Die Prävalenz von Diabetes mellitus ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen: Für das Jahr 2021 wurde die Zahl der Erkrankten auf etwa 573 Millionen geschätzt. Davon entfallen etwa 90% auf den Typ-2-Diabetes.
Während beim Diabetes mellitus Typ 1 (DM1) ein absoluter Insulinmangel vorliegt und Insulin von Beginn der Erkrankung an substituiert werden muss, ist der Typ 2 durch einen relativen Insulinmangel gekennzeichnet. Wenn mit den empfohlenen Lebensstiländerungen und Antidiabetika keine ausreichende Blutzuckerkontrolle erreicht werden kann, wird auch beim DM2 Insulin zur Therapieeskalation eingesetzt.
Aktuelle Empfehlungen zur Insulinlagerung
Auf der Website der American Diabetes Association wird auf die Temperaturempfindlichkeit von Insulin hingewiesen und empfohlen
- das Medikament nicht in der Nähe von extremer Hitze oder Kälte zu lagern,
- Insulin nicht in der Tiefkühltruhe, unter direkter Sonneneinstrahlung oder im Handschuhfach zu lagern,
- das Ablaufdatum zu kontrollieren und kein abgelaufenes Insulin zu verwenden und
- vor Gebrauch die Verpackung und Flasche zu überprüfen.
Kontinuierliche Kühlung in vielen Gebieten nicht möglich
Während die oben genannten Anforderungen in Industrieländern in der Regel erfüllt werden können, leben die meisten Familien in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen in Gebieten mit eingeschränktem Zugang zu medizinischen Einrichtungen und Kühlung. Orte, die von Naturkatastrophen und extremen Hitzeperioden betroffen sind oder in Krisengebieten liegen, erschweren eine angemessene Lagerung von Insulin.
Auch darüber, wie Insulin gelagert werden soll, wenn eine zuverlässige Kühlung nicht gewährleistet werden kann, besteht kein klarer Konsens.
Eine Cochrane-Arbeitsgruppe untersuchte in einem Review daher die Auswirkungen einer Insulinlagerung ober- oder unterhalb des vom Hersteller empfohlenen Temperaturbereichs oder der empfohlenen Verwendungsdauer.
Es wurden sowohl in-vitro-Studien, Daten von pharmazeutischen Unternehmen sowie eine klinische Pilot-Studie in das Review eingeschlossen. Die beiden genutzten Informationsquellen waren bereits veröffentliche Studien sowie bisher unveröffentlichte Daten von Arzneimittelherstellern.
Keine verminderte Wirkung bei ungekühlter Lagerung
In der klinischen Pilotstudie wurde der Blutzuckerspiegel nach intravenöser Insulininjektion untersucht, nachdem das Insulin in einem Tontopf aufbewahrt worden war. In wärmeren Ländern ist dies eine Methode, um die Temperatur im Behälter zu senken. Es wurde kein Unterschied zwischen dem im Tontopf und dem im Kühlschrank gelagerten Insulin festgestellt.
Abgesehen von zwei Studien, die über einen stärkeren Verlust der Insulinaktivität berichteten, zeigten die meisten Studien zu Ampullen und Pens unter verschiedenen Temperatur- und Lagerungsbedingungen keinen klinisch relevanten Abfall der Insulinkonzentration und einem damit vermuteten Wirkverlust. Auch Temperaturschwankungen zwischen 25 °C und 37 °C über einen Zeitraum von bis zu drei Monaten führten nicht zu einem Verlust der Insulinaktivität.
Mehrfaches Punktieren von Durchstechflaschen und Insulinampullen, wie es bei Diabetikern üblich ist, führte ebenfalls zu keiner klinisch relevanten Abnahme der Insulinaktivität.
Untersuchungen an vorgefüllten Spritzen zeigten keine Abnahme der Insulinwirkung oder Anzeichen von mikrobiellem Wachstum.
Thermostabilitätsstudien, für welche Daten von pharmazeutischen Herstellern zur Verfügung gestellt wurden, zeigten ebenfalls keine klinisch relevanten Veränderungen der Insulinaktivität. Das Arzneimittel wurde hierbei bis zu sechs Monate bei bis zu 25 °C und bis zu zwei Monate bei bis zu 37 °C gelagert und anschließend untersucht.
Weitere Studien und Aktualisierung der Lagerungsempfehlungen nötig
Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit weiterer Studien zur Thermostabilität von Humaninsulin. Insbesondere sollten Lagerungsbedingungen untersucht werden, die in diesem Review nicht berücksichtigt wurden. Die Autoren nennen in diesem Zusammenhang Mischinsuline, geöffnete Ampullen sowie Insulinpumpen und kalte Umgebungsbedingungen.
Die Firma Novo Nordisk gab im April 2022 bekannt, dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) dem Unternehmen ein positives wissenschaftliches Gutachten zu einer vorgeschlagenen Aktualisierung der Lagerungsbedingungen für zwei Humaninsuline ausgestellt hat.
Damit wird die Zulassung flexiblerer Lagerungsbedingungen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen unterstützt. Zwei Insuline des Unternehmens könnten demnach vor der Anwendung vier Wochen lang bei unter 30°C außerhalb des Kühlschranks gelagert werden, wenn das Verfallsdatum noch mindestens 6 Monate beträgt. Nach Anbruch sollte das Insulin ebenfalls ungekühlt gelagert werden.
Die Autoren empfehlen, dass sich weitere Hersteller mit den Zulassungsbehörden in Verbindung setzen und Daten zur Thermostabilität zur Verfügung stellen, um die Lagerungsempfehlungen für Humaninsulin besser an die Praxis anpassen zu können.









