neue Anfallstypen auftreten (diese Phänomene können ebenfalls die Folge einer Überdosierung, einer Herabsetzung der Plasmakonzentrationen gleichzeitig verabreichter anderer antiepileptischer Arzneimittel oder ein paradoxer Effekt sein).
  • Wie bei anderen Antiepileptika kann ein plötzliches Absetzen einen Rebound-Effekt hervorrufen.
  • Muss bei einem Patienten die Vigabatrin-Behandlung abgesetzt werden, wird eine stufenweise Dosisreduzierung über einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen empfohlen.
  • Vigabatrin sollte bei Patienten mit Psychosen, Depressionen oder Verhaltensstörungen in der Anamnese mit Vorsicht angewendet werden.
  • Psychiatrische Störungen (z.B. Agitation, Depression, anormales Denken, paranoide Reaktionen) wurden während der Behandlung mit Vigabatrin beschrieben (diese Ereignisse traten sowohl bei Patienten mit als auch bei solchen ohne frühere psychiatrische Störungen auf und waren üblicherweise nach Reduzierung der Dosis oder stufenweisem Absetzen von Vigabatrin reversibel).

Suizidgedanken und -verhalten

  • Über suizidale Gedanken und suizidales Verhalten wurde bei Patienten, die mit Antiepileptika in verschiedenen Indikationen behandelt wurden, berichtet.
  • Eine Metaanalyse randomisierter placebokontrollierter Studien mit Antiepileptika zeigte ein leicht erhöhtes Risiko für das Auftreten von Suizidgedanken und suizidalem Verhalten.
  • Der Mechanismus für die Auslösung dieser Nebenwirkung ist nicht bekannt und die verfügbaren Daten schließen die Möglichkeit eines erhöhten Risikos bei der Einnahme von Vigabatrin nicht aus, weshalb Patienten hinsichtlich Anzeichen von Depression und/oder Suizidgedanken und suizidalen Verhaltensweisen überwacht und eine geeignete Behandlung in Erwägung gezogen werden sollten.
  • Patienten (und deren Betreuern) sollte geraten werden, ärztlichen Rat einzuholen, wenn Anzeichen von Depression und/oder Suizidgedanken oder suizidales Verhalten auftreten.

Alternativen

Die medikamentösen Therapiealternativen richten sich nach dem Indikationsgebiet bzw. der Anfallsform und sind darüber hinaus abhängig von patientenindividuellen Faktoren wie dem Alter der Patienten, Komorbiditäten oder dem Schweregrad der Erkrankung. Die Pharmakotherapie von Epilepsien bzw. epileptischen Anfällen bietet ein breites Spektrum an alternativen antikonvulsiven Wirkstoffen:

Alternativen zur Therapie der Blitz-Nick-Salaam (BNS) Epilepsie (West-Syndrom) umfassen:

  • Adrenocorticotropes Hormon (ACTH)
  • Glucocorticoide
  • Sonstige Wirkstoffe: Studien und Fallserien zu Sultiam, Benzodiazepinen, Immungobulinen, Levetiracetam, Topiramat, Felbamat, Valproat, Pyridoxin, Pyridoxalphosphat und Zonisamid zeigen keine ausreichende Evidenz oder eine zu geringe bzw. verzögerte Wirksamkeit, um eine Therapieempfehlung der engeren Wahl auszusprechen (eine Wirksamkeit ist im Einzelfall möglich bzw. nicht ausgeschlossen, weshalb ein Therapieversuch bei Therapieresistenz in Betracht gezogen werden kann)
  • Klassische ketogene Diät (kKD)
  • Epilepsiechirurgie und Vagusnervstimulation

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
129.16 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 7.0 H
Q0-Wert:
0.18
Autor:
Stand:
25.04.2023
Quelle:
  1. EMA: Kigabeq
  2. BfArM: Sabril
  3. Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
  4. Mutschler et al., Mutschler Arzneimittelwirkungen, 2019, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart
  5. AWMF: Leitlinie Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter (2017)
  6. AWMF: Kurzfassung S3-Leitlinie Therapie der Blitz-Nick-Salaam Epilepsie (West-Syndrom, Stand 2021)
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