Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäische Rat empfehlen eine Influenza-Impfquote von mindestens 75% für Hochrisikopersonen. In Deutschland betrug die Durchimpfungsrate für gefährdete Gruppen im Jahr 2019 nur 34,9%. Um das Impfziel zu erreichen, sind Initiativen im Bereich der öffentlichen Gesundheit erforderlich.
Apotheker sind bereits in mehreren Ländern weltweit berechtigt, Impfungen durchzuführen. Dadurch konnten die Impfquoten erhöht und gleichzeitig die Gesundheitskosten gesenkt werden. Eine frühere gesundheitsökonomische Modellrechnung ergab, dass durch Impfungen in Apotheken die Impfrate um zwölf Prozentpunkte kurz- bis mittelfristig gesteigert werden kann.
Mit Inkrafttreten des Gesetzes für den Schutz vor Masern und zur Stärkung der Impfprävention am 01.03.2020 und dem legalen Rahmenwerk (§ 132j SGB V) wurden Modellvorhaben zur Grippeschutzimpfung in Apotheken in Deutschland ermöglicht. Das erste Modellprojekt starteten die Apothekerkammer Nordrhein e.V. und die Krankenkasse AOK Rheinland Hamburg im Jahr 2020.
Gemäß § 132j SGB V sind die Modellvorhaben nach allgemein anerkannten wissenschaftlichen Standards zu begleiten und auszuwerten. Drauf basierend will der Gesetzgeber entscheiden, ob Grippeimpfungen in der Apotheke in die Regelversorgung aufgenommen werden. Die Modellvorhaben können somit Wegbereiter dafür sein, dass Apotheker zukünftig auch gegen andre Krankheiten wie COVID-19 impfen dürfen.
Zielsetzung
Das Forscherteam um Cosima Bauer und Professor Dr. Uwe May von dem Beratungs- und Forschungsunternehmen „May und Bauer – Konzepte im Gesundheitsmarkt GbR“ in Rheinbreitbach wollte Sicherheitsaspekte der Influenzaimpfungen in deutschen Apotheken und Patientenerfahrungen während der Saisons (2020/21 und 2021/22) des Modellprojekts wissenschaftlich evaluieren.
Methodik
Es wurde ein standardisierter Patientenfragebogen vom Robert-Koch-Institut (RKI) und der Bundesapothekerkammer entwickelt. Die Impf-Apotheker füllten den ersten Teil des digitalen Fragebogens mit ihren Patienten gemeinsam aus. Der zweite Teil wurde ausschließlich von den Apothekern bearbeitet. Alle Umfrageergebnisse wurden digital erfasst und mit der IBM SPSS-Software für die Grippesaisons 2020/21 und 2021/22 ausgewertet.
Ergebnisse
Insgesamt 420 Patienten aus 33 Apotheken (2020/21) und 1.371 Patienten aus 127 Apotheken (2021/22) in ganz Nordrhein-Westfalen nahmen am Modellprojekt teil. Für 30% (2020/21) beziehungsweise 19% (2021/22) der Patienten war es die erste Grippeimpfung. Das Angebot in der Apotheke überzeugte 12% (2020/21) und 14% (2021/22) der Patienten, die sich sonst nicht hätten impfen lassen. Weitere 13% (2020/21) und 16% (2021/22) waren sich unsicher.
2020/21 traten keine unerwünschten Reaktionen auf. Drei leichte Zwischenfälle wurden 2021/22 registriert und professionell und ohne Folgen behandelt.
Die Patientenzufriedenheit war hoch (99%, 2020/21; 100%, 2021/22). Fast alle Patienten würden sich wieder in der Apotheke impfen lassen (98%, 2020/21; 99%, 2021/22). Viele würden sich auch gegen andere Krankheiten in der Apotheke impfen lassen wie FSME oder Pneumokokken (78%, 2020/21; 98%, 2021/22).
Fazit
Die Analyse stützte frühere Forschungen zur Gesundheitsökonomie und zur Versorgung mit Gesundheitsdienstleistungen. Impfungen in Apotheken können bisher ungeimpfte Menschen erreichen und die Impfquoten verbessern. Das ist auf den niedrigschwelligen Zugang, das große Vertrauen in die Kompetenz der Apotheker und das hohe Maß an Sicherheit zurückzuführen.
Die positiven Ergebnisse unterstützten laut den Wissenschaftlern die Entscheidung, Apothekern die COVID-19-Imfpung zu erlauben, und ebenso die Überführung von Impfungen in der Apotheke in die Regelversorgung.









