Wirtschaftliche Armut – ein Risikofaktor für Hypoglykämien
Bei Menschen mit Diabetes mellitus gehen schwere Hypoglykämien mit einer Verdreifachung des Sterblichkeitsrisikos einher. Zudem sind Hypoglykämien mit einer erheblichen Zunahme des kognitiven Verfalls, Schlaganfällen, Stürzen und Unfällen im Straßenverkehr assoziiert. Das Hypoglykämierisiko nimmt mit dem Alter zu.
In den USA sind inzwischen 44 Millionen Menschen von wirtschaftlicher Ernährungsunsicherheit betroffen. Dass dadurch das Risiko für Hypoglykämien bei Menschen mit Diabetes steigt, wurde in Studien bereits beleuchtet. So sind in den USA zum Monatsende hin Anstiege der Krankenhausbehandlungen wegen Hypoglykämien zu beobachten, weil dann das Budget für Nahrungsmittel bei vielen Menschen ausgeschöpft ist.
Da das Bewusstsein für dieses Problem in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist, stehen standardisierte Fragebögen zur Verfügung, um wirtschaftliche Ernährungsunsicherheit zu detektieren. Doch Ernährungsunsicherheit kann auch physische Ursachen haben. So z. B., wenn Betroffene Probleme haben, Nahrungsmittel einzukaufen und zuzubereiten. Ein amerikanisches Wissenschaftsteam ging nun der Frage nach, wie sich physische Ernährungsunsicherheit auf das Hypoglykämierisiko älterer Menschen auswirkt.
Physische Ernährungsunsicherheit: ein unterschätztes Problem
In diesem Zusammenhang wurden 1164 an Diabetes erkrankte Personen aus der „Diabetes and Aging Study“ zusätzlich mittels Fragebögen zu ihrer Ernährungssicherheit und Hypoglykämien in den vergangen 12 Monaten befragt. Die Betroffenen waren über 65 Jahre alt, durften keine geistigen Einschränkungen aufweisen und wurden entweder mit Sulfonylharnstoffen oder Insulin therapiert. Die Modelle wurden um mehrere Variablen bereinigt, die den Zusammenhang zwischen Ernährungsunsicherheit und schwerer schwere Hypoglykämie beeinflussen könnten, einschließlich Alter, Gebrechlichkeit HbA1c-Wert, Komorbiditäten und allgemeine finanzielle Belastung.
Es gaben 12,3% der Befragten an, ihre Ernährung sei nicht gesichert. Als Gründe dafür nannten 38,4% finanzielle Probleme, 21,1% gaben an Schwierigkeiten damit zu haben für sich selbst einzukaufen und zu kochen und bei 40,5% spielten beide Faktoren eine Rolle.
Eine unstete Ernährung war mit einem 4-fach erhöhten Risiko für das Auftreten schwerer Hypogylkämien assoziiert. Das galt sowohl für die wirtschaftliche als auch für die physische Ernährungsunsicherheit. Bei 77,5% der Hypoglykämien waren ausgelassene, zu kleine oder zu spät eingenommene Malzeiten die Ursache. Wenig überraschend war das Risiko für Hypoglykämien besonders hoch, wenn sowohl physische als auch wirtschaftliche Gründe für eine Ernährungsunsicherheit vorlagen.
Jede fünfte von Ernährungsunsicherheit betroffene Person hatte keine wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die Forschenden weisen darauf hin, dass diese Gruppe durch die zur Verfügung stehenden Fragebögen zur Ernährungssicherheit nicht erfasst worden wären.
Fazit für die Praxis
Die Forschenden schlussfolgern aus den Ergebnissen, dass Probleme bei der Sicherstellung einer regelmäßigen Ernährung in die Therapieentscheidung eingehen sollten. Dabei spielen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale und physische Aspekte einer regelmäßigen Nahrungsaufnahme eine wichtige Rolle und sollten gezielt abgefragt werden. Standardisierte Fragebögen könnten dabei helfen, die Probleme der physischen Ernährungsunsicherheit systematisch zu erfassen.








