Weltweit haben schätzungsweise 650 Millionen Erwachsene eine Adipositas. Allein in den USA betrifft die Volkskrankheit 42% der Erwachsenen. Adipositas ist ein Gesundheitsrisiko, denn sie erhöht unter anderem das Risiko für Diabetes mellitus, kardiovaskuläre Erkrankungen und bestimmte Krebsarten.
Macht ein spätes Abendessen dicker?
Behandelt wird Adipositas häufig mittels Verhaltensintervention wie Kalorienrestriktion und Sport. Der gewünschte Effekt wird dadurch jedoch meist nicht erzielt. Könnte der Essenszeitpunkt eine Rolle spielen? Das hat sich ein amerikanisches Forschungsteam um Dr. Nina Vujović und Dr. Frank A. J. L. Scheer vom Brigham and Women’s Hospital in Boston, USA, gefragt. Sie vermuteten, dass spätes Essen eine positive Energiebalance fördert. Genauer gesagt: Wer spät ist, hat später mehr Hunger und verbrennt weniger Energie. Gleichzeitig könnten molekulare Veränderungen auftreten, die die Adipogenese befördern [1].
Das Experiment
Um ihre Hypothesen zu überprüfen, führte das Team eine laborbasierte, randomisierte Cross-Over-Studie durch. Dafür rekrutierten sie 16 übergewichtige gesunde Freiwillige (durchschnittliches Alter 37,3 Jahre [±2,8 Jahre]; 5 Frauen, BMI 28,7 kg/m² [±0,6 kg/m²; Spanne 25,0-34,9 kg/m²], kein Diabetes), die zwei Mal für mehrere Tage im Labor blieben. Sie wurden in zwei Gruppen unterteilt, eine Gruppe aß beim ersten Laboraufenthalt abends früh und die zweite Gruppe spät. Dann folgte eine mehrwöchige Washout-Phase, bevor die Gruppen getauscht wurden. Während der Intervention wurden unter anderem der Schlaf-Wach-Rhythmus, das Essen und körperliche Aktivitäten kontrolliert. Zusätzlich wurde den Teilnehmenden mehrfach Blut abgenommen, um die Hormone Leptin und Ghrelin zu bestimmen, und der Energieverbraucht wurde mittels indirekter Kalorimeterie und Körperkerntemperatur untersucht [1].
Wer spät isst, ist hungriger
Die Ergebnisse waren eindeutig: Aßen die Teilnehmenden statt 9 Stunden und 20 Minuten nach dem Aufwachen erst 13 Stunden und 30 Minuten nach dem Aufwachen, hatten sie mehr Hunger, verbrauchten tagsüber weniger Energie, die Körperkerntemperatur sank und die Genexpression im Fettgewebe änderte sich hin zu einer verstärkten Fettspeicherung. Spätes Essen führte dazu, dass der Leptinspiegel sank, der Grehlinspiegel stieg und vor allem das Ghrelin-zu-Leptin-Verhältnis über 24 Stunden betrachtet signifikant anstieg (p<0,0001). Gleichzeitig gaben die Teilnehmenden an, hungriger zu sein und später Hunger zu haben, wenn sie am Tag davor spät gegessen hatten. Auch der Energieverbrauch sank: Wer spät aß, verbrauchte in den wachen Stunden pro Tag 59,4 kcal (±13,9 kcal; 5,03%) weniger als die, die früh gegessen hatten (p<0,0001). Auch die Körperkerntemperatur sank nach späten Mahlzeiten (p=0,01). Das fiel vor allem in den letzten vier Schlafstunden auf (p=0,0095) [1].
Mehr Fetteinlagerung nach später Mahlzeit
Wie aber wirken sich späte Mahlzeiten auf den Stoffwechsel aus? Um dieser Frage nachzugehen, wurde einem Teil der Teilnehmenden eine Gewebeprobe aus dem Subkutanfett entnommen und im Labor mittels Sequenzierung untersucht. Die Genaktivität hatte sich im Fettgewebe durch den Zeitpunkt der letzten Mahlzeit geändert. Aßen die Teilnehmenden erst spät, waren in ihrem Fettgewebe verschiedene Signalwege verändert, die am Fettstoffwechsel beteiligt sind. Dazu zählten unter anderem das Protein p38, das, wenn es herunterreguliert wird, die Adipogenese fördert, sowie der TGF-beta Signalweg, der normalerweise die Adipogenese hemmt. Aber auch PDL6, DECR1, ASAH1 und ABHD5, die dabei helfen, Lipide aufzubrechen und zu verstoffwechseln, waren herunterreguliert. Gleichzeitig waren Gene, die an der Lipidsynthese beteiligt sind, hochreguliert wie GPAM, ACLY, AACS und CERK [1].
Die Bedeutung
Spätes Essen wirkt sich also auf die Energiebalance aus und beeinflusst biologische Prozesse im Gewebe. Das kann eine Gewichtszunahme befördern. Ob der Effekt langfristig anhält und im Alltag ebenfalls gemessen werden kann, können die Wissenschaftler noch nicht sagen. „[In der Studie] haben wir die Effekte [von frühem vs. spätem Essen] isoliert, indem wir Störvariablen wie die Kalorienaufnahme, körperliche Aktivität, Schlaf und Lichtexposition [im Labor] kontrolliert haben. Aber im echten Leben könnten viele dieser Faktoren selbst durch den Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme beeinflusst werden“, erklärt Scheer [2]. Deshalb werden zukünftige Studien zeigen müssen, ob der Effekt auch bei Menschen mit bereits bestehenden anderen Erkrankungen gemessen werden kann und dauerhaft bleibt.









