Primidon
Primidon ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Antiepileptika (Antikonvulsiva), der zur Behandlung verschiedener Anfallsformen bei Epilepsie eingesetzt wird.
Primidon: Übersicht

Anwendung
Der antikonvulsive Wirkstoff Primidon ist indiziert bei:
- Epileptischen Anfällen, insbesondere Grand-mal-Anfällen, fokalen Anfällen (Jackson-Anfälle, Adversivkrämpfe, psychomotorische Anfälle u.a.) sowie myoklonischen Anfällen des Jugendalters (Impulsiv-Petit-mal)
- Absencen und anderen kindlichen Petit-mal-Epilepsien bei entsprechenden EEG-Anzeichen als Grand-mal-Prophylaxe
Anwendungsart
Primidon ist als Suspension zum Einnehmen (25 mg/mL) und Tablette (250 mg) erhältlich.
Die Tabletten besitzen eine Bruchkerbe und sind halbier- und viertelbar. Sie sind während oder nach dem Essen unzerkaut mit etwas Flüssigkeit (ca. ½ Glas Wasser) einzunehmen. Die Patienten sollten außerdem angewiesen werden, die Tabletten nicht im Liegen einzunehmen.
Die Suspension zum Einnehmen kann auch während der Mahlzeiten eingenommen werden (z.B. Einrühren in den Milchbrei).
CAVE: Vor Gebrauch schütteln!
Die antiepileptische Therapie ist grundsätzlich eine Langzeittherapie. Die Einstellung, die Behandlungsdauer und das Absetzen von Primidon richtet sich nach dem Krankheitsbild und ist im Einzelfall vom Facharzt (Neurologe, Neuropädiater) zu entscheiden.
Im Allgemeinen ist eine Dosisreduktion und ein Absetzen der Medikation frühestens nach zwei- bis dreijähriger Anfallsfreiheit zu erwägen.
Das Absetzen muss in schrittweiser Dosisreduktion über ein bis zwei Jahre erfolgen. Kinder können der Dosis pro kg Körpergewicht entwachsen anstelle altersgemäßer Dosisanpassung, wobei sich der EEG-Befund nicht verschlechtern sollte.
Wirkmechanismus
Primidon ist ein Desoxybarbiturat und vermittelt wie seine Metaboliten Phenobarbital und Phenylethylmalonamid (PEMA) antikonvulsive Wirkungen.
Der detaillierte Wirkmechanismus, auf dem die antikonvulsiven Eigenschaften von Primidon beruhen, ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird unter anderem eine Hyperpolarisation der Membranen angenommen. Im Gegensatz zum aktiven Metaboliten Phenobarbital hat Primidon keinen Einfluss auf die postsynaptische Wirkung von GABA. Auch die Konzentration und der Stoffwechsel von GABA scheinen von Primidon nicht beeinflusst zu werden.
Primäres Ziel einer antikonvulsiven Therapie ist die Reduktion bzw. Unterdrückung epileptischer Anfälle. Demnach muss entweder das hochfrequente synchronisierte „Feuern“ von Nervenzellen oder die Erregungsweiterleitung unterbunden werden. Für Depolarisationen sowie deren Frequenz sind vor allem spannungsaktivierte Ionenkanäle verantwortlich.
Die Erregungsausbreitung wird durch inhibitorische GABAerge Nervenzellen eingedämmt.
Pharmakokinetik
Resorption
- Nach oraler Gabe wird Primidon rasch resorbiert.
- Maximale Plasmakonzentrationen werden nach oraler Gabe von Primidon nach 3 Stunden (Bereich 0,5-9 Stunden), von PEMA nach 7-8 Stunden und von Phenobarbital erst nach 2-4 Tagen bei fortgesetzter Behandlung erreicht.
Verteilung
- Die Proteinbindung von Primidon und PEMA ist geringfügig, die von Phenobarbital beträgt etwa 50%.
- Ihr Verteilungsvolumen beträgt 0,54 L/kg.
- Die Konzentration im Liquor entspricht der im Plasma gemessenen Konzentration.
- Primidon geht in die Muttermilch über (die Konzentration liegt im Mittel bei 75% der mütterlichen Plasmakonzentration).
Metabolismus
- Primidon wird in der Leber überwiegend oxidativ zu PEMA und Phenobarbital metabolisiert.
- Daneben findet man auch noch in geringen Mengen p-Hydroxyprimidon, p-Hydroxyphenobarbital und Konjugate sowie α-Phenyl-γ-butyrolacton und α-Phenylbutyramid als Metaboliten im Urin.
- Bei Monotherapie mit Primidon beträgt der durchschnittlich im Urin gefundene Anteil an PEMA 6,6% und an Phenobarbital 2,1%.
- Die durchschnittliche Plasmahalbwertszeit für Primidon bei Monotherapie beträgt 15,2 Stunden (Bereich 8,9-22,4 Stunden) nach oraler Gabe einer 250-mg-Tablette (19 erwachsene Probanden).
- Bei Kombinationstherapie mit anderen Antiepileptika ist die Plasmahalbwertszeit von Primidon auf durchschnittlich 8,3 Stunden verkürzt.
Elimination
- Primidon wird hauptsächlich renal eliminiert.
- Nach 5 Tagen beträgt die Wiederfindungsrate im Urin 75,5% der applizierten Dosis, wobei der größte Teil als unverändertes Primidon (64 %) ausgeschieden wird.
- Nach einer Langzeittherapie von 12 epileptischen Kindern wurden sogar durchschnittlich 92% der täglich oral eingenommenen Dosis
- (10-25,5 mg/kg) im Urin wiedergefunden, wobei 42,3% unverändertes Primidon, 45,2% PEMA und 4,9% Phenobarbital gemessen wurden.
Dosierung
Allgemein
- Die Therapie wird einschleichend bis zur optimal wirksamen Dosis aufgebaut.
- Tagesdosis: Es empfiehlt sich, mit Tagesdosen von 60-125 mg zu beginnen und individuell die Dosis um im Mittel 125 mg zu erhöhen (empfohlener Dosierungsplan tabellarisch in der Fachinformation zusammengefasst).
- Erhaltungsdosis: Die Gabe der durchschnittlichen Erhaltungsdosis erfolgt üblicherweise in 2-3 Einzeldosen und beträgt bei Kindern 20 mg/kg Körpergewicht/Tag, bei Erwachsenen 15 mg/kg Körpergewicht/Tag (das entspricht einer Tagesgesamtdosis von 250-500 mg für Kinder bis zu 2 Jahren, 500-750 mg für Kinder von 2-5 Jahren, 750-1000 mg für Kinder von 6-9 Jahren bzw. 750-1500 mg für Kinder ab 9 Jahre sowie Erwachsene).
- Bei einigen Patienten kann es ratsam sein, dann eine höhere Dosis zu geben, wenn die Anfallshäufigkeit am größten ist (z.B. sollte bei vorwiegend nächtlichen Anfällen die höhere oder sogar die gesamte Dosis abends eingenommen werden).
- Auch bei Anfällen, die mit bestimmten Ereignissen einhergehen (z.B. mit der Regelblutung), kann es ratsam sein, die Dosis zu der entsprechenden Zeit zu erhöhen.
Dosisanpassung
- Wenn die Behandlung mit einem anderen Antikonvulsivum alleine nicht ausreicht oder ein anderes Arzneimittel durch Primidon ersetzt werden soll, erhalten die Patienten in den ersten 3 Tagen abends ½ bis 1 Tablette (125-250 mg Primidon) zu der bereits bestehenden Behandlung.
- In Abständen von 3 Tagen kann um die gleiche Menge gesteigert werden, bis etwa die Hälfte der als notwendig angesehenen Gesamtdosis erreicht ist (dann kann innerhalb von 2 Wochen das bisherige Medikament schrittweise abgesetzt und die Steigerung der Dosis fortgesetzt werden).
- Wird das zuvor verwendete Arzneimittel zu schnell abgesetzt, kann eine Reihe epileptischer Anfälle (Status epilepticus) ausgelöst werden.
- Wenn die vorherige Behandlung mit einem Barbiturat erfolgte, sollte jedoch das Absetzen des Barbiturates und der Ersatz durch Primidon rascher erfolgen, weil Primidon zu einem Barbiturat abgebaut wird und dadurch die Festlegung der bestwirksamen Dosis erschwert werden kann.
- Bei schlechtem Allgemeinzustand, eingeschränkter Leber- oder Atemfunktion und bei älteren Patienten kann die Reduzierung der Dosis erforderlich sein.
- Bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion ist die Dosis unter Kontrolle der Plasmakonzentration entsprechend dem Serumkreatinin-Spiegel zu verringern, sodass bei Werten über 8,0 mg/dL nicht mehr als 1 Tablette (entsprechend 250 mg Primidon) gegeben werden sollte.
- Die Einstellung und Überwachung der Therapie sollte unter Kontrolle der Plasmakonzentration erfolgen (der generell akzeptierte therapeutische Bereich liegt für Primidon zwischen 3 und 12 mg/L, für Phenobarbital zwischen 10 und 30 mg/L, für PEMA wird kein therapeutischer Bereich angegeben).
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen des Blutbildes und der Leberenzymaktivitäten sind insbesondere in der Anfangsphase und bei Langzeittherapie angezeigt.
Nebenwirkungen
Häufige Nebenwirkungen von Primidon umfassen:
- Müdigkeit und Gleichgewichtsstörungen (in 20% der behandelten Fälle, gewöhnlich bei Plasmakonzentrationen von über 8 mg Primidon/L)
- Megaloblastischen Anämie (bei Gabe von Folsäure oder Vitamin B12 reversibel)
- Veränderungen im Schilddrüsenhormonsystem (wahrscheinlich aufgrund eines beschleunigten Metabolismus) mit einer Erniedrigung der gesamten und der freien Thyroxinkonzentration (T4 und FT4 ) beobachtet (die Schilddrüsenfunktion selbst bleibt unverändert)
- Veränderungen im Calcium- und Vitamin D-Stoffwechsel wie Hypokalzämien
- Erhöhung der alkalischen Phosphatase (AP) und γ-Glutamyltransferase (γ-GT)
- Teilnahmslosigkeit (zu Beginn der Behandlung)
- Reizbarkeit und Verstimmung (vor allem bei Kindern)
- Schwindel, Somnolenz und Ataxie (zu Beginn der Behandlung, meist bei zu hoher Anfangsdosis)
- Akkommodationsstörungen der Augen (meist gering ausgeprägt, bilden sich bei fortgesetzter Behandlung innerhalb weniger Tage vollständig zurück und können bei einschleichender Dosierung vermieden werden)
- Übelkeit und Erbrechen (zu Beginn der Behandlung)
- Makulopapulöses Exanthem (fast ausnahmslos ohne allergische Allgemeinerscheinungen)
Die Einnahme von Primidon über einen längeren Zeitraum kann zur Gewöhnung oder Abhängigkeit führen. Demnach können bei abrupter Beendigung der Behandlung Entzugserscheinungen auftreten.
Wechselwirkungen
Primidon und sein Metabolit Phenobarbital sind potente Induktoren hepatischer Enzyme. Folglich kann es zu einem beschleunigten Metabolismus verschiedener endogener oder exogen zugeführter Substanzen kommen. Darüber hinaus sind aber auch Hemmwirkungen von Primidon auf den Metabolismus verschiedener Wirkstoffe sowie eine Beeinflussung des Primidon-Metabolismus durch andere Arzneimittel bekannt.
Wechselwirkungen mit anderen Antikonvulsiva
- Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital: Durch Enzyminduktion kann Primidon den Abbau dieser Wirkstoffe beschleunigen und dadurch deren Konzentration erniedrigen. In Einzelfällen wird aber auch eine Hemmung des Metabolismus dieser Wirkstoffe beschrieben. Durch Beschleunigung des Primidon-Metabolismus durch diese Wirkstoffe kann es zu einer Erhöhung der Phenobarbital-Konzentration kommen.
- Lamotrigin: Wird Primidon zusätzlich während einer Therapie mit Lamotrigin eingenommen, kann die Wirkung von Lamotrigin abgeschwächt werden (eventuell Dosisanpassung erforderlich).
- Tiagabin: Pharmakokinetische Untersuchungen haben gezeigt, dass Tiagabin bei gleichzeitiger Einnahme von Primidon bis zu 60% schneller verstoffwechselt wird.
- Valproinsäure: Durch Erhöhung des Phenobarbital-Plasmaspiegels kann starke Müdigkeit bis hin zum Koma auftreten. Gegebenenfalls muss die Primidon-Dosis reduziert werden. Bei chronischer Applikation von Primidon kann der Metabolismus der Valproinsäure stimuliert und die Konzentration dieses Antikonvulsivums erniedrigt werden. In Einzelfällen werden aber auch Hemmungen des Abbaus beschrieben.
- Clonazepam, Diazepam: Bei chronischer Applikation von Primidon kann der Metabolismus dieser Wirkstoffe stimuliert und die Konzentration erniedrigt werden. In Einzelfällen werden aber auch Hemmungen des Abbaus beschrieben.
Psychopharmaka, Hypnotika, Alkohol
- Die zentraldämpfende Wirkung von Psychopharmaka, Schlafmitteln und Alkohol kann durch Primidon verstärkt werden.
- Andererseits kann die Wirkung einiger Psychopharmaka durch beschleunigte Metabolisierung vermindert werden.
Antikoagulanzien und Digitoxin
- Die Wirkung von Wirkstoffen zur Blutgerinnungshemmung oder Herzglykosiden kann unter Primidon vermindert werden.
- Deshalb ist eine Änderung der Primidon-Dosis (vor allem eine Reduktion) mit Vorsicht und ggf. eine entsprechende Dosisänderung der Komedikation vorzunehmen.
Steroidhormone, hormonelle Kontrazeptiva
- Steroidhormone können beschleunigt eliminiert werden.
- Die Zuverlässigkeit der antikonzeptiven Wirkung von Ovulationshemmern kann eingeschränkt werden.
- Vor allem beim Auftreten von Zwischenblutungen wird empfohlen, einen zusätzlichen Schutz zur Empfängnisverhütung zu verwenden (ggf. auch Kontrazeptiva mit höherem Hormongehalt zu wählen).
Weitere Wechselwirkungen
- Griseofulvin, Doxycyclin, Chloramphenicol, Zytostatika, Paracetamol, Cyclosporin, Disopyramid, Mexiletin, Levothyroxin, Metronidazol, Xanthine (Theophyllin, Aminophyllin): Die Wirkung dieser Wirkstoffe kann durch beschleunigte Metabolisierung vermindert werden. Bei der Kombinationsbehandlung mit Primidon und Paracetamol besteht darüber hinaus ein erhöhtes Risiko hepatotoxischer Reaktionen.
- Isoniazid: Isoniazid kann über eine Hemmung des Primidon-Metabolismus zu erhöhten Primidonspiegeln führen (klinische Symptome einer Primidon-Intoxikation können auftreten).
- Methylphenidat, Chloramphenicol: Diese Wirkstoffe können durch eine Erhöhung des Phenobarbital-Plasmaspiegels zu Symptomen einer Phenobarbital-Intoxikation führen.
- Carboanhydrasehemmer (z.B. Acetazolamid): Carboanhydrasehemmer können eine durch Primidon induzierte Osteopenie verstärken.
- MAO-Hemmer: MAO-Hemmer können durch eine Hemmung des Barbituratmetabolismus zu einer Verstärkung der Primidonwirkung führen (folglich kann sich das epileptische Anfallsmuster ändern und eine Dosisanpassung von Primidon erforderlich werden).
- Phenylbutazon: Phenylbutazon kann durch eine Steigerung des Primidonmetabolismus zu einer Abnahme der Primidonwirkung führen.
- Vitamin D: Die Wirkung von Vitamin D kann auf Grund eines beschleunigten Metabolismus bei gleichzeitiger Einnahme von Primidon vermindert werden. Obwohl eine Rachitis selten ist, kann eine Vitamin D-Gabe zur Prophylaxe einer Osteomalazie bei einer Langzeitbehandlung mit Primidon notwendig werden.
- Folsäure, Calciumfolinat: Während einer antikonvulsiven Therapie kann der Folsäurebedarf erhöht sein. Hohe Dosen an Folsäure können die Wirkung von Primidon abschwächen und damit (vor allem bei Kindern) zu einer Zunahme der Anfallshäufigkeit führen.
- Rifampicin: Die Wirkung von Primidon wird durch die gleichzeitige Gabe von Rifampicin abgeschwächt (eine Dosiserhöhung von Primidon kann erforderlich werden).
Kontraindikation
Primidon darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder sonstige Bestandteile des Arzneimittels
- Akuter Vergiftung mit zentral dämpfend wirksamen Pharmaka (wie z.B. Schlafmittel, Analgetika, Psychopharmaka) sowie Alkohol
- Akuter hepatischer Porphyrie
- Schweren Leber- und Nierenfunktionsstörungen
- Schweren Myokardschäden
Schwangerschaft
Risiko im Zusammenhang mit Antiepileptika im Allgemeinen
- Alle Frauen im gebärfähigen Alter, die Antiepileptika einnehmen, und insbesondere Frauen, die eine Schwangerschaft planen und schwanger sind, sollten von einem Facharzt über mögliche Risiken für den Fetus beraten werden, die sowohl durch Krampfanfälle als auch durch eine antiepileptische Behandlung verursacht werden.
- Es ist bekannt, dass bei Kindern von Müttern, die während der Schwangerschaft ein Antiepileptikum eingenommen haben, das Risiko für angeborene Fehlbildungen im Vergleich zu Kindern, die von nicht an Epilepsie erkrankten Frauen geboren wurden, um den Faktor 2-3 erhöht ist.
- Die am häufigsten beobachteten Missbildungen sind Lippenspalten, kardiovaskuläre Missbildungen sowie Neuralrohrdefekte.
- Da die gleichzeitige Behandlung mit mehreren Antiepileptika (Polytherapie) während der Schwangerschaft in Abhängigkeit von den angewendeten Wirkstoffen zu einer weiteren Erhöhung des Risikos für angeborene Fehlbildungen führen kann, sollten Antiepileptika bei Frauen im gebärfähigen Alter und besonders während der Schwangerschaft möglichst als Monotherapie angewendet werden.
- In keinem Fall sollte die Behandlung mit einem Antiepileptikum ohne ärztlichen Rat plötzlich abgebrochen werden, weil unkontrollierte Anfälle sowohl für die Mutter als auch für das ungeborene Kind schwerwiegende Konsequenzen haben können.
Risiken im Zusammenhang mit Primidon
- Über eine Monotherapie mit Primidon in der Schwangerschaft liegen bisher nur wenige dokumentierte Erfahrungen vor.
- Gaumenspalten, Gesichtsdysmorphien, kardiovaskuläre Defekte, hypoplastische Fingernägel sowie Wachstumsretardierung sind bei intrauterin exponierten Kindern beschrieben worden.
- Frauen im gebärfähigen Alter oder mit Kinderwunsch sind daher über das teratogene Risiko einer Behandlung mit Primidon zu informieren und auf die Notwendigkeit von Planung und Überwachung einer eventuellen Schwangerschaft hinzuweisen.
- Die Möglichkeit vorgeburtlicher Untersuchungen sollte Schwangeren unbedingt angeboten werden.
- Wenn möglich, sollte Primidon als Monotherapie verordnet werden.
- Während der gesamten Schwangerschaft, insbesondere zwischen dem 20. und 40. Schwangerschaftstag, sollte die niedrigste anfallskontrollierende Dosis verordnet werden.
- Da die Inzidenz von Fehlbildungen möglicherweise von der Höhe des maternalen Plasmaspiegels abhängig ist, sollte die Tagesdosis, insbesondere während der sensiblen Phase, in mehreren kleinen Dosen über den Tag verteilt gegeben werden.
- Die Plasmakonzentration von Primidon und des Metaboliten Phenobarbital fällt oft im ersten Monat der Schwangerschaft ab und steigt im Puerperium wieder auf Werte wie vor der Schwangerschaft an (eine regelmäßige Kontrolle der Plasmaspiegel ist daher ratsam).
- Da Primidon die Plazenta passiert, muss mit postpartalen Entzugserscheinungen beim Neugeborenen gerechnet werden.
- Unter einer Therapie mit Primidon kann ein Folsäuremangel eintreten, der auch an den möglichen Fehlbildungen beteiligt sein kann (deshalb sollte Folsäure vor und während der Schwangerschaft supplementiert werden).
- Zur Vermeidung Vitamin K1-abhängiger Blutgerinnungsstörungen wird im letzten Schwangerschaftsmonat eine orale Vitamin K1-Prophylaxe empfohlen.
- Neugeborenen ist zusätzlich zu den bei den Vorsorgeuntersuchungen üblichen Dosen in den ersten beiden Lebenswochen oral alle 3 Tage 1 mg Vitamin K1 zu verabreichen.
Stillzeit
Primidon geht in die Muttermilch über. Bei der höheren Sensibilität des kindlichen Organismus kann die mit der Muttermilch aufgenommene Menge Primidon zu Somnolenz beim Säugling führen. Chronische Medikation der Mutter kann zu Abhängigkeit des Neugeborenen führen. Im Fall eines plötzlichen Abstillens bedarf der Säugling einer besonderen Überwachung. Es können Entzugssymptome auftreten.
Verkehrstüchtigkeit
Generell gilt, dass Patienten mit unkontrollierter Epilepsie nicht Auto fahren und keine Maschinen bedienen dürfen, die potenziell gefährdend sind.
Während der Einstellungsphase, bei höherer Dosierung oder Kombination mit am Zentralnervensystem angreifenden Pharmaka kann das Reaktionsvermögen soweit verändert sein, dass die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme am Straßenverkehr oder zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigt wird (dies gilt in verstärktem Maße im Zusammenwirken mit Alkohol). Daher sollten das Führen von Fahrzeugen, die Bedienung von Maschinen oder sonstige gefahrvolle Tätigkeiten ganz oder zumindest während der ersten Tage der Behandlung unterbleiben. Die Entscheidung trifft in jedem Einzelfall der behandelnde Arzt unter Berücksichtigung der patientenindividuellen Reaktion und der jeweiligen Dosierung.
Weitere Informationen können der jeweiligen Fachinformation entnommen werden.
Anwendungshinweise
Allgemein
- Bei schlechtem Allgemeinzustand, eingeschränkter Leber- oder Atemfunktion sollte Primidon mit Vorsicht angewendet werden.
- Bei eingeschränkter Nierenfunktion sollte eine Dosisreduktion in Abhängigkeit von der glomerulären Filtrationsrate bzw. dem entsprechenden Plasmakreatininwert unter Plasmaspiegelkontrolle erfolgen.
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen des Blutbildes und der Leberenzymwerte sind in der Anfangsphase und in der Langzeittherapie angezeigt.
- Zusätzliche Kontrollen werden empfohlen, wenn klinische Auffälligkeiten auftreten.
- Primidon hat eine stark zentralnervös dämpfende Wirkung und wird teilweise zu Phenobarbital verstoffwechselt.
- Die Einnahme von Primidon über einen längeren Zeitraum kann zur Gewöhnung oder Abhängigkeit führen (bei abrupter Beendigung der Behandlung kann es zu Entzugserscheinungen kommen).
Frauen im gebärfähigen Alter
- Eine pränatale Exposition gegenüber Primidon kann das Risiko für kongenitale Fehlbildungen um das 2- bis 3-fache erhöhen, weshalb Primidon nicht von Frauen im gebärfähigen Alter eingenommen werden sollte (es sei denn, der potenzielle Nutzen überwiegt nach Abwägung anderer geeigneter Behandlungsmöglichkeiten die Risiken).
- Frauen im gebärfähigen Alter sollten umfassend über das mögliche Risiko für den Fetus informiert werden, wenn sie Primidon während der Schwangerschaft einnehmen.
- Ein Test zum Ausschluss einer Schwangerschaft sollte vor Beginn der Behandlung mit Primidon bei Frauen im gebärfähigen Alter in Betracht gezogen werden.
- Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Behandlung und für 2 Monate nach der letzten Dosis eine hochwirksame Verhütungsmethode anwenden.
- Aufgrund der Enzyminduktion kann Primidon zu einem Versagen der therapeutischen Wirkung von oralen Kontrazeptiva führen, die Östrogen und/oder Progesteron enthalten.
- Frauen im gebärfähigen Alter sollte geraten werden, andere Verhütungsmethoden anzuwenden.
- Frauen, die eine Schwangerschaft planen, sollten darauf hingewiesen werden, sich im Vorfeld mit ihrem Arzt abzustimmen, damit eine angemessene Beratung erfolgen kann und geeignete andere Behandlungsoptionen vor der Empfängnis und vor dem Absetzen der Kontrazeption besprochen werden können.
- Frauen im gebärfähigen Alter sollten darauf hingewiesen werden, sich sofort mit ihrem Arzt in Verbindung zu setzen, wenn sie während der Behandlung mit Primidon schwanger werden oder denken, dass sie schwanger sein könnten.
Suizidgedanken und -verhalten
- Über suizidale Gedanken und suizidales Verhalten wurde bei Patienten, die mit Antiepileptika in verschiedenen Indikationen behandelt wurden, berichtet.
- Eine Metaanalyse randomisierter placebokontrollierter Studien mit Antiepileptika zeigte ein leicht erhöhtes Risiko für das Auftreten von Suizidgedanken und suizidalem Verhalten.
- Der Mechanismus für die Auslösung dieser Nebenwirkung ist nicht bekannt und die verfügbaren Daten schließen die Möglichkeit eines erhöhten Risikos bei der Einnahme von Primidon nicht aus, weshalb Patienten hinsichtlich Anzeichen von Depression und/oder Suizidgedanken und suizidalen Verhaltensweisen überwacht und eine geeignete Behandlung in Erwägung gezogen werden sollten.
- Patienten (und deren Betreuern) sollte geraten werden, ärztlichen Rat einzuholen, wenn Anzeichen von Depression und/oder Suizidgedanken oder suizidales Verhalten auftreten.
Schwere Hautreaktionen
- Fälle von lebensbedrohlichen Hautreaktionen (Stevens-Johnson-Syndrom (SJS), toxische epidermale Nekrolyse (TEN) und Arzneimittelwirkung mit Eosinophilie und systemischen Symptomen (DRESS-Syndrom)) wurden in Zusammenhang mit der Anwendung von Primidon berichtet.
- Die Patienten sollten über die Anzeichen und Symptome dieser schweren Nebenwirkungen informiert und engmaschig bezüglich des Auftretens von Hautreaktionen überwacht werden.
- Das Risiko für das Auftreten von SJS, TEN oder eines DRESS-Syndroms ist in den ersten Behandlungswochen am höchsten.
- Wenn Anzeichen oder Symptome für ein SJS, eine TEN oder ein DRESS-Syndrom auftreten (z.B. ein progredienter Hautausschlag, oft mit Blasenbildung oder begleitenden Schleimhautläsionen), muss die Therapie mit Primidon beendet werden.
- Der Verlauf von SJS, TEN und des DRESS-Syndroms wird maßgeblich von der frühzeitigen Diagnosestellung und dem sofortigen Absetzen aller verdächtigen Arzneimittel bestimmt (d.h. frühzeitiges Absetzen verbessert die Prognose).
- Nach Auftreten eines SJS, einer TEN oder eines DRESS-Syndroms in Zusammenhang mit der Anwendung von Primidon (oder Phenobarbital) darf der Patient nie wieder mit Primidon behandelt werden.
Alternativen
Die medikamentösen Therapiealternativen richten sich nach dem Indikationsgebiet bzw. der Anfallsform und sind darüber hinaus abhängig von patientenindividuellen Faktoren wie dem Alter der Patienten, Komorbiditäten oder dem Schweregrad der Erkrankung. Die Pharmakotherapie von Epilepsien bzw. epileptischen Anfällen bietet ein breites Spektrum an alternativen antikonvulsiven Wirkstoffen:
- Benzodiazepine wie Midazolam, Clobazam und Clonazepam
- Carbamazepin, Oxcarbazepin
- Ethosuximid, Mesuximid
- Felbamat
- Gabapentin, Pregabalin
- Lacosamid
- Levetiracetam, Brivaracetam
- Lamotrigin
- Perampanel
- Phenobarbital
- Phenytoin
- Piracetam
- Rufinamid
- Stiripentol
- Sultiam
- Topiramat
- Valproinsäure
- Vigabatrin
- Zonisamid
Wirkstoff-Informationen
- Fachinformation: Ratiopharm
- Fachinformation: Holsten Pharma
- Freissmuth et al., Pharmakologie und Toxikologie, 2020, Springer
- Mutschler et al., Mutschler Arzneimittelwirkungen, 2019, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart
- AWMF: Leitlinie Erster epileptischer Anfall und Epilepsien im Erwachsenenalter (2017)










