Impflücken: Viele Deutsche sind unzureichend geschützt

Trotz hoher Erstimpfungsraten sind viele Menschen in Deutschland unzureichend gegen impfpräventable Krankheiten geschützt. Bei Kindern bestehen deutliche Lücken im Schutz gegen Keuchhusten, Polio und Masern. Versäumte Impfserien und große regionale Unterschiede zeigen, dass noch Handlungsbedarf besteht.

Impfung Arzt

Trotz insgesamt hoher Impfquoten in Deutschland zeigen aktuelle Daten des Robert Koch-Instituts (RKI), dass viele Menschen unzureichend gegen impfpräventable Erkrankungen geschützt sind. Besonders problematisch ist der fehlende Abschluss von Impfserien, wie das RKI im aktuellen Epidemiologischen Bulletin (50/2024) berichtet.  

Impflücken bei Kindern und Jugendlichen

Bei Kleinkindern liegt die erste Impfung häufig noch im hohen Bereich: So haben 96% der im Jahr 2021 geborenen Kinder eine erste Impfung gegen Poliomyelitis erhalten. Allerdings sinkt die Quote für die vollständige Grundimmunisierung bis zum 24. Lebensmonat auf nur 77%– ein ähnliches Bild zeigt sich bei Masern und Pertussis.

Die Erstimpfung gegen Masern, Mumps, Röteln (MMR) erreicht eine Quote von 87% bei 15 Monate alten Kindern, die zweite Dosis (MMR2) liegt bei 77% im Alter von 24 Monaten. Die erste Impfung gegen Varizellen bekamen noch 81% (15 Monate), die zweite nur noch 73% (24 Monate).  

Besorgniserregend ist der Rückgang der dritten Impfung gegen Diphtherie-Tetanus-Pertussis (DTP3): Die erste und zweite Dosis der Impfung erreichten noch konstant hohe Impfraten von 96% bzw. 94%. Seit der Einführung des 2+1-Schemas im Jahr 2020 ist die Quote bei der dritten Dosis (DTP3) im Alter von 15 Monaten auf 64% gesunken (Geburtsjahrgang 2021).  

Kinderlähmung vernachlässigt

Die Polioimpfung rückt angesichts des Nachweises von Schluckimpfstoff-abgeleiteten Polioviren in deutschen Abwasserproben in den Fokus. Ungeimpfte oder unvollständig geimpfte Kinder tragen ein erhöhtes Risiko, an Poliomyelitis zu erkranken. Laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) sollte die Grundimmunisierung bis zum zwölften Lebensmonat abgeschlossen sein, jedoch haben 37% der Kinder zum ersten Geburtstag keinen vollständigen Impfschutz.

Die HPV-Impfung wird in Deutschland seit 2007 für Mädchen und seit 2018 für Jungen empfohlen. Während die Impfquote für Mädchen kontinuierlich anstieg, hat sie seit 2021 ein Plateau von 55% erreicht. Bei Jungen verlangsamte sich der jährliche Anstieg seit 2020, und zuletzt waren nur 34% der 15-jährigen Jungen vollständig geimpft. Diese Zahlen zeigen, dass viele Jugendliche ohne ausreichenden Schutz vor HPV-assoziierten Krebserkrankungen ins Erwachsenenalter eintreten.

Nachholimpfungen bis ins Schulalter verbessern die Zahlen, dennoch bleiben bis zum empfohlenen Zeitpunkt teils kritische Defizite. Einflüsse wie das Masernschutzgesetz (2020) zeigen positiven Effekt auf spezifische Impfungen, insbesondere MMR und Varizellen.

Impflücken bei Erwachsenen und Schwangeren

Erwachsene nutzen Impfangebote häufig ebenfalls nur unzureichend. Gegen COVID-19 sind nur 16% der über 60-Jährigen geimpft, gegen Pneumokokken 20% und gegen Influenza 38%. Bei Schwangeren stieg die Pertussis-Impfquote von 34% (2020) auf 48% (2022), während die Influenza-Quote weiterhin niedrig bleibt: Nur 21% der Schwangeren ließen sich 2023/24 impfen und das, obwohl die Immunisierung seit 2010 allen Schwangeren in der Influenzasaison empfohlen wird. Schwangere ab 30 Jahren lassen sich generell häufiger impfen als jüngere Frauen.  

Regionale Unterschiede

Die Impfquoten variieren stark zwischen den Bundesländern. Ein Beispiel ist die Zweitimpfung gegen Masern im Alter von 24 Monaten: In Sachsen beträgt die Quote 55%, während sie in Schleswig-Holstein bei 84% liegt. Ähnlich große Abweichungen zeigen sich bei der Polio-Impfung, bei der im Landkreis Stade (Niedersachsen) 90% der Kinder vollständig geimpft sind, während die Quote im Landkreis Donau-Ries (Bayern) nur 43% beträgt.  

Bei den HPV-Impfungen gibt es ebenfalls starke regionale Schwankungen. In Mühldorf am Inn (Bayern) sind nur 27% der Mädchen und 9% der Jungen vollständig geimpft, während in Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) 81% der Mädchen und 72% der Jungen einen vollständigen Impfschutz haben. Das Impfdashboard „VacMap“ des RKI bietet detaillierte Informationen zu Impfquoten auf Bundesland- und Kreisebene und verdeutlicht die erheblichen regionalen Unterschiede.

Handlungsempfehlungen

Das RKI fordert Ärztinnen und Ärzte auf, jede Gelegenheit zu nutzen, den Impfstatus ihrer Patientinnen und Patienten zu überprüfen und versäumte Impfungen nachzuholen. Denn unzureichende Impfungen haben sowohl für Einzelpersonen als auch für die Gesellschaft schwerwiegende Folgen. So haben zum Beispiel über 20% der Zweijährigen haben keinen vollständigen Masernschutz, was zu einem Anstieg der Masernfälle und wiederholten Ausbrüchen führt.

Autor:
Stand:
16.01.2025
Quelle:

Thorsten Rieck, Annika Steffen, Marcel Feig, Cornelius Rau (2024): Impfquoten in Deutschland – aktuelle Ergebnisse aus dem RKI-Impfquotenmonitoring. Epidemiologisches Bulletin (50/2024)

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