Knochendichte nach geschlechtsangleichender Hormontherapie

Ergebnisse einer niederländischen Kohortenstudie zeigen, dass eine kontinuierliche geschlechtsangleichende Hormontherapie im Anschluss an eine Behandlung mit GnRH-Agonisten in der Pubertät zu einer Zunahme der Knochendichte führt.

Osteoporose

Im Rahmen einer geschlechtsangleichenden Therapie bei Personen mit Genderdysphorie besteht die Möglichkeit, Agonisten des Gonadotropin-Releasing-Hormons (GnRH) einzusetzen. Eine kontinuierliche Gabe führt zur Herunterregulierung der Freisetzung gonadotroper Hormone, sodass sie als Pubertätsblocker fungieren können. Der Einsatz ist allerdings aufgrund potentieller Langzeitfolgen umstritten. Unter anderem gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche im Zusammenhang mit hormonellen geschlechtsangleichenden Therapien. Die Datenlage zu dieser Thematik ist jedoch limitiert.

In einer im Dezember 2023 veröffentlichten niederländischen Studie wurde die Entwicklung der Knochendichte bei Trans-Personen, die in der Jugend GnRH-Agonisten einnahmen und sich im Anschluss langfristig weiteren geschlechtsangleichenden Therapien unterzogen, untersucht.

Kohortenstudie mit 75 teilnehmenden Personen

Die Studie fand im Zeitraum von März 2020 bis August 2021 statt. Zur Teilnahme wurden Trans-Personen aus dem “Amsterdam Cohort of Gender Dysphoria” Register, in dem Daten von Menschen gesammelt werden, die zwischen 1972 und 2018 die Klinik für Geschlechtsidentität am University Medical Center in Amsterdam aufsuchten, eingeladen. Insgesamt wurden 25 Personen mit einem bei Geburt zugewiesenen männlichen Geschlecht und 50 Personen mit einem bei Geburt zugewiesenen weiblichen Geschlecht aufgenommen, wobei das Durchschnittsalter in beiden Gruppen bei 28 Jahren lag. Alle teilnehmenden Personen nahmen in der Pubertät GnRH-Agonisten und anschließend über einen Zeitraum von durchschnittlich 11,5 Jahren geschlechtsangleichende Hormone (GAH) ein. Dabei bekamen Personen, die eine Maskulinisierung anstrebten, Testosteron verabreicht, während Personen, die eine Feminisierung anstrebten, Östradiol einnahmen.

Bei allen Personen wurden die Z-Scores im Bereich der Lendenwirbelsäule-, Hüft- und Oberschenkelhalsknochen bestimmt und mit den Z-Scores zu Beginn der GnRH-Agonisten-Therapie sowie im Alter von 22 und 25 Jahren verglichen. Der Z-Score ergibt sich aus der Standardabweichung der Knochendichte vom Mittelwert einer Vergleichsgruppe aus Gleichaltrigen.

Knochendichte fällt unter Pubertätsblocker-Therapie und steigt bei Langzeit-GAH-Einnahme

In beiden Gruppen nahmen die Z-Scores unter der GnRH-Agonisten-Therapie in allen drei gemessenen Bereichen ab. Während der darauf folgenden GAH-Therapie nahm die Knochendichte in den Hüftknochen und im Oberschenkelhalsknochen wieder zu. Die Werte im Alter von 22 und 25 Jahren waren dabei deutlich niedriger als die Z-Scores zum Studienzeitpunkt. Diese waren bei den meisten teilnehmenden Personen mit den Z-Scores vor GnRH-Agonisten-Therapie vergleichbar.

Die Z-Scores im Bereich der Lendenwirbelsäule hingegen stiegen nur bei Personen, die bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen bekamen, während der Einnahme des GAH Testosteron wieder auf das Prä-GnRH-Agonisten-Therapie-Level an.

Insuffiziente Östradiol-Supplementation?

Bei Personen, denen bei Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde und die im Rahmen der GAH-Therapie Östradiol einnahmen, lagen die Z-Scores in der Lendenwirbelsäule unter den Levels vor Beginn der GnRH-Agonisten-Therapie.

Die Lendenwirbelsäule ist empfindlicher für Sexualhormone als die anderen untersuchten Knochen, sodass die Autoren einen möglichen Zusammenhang zwischen niedrigeren Z-Scores in der Lendenwirbelsäule und niedrigen Östradiol-Konzentrationen in dieser Gruppe sehen. Dies könnte eventuell auf eine insuffiziente Östrogen-Supplementation bei Personen mit bei Geburt zugewiesenem männlichen Geschlecht hindeuten.

Des Weiteren wurden niedrige Lendenwirbelsäulen-Z-Scores bei Personen, die eine Maskulinisierung anstrebten und hohe Konzentrationen des luteinisierenden Hormons (LH) aufwiesen, beobachtet. Diese Korrelation könnte darauf hinweisen, dass diese Gruppe von höheren Testosteron-Dosierungen zur Unterdrückung der LH-Synthese profitieren könnte.

Limitationen

Die Tatsache, dass die teilnehmenden Personen zu unterschiedlichen Pubertäts-Zeitpunkten mit der GnRH-Agonisten-Therapie starteten und damit unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen vorlagen, stellt eine wichtige Limitation der Studie dar. Weiterhin konnten andere Einflussfaktoren auf die Knochendichte, wie beispielsweise Vitamin-D-Konzentrationen, nicht analysiert werden, da diesbezügliche Angaben in der retrospektiven Datenbank unvollständig waren.

Fazit: Nutzen langfristiger GAH-Therapie in Bezug auf Knochendichte

Die Studienergebnisse weisen insgesamt darauf hin, dass eine Langzeit-GAH-Therapie nach GnRH-Therapie in der Pubertät eine Zunahme der Knochendichte bewirkt. Außerdem deuten die Ergebnisse auf einen möglichen Nutzen eines erweiterten Monitorings der Knochendichte hin, insbesondere im Bereich der Lendenwirbelsäule, bei Personen, die eine Feminisierung anstreben und das GAH Östrogen einnehmen. Diese Gruppe könnte eventuell von höheren Östrogen-Konzentrationen profitieren, wobei diesbezüglich weiterer Studienbedarf besteht.

Autor:
Stand:
01.02.2024
Quelle:

Van der Loos et al. (2023): Bone Mineral Density in Transgender Adolescents Treated With Puberty Suppression and Subsequent Gender-Affirming-Hormones, Jama Pediatrics, DOI: 10.1001/jamapediatrics.2023.4588

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