HbA1c als Screeningparameter für Gestationsdiabetes

Der orale Glukosetoleranztest ist aufwändig. Untersuchungen zeigen, dass er gerade in Ländern mit niedrigen bzw. mittleren Einkommen oft nicht durchgeführt wird und dass, obwohl in diesen Ländern die Prävalenz für Gestationsdiabetes besonders hoch ist. Eine neue Studie untersucht deshalb eine alternative Screeningstrategie.

HbA1c

Oraler Glukosetoleranztest wird häufig nicht durchgeführt

Schätzungsweise 90% der Fälle von Gestationsdiabetes treten in Ländern mit niedrigen- bzw. mittleren Einkommen auf (LMICs). Häufig wird in diesen Ländern jedoch der aufwändige orale Glukosetoleranztest (OGTT) in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche nicht durchgeführt. Das liegt z. B. daran, dass die Frauen sich nicht testen lassen, weil ihnen dadurch ein Lohnausfall entsteht. So bleiben viele Fälle von Gestationsdiabetes unentdeckt, mit schwerwiegenden Folgen für Mütter und Kinder.

Ziel einer englischen Forschungsgruppe war es deshalb, eine praktikablere Screeningstrategie zu ermitteln. Sie versuchten Vorhersagen darüber zu treffen, welche Frauen wirklich von einem OGTT profitieren, und für wen er verzichtbar ist. Dazu bestimmten sie in der zehnten bis zwölften Schwangerschaftswoche (SSW) den HbA1c-Wert und erhoben anamnestisch weitere Risikofaktoren. Die Ergebnisse ihrer Studie wurden unlängst in »The Lancet« veröffentlicht.

Multizentrische Studie in Kenia, Indien und England

In die sogenannte STRiDE-Studie wurden ca. 3000 Frauen aus Südindien, 4000 Frauen aus Westkenia und die Daten von 4000 Frauen aus der englischen PRiDE Studie eingeschlossen. Die Frauen waren zwischen 18 und 50 Jahre alt. Die Schwangerschaft durfte nicht weiter als bis zur 16. Wochen fortgeschritten sein. Schwangere mit vorbekanntem Typ-1- oder Typ-2-Diabetes oder einem Gestationsdiabetes zum Zeitpunkt der ersten Screeninguntersuchung wurden ausgeschlossen. Gleiches galt für Frauen mit Anämie oder einer Hämoglobinopathie.

Zur Bestimmung des HbA1c-Wertes verwendeten die Forschenden „Point-of-Care“-Testmethoden, bei denen der HbA1c-Wert mittels eines Gerätes unkompliziert aus einem Tropfen kapillären Blutes bestimmt werden kann. Das kann gerade für abgelegene Regionen von Vorteil sein. Der HbA1c-Wert wurde isoliert oder in Kombination mit anderen Risikofaktoren (Alter, Body-Mass-Index und Familienanamnese für Diabetes) gemeinsam betrachtet.

Screeningstrategie könnte Zahl unnötiger OGTTs reduzieren

Die Prävalenz von Schwangerschaftsdiabetes nach OGTT in der 24. bis 28. Woche betrug 19,2% in Indien, 3,0% in Kenia und 14,5% in Großbritannien. Die kombinierten Risikoscores sagten einen Gestationsdiabetes besser voraus als isolierte HbA1c-Wert-Bestimmungen. 

Die Forschenden konnten die Schwangeren anhand der Risikofaktoren und des HbA1c-Wertes in drei Gruppen einteilen.

  1. Frauen mit hohem Risiko für einen Gestationsdiabetes: Diese Frauen und ihre Kinder profitieren von einer frühen Intervention bereits vor der 24. SSW. 
  2. Frauen mit niedrigem Risiko für einen Gestationsdiabetes bei denen auf den OGTT verzichtet werden kann 
  3. Frauen mit einem mittleren Risiko, die besonders vom OGTT profitieren.

Durch ein Screening könnten OGTTs laut den Forschenden bei bis zu 64% der Frauen überflüssig werden. Die so freiwerdenden Ressourcen könnten zur frühen Behandlung von Frauen mit hohem Risiko für einen Gestationsdiabetes genutzt werden.

Weitere Studien nötig

Die Forschenden betonen, wie wichtig es ist, Grenzwerte an die jeweilige Bevölkerung anzupassen. Z. B. waren die mittleren HbA1c-Werte in Kenia trotz einer geringeren Prävalenz für einen Gestationsdiabetes in der 24. bis 28. SSW höher als in der indischen Bevölkerung.

Die Forschenden geben weiterhin zu bedenken, dass der HbA1c Wert möglicherweise zu einer Überdiagnose des Gestationsdiabetes führen könnte. Der Nutzen der Screeningstrategie müsse deshalb noch in randomisierten kontrollierten Studien weiter erforscht werden. 

Autor:
Stand:
15.07.2024
Quelle:

Saravanan, P., Deepa, M., Ahmed, Z. et al. (2024): Early pregnancy HbA1c as the first screening test for gestational diabetes: results from three prospective cohorts. The Lancet Diabetes & Endocrinology. Published: June 24, 2024. DOI: 10.1016/S2213-8587(24)00151-7.

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