Leitlinien-Update für kongenitale Ichthyosen: Screening auf psychische und kardiale Risiken bei Ichthyose

Die aktualisierten internationalen Leitlinien zur kongenitalen Ichthyose fordern erstmals ein gezieltes Screening auf Neuroentwicklungsstörungen, affektive Störungen und Herzrhythmusstörungen bei X-chromosomaler Ichthyose – gestützt auf neue klinische Evidenz.

trocken

Kongenitale Ichthyosen bilden eine heterogene Gruppe seltener, meist monogener Hauterkrankungen, die durch eine gestörte epidermale Barriere mit Hyperkeratose, Schuppung sowie inflammatorischen Veränderungen gekennzeichnet sind. Erste Symptome treten typischerweise perinatal oder im frühen Kindesalter auf.

Die Erkrankung geht häufig mit einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität einher und erfordert eine lebenslange interdisziplinäre Betreuung. In den letzten Jahren hat sich das Verständnis der genetischen Ursachen und der systemischen Komorbiditäten deutlich erweitert. Dies begründete die Notwendigkeit zur Aktualisierung der bisherigen europäischen Versorgungsleitlinien aus dem Jahr 2019.

Die überarbeiteten Empfehlungen wurden im 'British Journal of Dermatology' veröffentlicht und durch eine internationale Expertengruppe auf Basis aktueller Literaturdaten sowie eines Konsensprozesses erarbeitet.

Fokus auf systemische Komplikationen

Der zweite Teil der Leitlinien widmet sich explizit dem Management von Komplikationen und Besonderheiten ausgewählter Subtypen. Berücksichtigt werden u. a. ophthalmologische, HNO-ärztliche, nutritive und thermoregulatorische Probleme sowie Pruritus, Schmerzen, Hautinfektionen, Impfanforderungen, Wachstumsstörungen und physische Einschränkungen.

Ein besonderes Augenmerk gilt der Versorgung in der Neonatalperiode sowie dem differenzierten Management des Netherton-Syndroms.

Screening auf kardiovaskuläre und psychiatrische Komorbiditäten bei XLI

Einen wesentlichen Fortschritt stellt die Aufnahme gezielter Screening-Empfehlungen für Patienten mit X-chromosomaler Ichthyose (XLI) dar, die durch eine Mutation im STS-Gen auf dem X-Chromosom verursacht wird. Grundlage hierfür sind neue Daten der Cardiff University, wonach Träger einer STS-Deletion ein deutlich erhöhtes Risiko für Neuroentwicklungsstörungen (z. B. ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen), affektive Störungen sowie Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern aufweisen.

Die Leitlinie empfiehlt nun ausdrücklich, Patienten mit XLI in der dermatologischen Versorgung auf entsprechende Komorbiditäten zu screenen und bei Auffälligkeiten frühzeitig in die pädiatrisch-psychiatrische bzw. kardiologische Diagnostik und Therapie zu überführen.

„Neuropsychiatrische und kardiovaskuläre Begleiterkrankungen können schwerwiegende Auswirkungen auf die Lebensqualität und das Langzeitrisiko haben. Ein frühzeitiges, interdisziplinäres Vorgehen ist daher entscheidend“, betont Dr. William Davies, Dozent für Verhaltensgenetik an den Fakultäten für Psychologie und Medizin der Cardiff University in einer Pressemitteilung der Universität.

Differenzierter Versorgungsansatz für neonatal betroffene Patienten und seltene Subtypen

Für Neugeborene mit Ichthyose betont die Leitlinie die Notwendigkeit einer strukturierten Überwachung in Bezug auf Flüssigkeits- und Temperaturhaushalt, Infektionsrisiko sowie Ernährung.

Beim Netherton-Syndrom, einer seltenen Form mit systemischer Immunkomponente, wird ein individuelles, multidisziplinäres Management unter Berücksichtigung atopischer und infektiologischer Risiken empfohlen.

Fazit: Leitlinien stärken interdisziplinäre Versorgung bei Ichthyosen

Die überarbeiteten internationalen Leitlinien bilden den aktuellen Stand der Versorgung kongenitaler Ichthyosen ab und erweitern ihn um systemische Perspektiven.

Insbesondere bei X‑chromosomaler Ichthyose markiert die Integration kardiologischer und psychiatrischer Screening-Empfehlungen einen Paradigmenwechsel hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung des Patienten.

Die klaren Handlungsempfehlungen schaffen für dermatologische Fachkräfte eine wichtige Grundlage, um auch extrakutane Manifestationen frühzeitig zu erkennen und interdisziplinär zu managen. Weitere Forschung zur Langzeitprognose und Versorgungseffektivität ist erforderlich, insbesondere bei seltenen Subtypen.

Autor:
Stand:
01.07.2025
Quelle:
  1. Mazereeuw-Hautier, J. et al. (2025): Management of congenital ichthyoses: guidelines of care: Part two: 2024 update. British Journal of Dermatology, DOI: 10.1093/bjd/ljaf077.
  2. Cardiff University, Pressemitteilung, 28. Mai 2025.
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